Bemerkenswert

Erster Blogbeitrag

Dies ist die Kurzfassung des Beitrags.

Jeden Tag schießen mir zahlreiche Texte und Gedanken durch den Kopf. Mein Umfeld meint, ich solle die Welt daran teilhaben lassen, an meinem kleinen Bauchladen der guten, manchmal auch äußerst sonderbaren Laune. So here it is!

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Halloween oder: „Wer hat Angst vorm Deutschen Mann?“

Gestern nach der Arbeit, habe ich noch im Supermarkt Halt gemacht. Süßigkeiten kaufen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich sogar früher Schluss gemacht, um rechtzeitig MIT den Süßigkeiten zu Hause zu sein, falls der ein oder andere minderjährige Horrorclown aus der Nachbarschaft klingelt, um ohne Erbringen einer Leistung Schokolade und Ähnliches zu erpressen.

Zunächst hatte ich ja geplant, potentiellen Bittstellern ausschließlich Obst und Dinkelkekse zu überreichen um zu schauen, wieviel Horror der Durchschnitts -Nachwuchs so aushält. Mein großes Herz und die Angst um die weiße Fassade haben mich dann aber doch davon abgehalten. Abgesehen davon, bin ich ja immer nur so lange Grinch, bis dann ein echtes Kind vor mir steht.

Vor einem eintägigen Feiertag – der selbstverständlich mit „Halloween“ nur sehr bedingt etwas zu tun hat- einen Supermarkt zu betreten ist natürlich eine äußerst dumme Idee, gibt es doch nie wieder etwas zu kaufen und offenbar das starke Bedürfnis, sich an einem Feiertag ohne besonderen kulinarischen Hintergrund die durchschnittliche Wochenkalorienzahl zuzuführen.

Eine unfassbare Menge unverkleideter, allerdings offenbar schon mit Zucker gefüllter Kinder marodieren durch das Geschäft. An der Tiefkühltruhe diskutieren zwei Teenager, weshalb der anstehende Feiertag „Allah-Heiligen“ heißt, aber dennoch in NRW frei ist.

Im non-food Gang liegen auf dem Boden mehrere Stapel noch nicht ins Regal sortierter Poster. Ein blonder Junge (Modell „Drako Malfoy“) latscht immer wieder mit seinen nassen Schuhen auf der Ware rum. Mutti steht mit Schwiegermutti daneben und bittet „Julian-Pascal“ immer wieder, das doch bitte zu unterlassen. Julian Pascal ist entweder taub oder blöd, wird aber von mir mit den Worten „Freundchen das lässt du mal schön sein“ von den Postern gezerrt. Nach Lektüre des sehr empfehlenswerten Buches „Kinder an die Macht“ werden Kinder, deren Eltern sich der Erziehung nachhaltig verweigern, in Hinkunft kostenlos von MIR erzogen.

Zu Hause angekommen, mache ich demonstrativ überall das Licht an, damit die Nachbars-Brut auch weiß, dass es hier etwas zu holen gibt. Zwei Stunden lang kommt niemand. Ich vergreife mich also selbst an den Qualitatserzeugnissen aus dem Hause Ferrero. Wenn nun Corona-bedingt niemand kommt und mich mit einer Tonne Süssigkeiten hier sitzen lässt kann ich vielleicht auch bald sagen, die Kinder hätten mir meine Figur ruiniert.

Berichterstattung in Funk- und Fernsehen, sowie unzählige Postings auf Twitter haben mich nachdenklich gemacht.

Neben wenigen Halloween Enthusiasten wird dort – ganz deutsch- gegen diesen „Aus Amerika eingeschleppten Kommerz-Quatsch“ geschimpft. Je nachdem noch mit fundamentalchristlicher Entrüstung. Da ist sie wieder: die typisch Deutsche Allergie gegen Spaß. Gefeiert werden darf schon, dann aber bitte nur mit ordentlichem Grund, der – wenn es ganz gut läuft- noch christlich traditionellen Ursprungs, zwischenzeitlich aber komplett ad absurdum geführt worden ist. Dass andere Menschen grundlos fröhlich und (oh Graus) womöglich sogar albern sind, das geht eindeutig zu weit. Kurzzeitig scheint eine Amerikanisierung des Abendlandes kurz bevor zu stehen.

Nun rege ich mich ja auch gerne und viel auf. Evtl setzt aber in Teilen bereits eine gewisse Altersmilde ein: Wenn sich jemand verkleiden und ausgehen will: so what? Wer hat sich als Kind nicht gerne verkleidet und gegruselt? Und wer hätte als Kind zu einer weiteren Gelegenheit nein gesagt, durch die Nachbarschaft zu ziehen und Süßigkeiten geschenkt bekommen? Und zwar ohne das entwürdigende Absingen irgendwelcher Kinderlieder? Richtig: niemand. (Für die katholische Kirche geblack-faced Klinkenputzen, damit der Papst sich in der Sommerresidenz einen weiteren goldenen Lokus einbauen kann: DAGEGEN hatte – außer den armen Kindern, die mitwirken mussten – damals niemand was. Aber hey: Das hat ja auch den Beteiligten keinen Spaß gemacht.

Halloween Feiern: DAS hätten wir ALLE gemacht, hätte es das damals schon gegeben. Nur hatten wir ja in den 80ern bedauerlicherweise NICHTS.

Es gibt aber tatsächlich Leute, die den „hässlichen Deutschen“ so perfekt verkörpern, dass sie sich nicht mehr horrormässig verkleiden müssen – und ich meine ausnahmsweise mal NICHT Bernd Höcke.

Das sind vielmehr solche Leute, die die Türe öffnen und aufwendig verkleidete Kinder anschnautzen es gebe nichts weil sie „diesen Blödsinn“ nicht mitmachten. (So gestern einer Freundin und deren Neffen passiert)

Egal wie scheisse man Halloween findet und egal ob man vergessen hat, welcher Tag ist: dann sucht man verdammt nochmal solange, bis man irgendwas zum verschenken gefunden hat! Notfalls geht auch Bargeld!!! Die kleinen Monster haben vermutlich sogar Paypal und nehmen die Moneten kontaktlos!!!

Ich lauere derweil immer noch hinter der Haustür, mit einem Jahresvorrat Schokolade. Offenbar sind die sonst recht präsenten Nachbarskinder alle ausgeflogen.

Auch erwachsene feiern Halloween. Weshalb auch nicht. Auch hier gilt: Die meisten Leute haben Spaß daran sich zu verkleiden und aus purem Eskapismus mal für ein paar Stunden die anstehende Gasrechnung, Corona-Verordnungen, Krieg in Europa etc zu vergessen. Früher fand ich dieses pausenlose „Feiern ohne Grund“ befremdlich. „Nach“ Corona muss ich sagen: lasst uns feiern so oft und so lange wir können. Lasst uns bei schrecklicher Musik und Gin-Tonic geschwängert die scharfe Nina aus der Nachbarschaft knutschen, auf die wir es immer schon abgesehen hatten, wer WEISS wie lange wir es noch können. Im gebeutelten Rheinland standen durch Lockdown und den Wegfall zweier Sessionen des Kneipen-Karnevals ohnehin zahlreiche Ehen aufgrund eines Mangels an Fremd-Bützchen auf dem Spiel. Das will doch keiner. Dann lieber schon sicherheitshalber im Oktober nachholen, was im Februar eventuell wieder verboten ist.

Was ich damit eigentlich nur sagen wollte: Lasst doch den Leuten einfach ihren Spaß. Entgegen anderslautenden Behauptungen wird NIEMAND gezwungen sich zu verkleiden oder fröhlich zu sein.

Über frühe Vögel und späte Eulen

Die Menschheit – so scheint es- teilt sich seit jeher in zwei wesentliche Gruppen: Frühaufsteher und normale Menschen. Wie es die Natur so will – schließlich leben wir nicht mehr im Paradies- muss immer jeweils ein Vertreter jeder Art mit dem jeweils anderen liiert sein. Auf das man sich lebenslänglich gegenseitig in den Wahnsinn treibe. Weniger misanthrope Charaktere würden es Evtl so begründen, dass jedes erfolgreiche Tandem einen braucht, der aufs Gas drückt und einen der bremst und das im besten Fall nicht gleichzeitig, sondern abwechselnd.

Selbst wenn letzteres gewährleistet ist, besteht weiterhin die Gefahr, sich gegenseitig durch die dem Früh- bzw. Spätaufsteher eigenen Marotten zu quälen. Und so möchte ich heute kurz die Leiden einer Nachteule am frühen Morgen schildern.

6:30 Uhr. In Trance habe ich bereits zum 10ten mal den nervig fiependen Handywecker auf „Schlummer“ gestellt. Ungemütliche, ach was sag ich CALVINISTISCHE Mitmenschen behaupten so lange ich denken kann, der Vorgang des Aufstehens sei weniger belastend, stünde man SOFORT ergo beim ersten Zirpen auf und drehe sich nicht nochmals um. Solche Menschen sind verrückt und / oder haben noch nie in einem wirklich bequemen Bett gelegen.

Mit solchen Menschen, lebe ich allerdings seit ca 15 Jahren zusammen.

6:35 Uhr: es zirpt. Ich taste nach links. Die Seite des Bettes des Frühaufstehers ist leer. Er ist um 6 Uhr, vermutlich VOR dem ersten Weckerklingeln aufgesprungen. Aufgesprungen mit einer zweiseitigen to do Liste, was noch vor dem ersten Kaffee zu erledigen ist. Das erklärt den infernalischen Lärm, der den Schlummer des Längerschläfers seit 6:01 Uhr unterschwellig stört. Man könnte fast meinen, eine Rotte Orks führe eine Hausdurchsuchung in unserer Küche durch.

Der Frühaufsteher räumt in unmenschlicher Lautstärke die Spülmaschine aus und wie es scheint ist es erforderlich dabei jede Schublade wiederholt auf und zuzureißen, jeden Topf mehrfach gegen irgendeine Ecke zu hämmern.

Ich drehe mich um zum Hund. Der canide Langschläfer der natürlich NICHT (…) mit im Bett schläft, hat sich unter der Decke wie ein Gürteltier zusammen gerollt. Ich rolle mich darum zusammen, spüre die Wärme der kleinen Pelzkugel und denke an Goethe, der glaube ich einmal gesagt hat, dass jede Art von Erwerbstätigkeit, wenn man mal ehrlich ist, unzumutbar ist (jedenfalls eine die es notwendig macht, vor 10 Uhr dem Bett zu entsteigen)

06:45 Uhr: es zirpt. Außerdem steht ein Frühaufsteher bestens gelaunt in der Tür und erkundigt sich viel zu laut, ob man nicht „endlich“ mal aufstehen wolle. Er habe bereits die Küche aufgeräumt, das Hühnerfutter zubereitet, die Schublade der Kommode repariert, ein Soufflé gezaubert und Krieg und Frieden gelesen. Außerdem werde es doch ansonsten – er kennt ja den Längerschläfer- zeitlich wieder knapp hintenraus. Er reißt das Fenster auf und – zur Sommerzeit- gerne auch die Vorhänge. Nach 10 minütigem Kauern auf der Bettkannte schaffe ich es in die Küche zu torkeln, weil es – das Fenster ist ja offen- im Schlafzimmer Saukalt ist. Auch das Fenster im Badezimmer wurde sperrangelweit aufgerissen, sodass auch eine warme Dusche nur noch halb so viel Spaß  machen würde.

Ich verfluche die Tatsache, dass ICH abends erst richtig wach werde und Dinge wie Sport, die Steuererklärung, aufräumen und die Lektüre spannender Fachliteratur dringend nach 22 Uhr durchgeführt werden müssen. Überhaupt ist MEIN Körper erst ab 14 Uhr auf Betriebstemperatur. Wie ein Frachtschiff setzt er sich SEHR gemächlich in Bewegung, ist dann aber quasi durch nichts mehr zu stoppen. (Anders als das Rennbot auf Ibiza (der Frühaufsteher): Startet schnell, fährt sinnlos hin und her um sich dann an der Hafeneinfahrt die Schraube abzufahren ODER ohne Sprit irgendwo auf offener See liegen zu bleiben. Und eben – trotz Schnellstart- DOCH nicht so ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu sein, wie der belächelte Frachtkahn.

In der Küche angekommen, nehme ich mit nur einem offenen Auge eine Tasse Kaffee zu mir, die der Derwisch schon gekocht hat (hey: DAS ist ein Plus!)

Dabei hocke ich nur halb bei Bewusstsein auf einem Küchenhocker neben der Heizung und schaue mir in den sozialen Netzwerken an, wie dort der immerwährende Kampf zwischen Früh- und Spätaufstehern ebenfalls ausgetragen wird. Ich weiß, dass im Büro bereits seit 6:30 Uhr Kollegen tätig sind, verdränge diesen Gedanken aber, ist es für mich doch bereits „früh“ vor neun im Büro aufzuschlagen, zu einer Uhrzeit also, zu der andere bereits überlegen, was sie zu Mittag essen.

Apropos essen: Der fröhliche Frühaufsteher plaudert seit meiner Ankunft vor sich hin. SO entstehen später Streitigkeiten, behauptet er doch häufiger, er habe dem Längerschläfer dieses oder jenes erzählt, mitgeteilt oder eben die eine oder andere Anweisung erteilt. Das mag alles sein, wird um diese Uhrzeit aber durch mein ansonsten äußerst reges Gehirn schlicht nicht verarbeitet. Nunmehr wird ungehalten nachgefragt, ob ich nun endlich entschieden habe, was wir heute Abend kochen. Eine Frage, die offenbar bereits um 06:30 Uhr, mithin bei absoluter Bewusstlosigkeit meinerseits, in den Raum gestellt wurde.

Selbstverständlich weiß ich mitten in der Nacht noch nicht, was ich abends kochen oder essen will, (wer weiß ob ich den Tag überstehe) habe aber leider die Fähigkeit, auch im Tiefschlaf auf derartige Fragen halbwegs sozialadäquat mit wenigen, häufig passenden Floskeln zu antworten („ich kümmere mich“, „ja, mache ich“, „Warum nicht“). Das WEISS der clevere Frühaufsteher natürlich und setzt dies auch gezielt ein um sich mein Einverständnis für allerhand scheußliche Dinge zu erschleichen, ICH tue selbiges übrigens umgekehrt abends nach 22 Uhr 🙂

07:30 Uhr. Der Frühaufsteher ist geschniegelt und gespornt und auf dem Weg zum Auto. Er reißt auch in der Küche die Terassentür auf und fragt, ob ich nicht endlich duschen gehen will, ich käme noch zu spät ins Büro. Damit hat er natürlich Recht, sollte sich dennoch besser in Acht nehmen. Eine Kaffeetasse WERFEN würde jetzt schon gehen. Zunächst Solle ich aber bitte den faulen Hund wecken und dazu bringen, eine Runde durch den Garten zu drehen, bevor er mit ins Büro müsse.

07:45 Uhr. Ich gehe ins Schlafzimmer um den Hund zu holen. Der hat sich unter der Decke wieder zusammengerollt und guckt mich vorwurfsvoll an. Auch ER will nicht ins Büro, obwohl er dort beruhigt weiter schlafen darf, anders als ich.

Der Hund ist warm und riecht nach Schlaf. Er flüstert mir etwas ins Ohr. Ich rolle mich um ihn herum und ziehe uns die Decke über den Kopf.

Nur 5 Minuten!!!!

Vikinger im Spa-Paradies oder der Urlaubs-Rosinenbomber

Die Tage dümpeln so vor sich hin. Strukturiert werden sie durch drei geregelte, hoch kalorische Mahlzeiten, die aufgrund der bereits geschilderten kulinarischen Lage keinerlei Euphorie auslösen. Vermutlich geht es uns auch stimmungstechnisch ein wenig so, wie dem Protagonisten aus „Super Size me“, der sich wochenlang ausschließlich von McDonalds Fast Food ernährte, um die physischen, psychischen und nicht zu letzt ästhetischen Folgen dieser Völlerei zu dokumentieren. Ich mache mir langsam Sorgen darum, ob mir meine Jeans auf dem Rückflug noch passen wird, oder ob es zumindest reicht, die Knöpfe auf zu lassen. Stretch ist eine super Erfindung, aber auch Stretch erreicht mitunter die eigene Leistungsgrenze.

Anders als zB weiland im Jahre des Herrn 2012, als wir eine Woche in Las Vegas weilten, lassen sich derlei Urlaubspfunde bei mir auch nicht mehr durch eine identische Zeitspanne zu Hause beheben, in der man halt mal auf Alkohol und Schokolade verzichtet. DAMALS habe ich eine Woche lang ALLES gegessen, was man mir hingehalten hat. Na gut, ALLES bis auf den Super-Fat-Milkshake bei „Heart Attack Burger“, die ernsthaft damit werben den kalorienreichsten Milchshake der Welt zu kredenzen, in den – kein Spaß – große Stücke Butter geschmissen werden.

Dort in Las Vegas jedenfalls musste ich einen halben Tag auf dem Zimmer verbringen, wie ein Seestern auf dem Bett liegend, weil ich am legendären Frühstücksbuffet des Caesars Palace neben Pizza, Tacos, Shrimps und Hummer, leider auch Waffeln und Pancakes gegessen hatte. Damals hatte ich mir nach der Rückkehr beachtliche 6 Kilo mehr angefuttert, die nach zwei Wochen normalem Leben zu Hause einfach wieder entschwunden waren.

Dieses Jahr hingegen naht mein persönliches Angst-Alter. Schon als Teenager wusste ich, dass ich niemals davor Angst haben würde 30 oder 40 Jahre alt zu werden, sondern die magische Zahl des Schreckens die 38 sein würde. Vorher nämlich kann man sich mit ein paar zugedrückten Augen noch als „Mitte 30“ bezeichnen. Ab Durchbrechen dieser magischen Schallgrenze -und wie ich aktuell bedauerlicherweise feststellen muss bereits Wochen vorher – ist er endgültig da, mein persönlicher Verfall. Als hätte ein findiger Elektrowaren-Konzern die Sollbruchstellen meines Körpers auf genau DIESES Alter programmiert. Merkwürdige Verfärbungen in den Augen, deutlich höherer Pflegeaufwand des Gebisses, von den Haaren, die schon seit 10 Jahren aufwändig einmal im Monat gefärbt werden müssen, sprechen wir lieber gar nicht. Die lustigen morgendlichen Schlaf-Falten am Décolleté verschwinden erst mittags und das auch nur wenn man ihnen intensiv ins Gewissen redet. Eigentlich müsste ich ab jetzt mit so einer albernen Faltenbrille und ausschließlich auf dem Rücken schlafen, damit nicht nur das Gesicht nicht hängt, sondern… naja, lassen wir das.

Am Schlimmsten ist allerdings diese Sache mit dem Gewicht. Seit ich 20 bin, war ich immer dünn. Also nicht schlank, sondern dünn. Ich lege an sich großen Wert darauf, dass das auch so bleibt, hätte sich mein Körper nicht entschieden, hinterhältig jeden Muskel durch Speck zu ersetzen und gleichzeitig meinen Appetit ins Unermessliche zu steigern. Mein Körper und ich hatten einen Deal: Wenig essen reicht aus, um dünn zu bleiben, Sport ist nicht notwendig. Mittlerweile scheint diese Abrede aufgekündigt zu sein und selbst wenig essen UND Sport nicht mehr den gewünschten Effekt zu erzielen. Ich bin jetzt offiziell im „Für dein Alter“-Komplimente Alter angekommen. Früher dachte ich immer das sei eine Beleidigung. „Für dein Alter siehst du toll aus“ oder „Für dein Alter bist du gut in Form“. Zwischenzeitlich weiß ich, dass das die höchste Form des Lobes ist, weil in der Optik (meistens) richtig viel Arbeit steckt.

Auch wenn also eine Hungerkur für MICH keine schlechte Idee wäre ändert das NICHTS daran, dass der Mitreisende langsam aber sicher in eine kulinarische Depression verfällt. Ich mache eine geistige Notiz: Niemals mit ihm in das „Junglecamp“ einziehen. Vermutlich wäre vor lauter Reis und Bohnen und ansonsten leerem Magen Flatulenzen oder auf Krawall gebürstete Ex-Promis unser kleinstes Problem. Reis und Bohnen: Das gab es permanent in Costa Rica und auch dort war die Stimmung hungerbedingt eher …. Suboptimal.

Übellaunig liegt der Mann auf dem Bett in der auf arktische Verhältnisse heruntergekühlten Hütte, trinkt schon ab morgens um 11 Uhr den mitgeführten (Schaum)Wein und scrollt sich durch endlose TikTok Videos russischer Hobby-Schlampen, Schlittschuhlaufender Enten Küken und „Musikern“ von denen ich noch nie etwas gehört habe. Ich beschließe, dass es SO nicht weiter gehen kann. Zwar könnte ich ganz wundervoll mit einem Buch aber ansonsten regungslos auf unserer Veranda sitzen und die Hitze genießen, da ich aber ein kleines bisschen „Schuld“ bin, dass wir nun hier sitzen, fühle ich mich verpflichtet, etwas zu unternehmen. Ich bin so eine Art Urlaubs-Rosinenbomber, nur anders. Ich bringe das Essen nicht ins Krisengebiet, sondern das Krisengebiet zum Essen.

Ich mache mich also zunächst zu Fuß auf zum drei Kilometer entfernten „Supermarkt“. Ab verlassen des Ressorts, muss ich Schwärme von Taxis verscheuchen. Auch hier scheint die Idee FREIWILLIG zu Fuß zu gehen beinahe grotesk zu sein. Wie damals in Thailand oder ebenso damals in Las Vegas. (Gut, in Las Vegas wären wir beinahe erschossen worden, aber nun ja) Möglicherweise ist es eine zutiefst germanische, in unserer DNA verwurzelte Eigenschaft, Beutezüge stets zu Fuß durchzuführen, egal, wie die Umstände sind. Eine ebenso deutsche Eigenschaft übrigens wie:

⁃ Einkaufstaschen selbst in den Supermarkt mitbringen

⁃ Im Urlaub Im 5 Sterne Hotel selbst die Terrasse des für teures Geld angemieteten Bungalows fegen

⁃ Sich im Kalender Termine eintragen, die daran erinnern, die Matratze zu wenden, um sie „gleichmäßig abzuschlafen“

Nach langem Fußmarsch und sintflutartigem Regenschauer, entpuppt sich der bei Google Maps als Supermarkt gelistete „Shop“ als eine Art geräumiger Kiosk. Die Produktauswahl ist… gewagt. Neben Bohnen und Reis, Zwiebeln und Kartoffeln, werden lustige Touri-Artikel und Unmengen Hygieneartikel angeboten. Unter anderem vier verschiedene Gleitcremes und Unmengen Kondome.

Leider ist die Snack-Auswahl weniger befriedigend. Ich kaufe eine Tüte Nüsse, drei Dosen Tonic water (das ECHTE) und aus erzieherischen Gründen KEINE Flasche Gin.

Ich tapere zurück. Dieselbe Horde Taxis fährt im Schritttempo neben mir her und versucht mich in Preisverhandlungen zu verwickeln. Aber NICHT mit mir. Oppa ist damals von Russland zu Fuß nach Hause gelaufen und zwar ohne 30 Grad und festes Schuhwerk, da nehme ICH für 3 Kilometer sicherlich kein Taxi. Ich lade die Einkäufe im Iglu Nummer 60 ab und werde mit einem „und wo sind meine CHIPS!!!!!“ begrüßt. Ich schmeiße die Einkäufe in die Eishölle, knalle die Tür zu und mache mich auf in Richtung Tennis-Plätze und Spa Bereich. Eine Massage hätte ich mir doch nun wirklich verdient.

Der Spa-Palast begrüßt mich mit angenehmen Temperaturen, angenehmer Musik, angenehmem Duft und sehr freundlichen, sehr hübschen Menschen, die mir schon an der Tür versprechen, mir jeden (moralisch vertretbaren) Wunsch zu erfüllen. Ein kurzer Blick auf das “Spa-Menü”, führt dann aber zur sofortigen Ernüchterung. Ich möchte nicht € 200 für eine Ganzkörpermassage bezahlen, es sei denn sie wird von Brad Pit durchgeführt. DANN aber auch nur dann liesse sich darüber verhandeln. Ich verlasse das wohltemperierte Spa-Paradies und überlege, wo ich mich zu geringerem Preis eine Stunde lang wohl fühlen kann. Ich laufe zu den Tennis-Plätzen. Auf der Panorama Terrasse ist ein Tischchen frei, es wird Bier serviert, ein leichter, kühler Sprühnebel sorgt für angenehmes Klima (die Frisur ist ohnehin ruiniert, ich kann mich also bedenkenlos hier berieseln lassen). Auf beiden einsehbaren Plätzen trainieren gutgebaute Männer (Typ sportlicher Vikinger). Und da ich in Gegenwart gut aussendet Männer grundsätzlich besser nachdenken kann, tue ich genau das. Nachdenken, das Handy zücken und in die Restaurant-Recherche einsteigen. Nach einer Stunde steht die Marsch-Route und ich verlasse die Terrasse, bevor Vikinger 1 und Vikinger 2 sich zu mir gesellen können. Schade eigentlich, aber ich habe eine Mission.

Loch Ness atmet auf oder „Frittieren mit Calmund“

Nach dem tierischen Happening sind wir alle total nass. Es regnet in Strömen, aber selbst das trübt die Stimmung nicht. Wenn der Regen warm ist und man neben einem Bikini nur ein dünnes kurzes Höschen und ein ebenfalls dünnes T-shirt trägt, ist das nämlich gar nicht so schlimm. Aufgrund des (beinahe) nicht Vorhandenseins von Schminke, sehe ich danach auch nicht aus wie ein Pandabär. Mit dem Wetter hier ist es so eine Sache. Ja, es ist „Regenzeit“, davon, dass es immer nur nachts regnet oder nur ein paar Minuten am Stück, kann allerdings trotz anderslautender Zusicherungen KEINE Rede sein. Man munkelt hinter vorgehaltener Hand über einen (weiteren) erwarteten Zyklon. Ob der nun kommt oder nicht, ist hier aber hoch umstritten, würde mich bei unserem Glück aber nicht groß wundern. So wie damals, als man mich in Afrika direkt dabehalten wollte, weil es unmittelbar nach unserer Ankunft (seit Monaten das erste Mal) wie aus Eimern schüttete und ich im Spaß sagte „Regen machen“ sei so eine Art Superkraft von mir.

Santana ist trotz des Regens nicht davon abzubringen, die zwei weiteren Programmpunkte (einen markanten Felsblock im Wasser besichtigen und in irgendeiner Dingsbums-Bay schnorcheln) ausfallen zu lassen. Da ist er stoisch wie ein bergischer Rentner. Wenn der Ausflug angetreten ist, wird der Ausflug auch zu Ende gemacht!!!

Angekommen am Schnorchelspot werde ich aufgefordert nun endlich ins Wasser zu hüpfen. Bevor ich es stoppen kann, habe ich entrüstet: „Aber ich muss gar nicht Pipi!“ gerufen (offenbar keine sozialadäquate Antwort, aber auf Booten ohne Toilette für mich persönlich einer der wenigen Gründe ins Wasser zu gehen. Grund zwei: Feuer an Bord, Grund drei: Bill Cosby bietet mir einen Schirmchencocktail an.

Weil Santana so traurig guckt und ich es schlecht sehen kann, wenn erwachsene Männer traurig sind, gehe ich halt ins Wasser, weigere mich aber beharrlich, eine geliehene Taucherbrille aufzusetzen. Aus oben genannten Gründen. Außerdem ist es mir ohnehin lieber, wenn ich nicht so genau weiß, was da unter mir so alles kreucht und fleucht. Moppsi Dick hingegen scheint in seinem Element. Mir fällt auf, dass es verdammt beschwerlich ist zu schwimmen… ich frage mich, was eine sozialverträgliche Zeitspanne ist im Wasser zu bleiben, damit Santana das Gefühl hat, wir hätten diesen Programmpunkt hinreichend genossen. Außerdem folgt nun das nächste Ärgernis: der Versuch, mich möglichst würdevoll und ohne schlimmere Verletzungen wieder aus dem Wasser zu hieven. Gar nicht so einfach. Schade, dass meine im Januar so erfolgversprechend begonnenen sportlichen Bemühungen, die bereits erste Früchte zu zeigen begonnen hatten, im Februar aufgrund akuter Unlust wieder abgebrochen wurden. Der ein oder andere Muskel an der richtigen Stelle, hätte hier durchaus von Vorteil sein können. Santana klappt eine klapprige, super schmale Leiter aus, die ich versuche grazil zu erklimmen. Achtung, NICHT den Motor anfassen (vermutlich heiß), nicht aufs defekte Sonnenverdeck treten (könnte scharfkantig sein). Das war jetzt definitiv genug Aktivität für meinen Geschmack, es würde Zeit, den großen Timmler an Bord zu holen, der nach eigenem Bekunden nun per Du mit mindestens einem Tintenfisch ist.

An der nächsten Station feiern wir frenetisch den angekündigten Felsen. Santana weiß weder wie er entstanden ist, noch weshalb, oder weshalb er eine Sehenswürdigkeit ist. Er kann aber berichten, dass die Silber, Gold und Rot leuchtenden, an Lametta-erinnernden Fäden tatsächlich Lametta sind und von der üblichen Weihnachtsdeko stammen. Da diese so schön sei, würde man sie einfach ganzjährig dran lassen. Das erinnert mich an meinen Klavierlehrer aus Schulzeiten, der im heimischen Wohnzimmer den (echten) Christbaum immer bis Anfang März stehen ließ, weil er da Geburtstag hatte und er es so schön fand, den Baum dann nochmal feierlich zu illuminieren. Von „Baum“ konnte da allerdings keine Rede mehr sein, da das gute Stück bereits Mitte Januar komplett „entlaubt“ war.

Wir ergoogeln jedenfalls schnell die wesentlichen Infos zum Felsen und so ist Santana gerüstet für kommende Touren. Beim googeln stoße ich wieder auf den „Dodo“ Vogel, das Wappentier von Mauritius. Der Dodo hat eine massiven Schnabel, einen untersetzten Körper und große Watschel-Füße. Muss ein Verwandter vom Mitreisenden sein. Flugunfähig soll er gewesen sein und im 17. Jahrhundert ausgestorben, WENN es ihn denn wirklich gegeben hat. So ganz genau lässt sich das auf die Schnelle nicht recherchieren. Die Quellen scheinen sich nicht ganz einig zu sein. Wir fragen Santana, ob es den Dodo wirklich gegeben hat. Der touristische Rhetorik-Kurs, den er offenbar irgendwann einmal besucht hat war erfolgreich. Mit bestechender Logik weist er darauf hin, dass der Dodo natürlich echt gewesen sein müsse, ansonsten würden die Leute auf Mauritius schließlich nicht ständig über ihn sprechen oder so viele kleine holzgeschnitzte Dodo-Andenken an Touristen verkaufen. Am anderen Ende der Welt höre ich die Einwohner eines kleinen Örtchens am Loch Ness aufatmen. Wenn das SO ist, ist ihre Einkommensquelle noch für ein paar Generationen gesichert. Auch auf das Einhorn kommen rosige bzw.NOCH rosigere Zeiten zu.

Es ist 10:15 Uhr, als unsere Schaluppe wieder sicher vor dem Strandresort anlegt. Zuvor hatte es noch eine skurrile Szene gegeben. Santana weist uns plötzlich recht laut und recht panisch an SOFORT eine Maske aufzusetzen. Gottlob finde ich eine in meiner Hose. Die „Küstenwache“ ist aufgetaucht und verteilt wohl empfindliche Bußgelder, wenn man auf dem Boot, mitten auf dem Meer die Maske nicht trägt. Während der Corona-Zeit habe ich es – obwohl ich total obrigkeitshörig UND ein Regel-Fan bin – recht schnell komplett aufgegeben, Maßnahmen verstehen zu wollen. Wer weiß, wie in Ministerien oftmals gearbeitet wird, der weiß, dass das ebenso oftmals ein hoffnungsloses Unterfangen ist, den Sinn und Zweck einer Maßnahme zu erkennen. Hier hätte mich aber durchaus mal interessiert wie es sein kann, dass man am Strand und im Strand-Restaurant dem Nachbarn beinahe auf dem Schoß sitzen darf (und zwar völlig ohne Maske) dies aber auf offenem Meer und mit Fahrtwind gefährlich ist. Sei es drum.

Santana bekommt ein Trinkgeld und eine gute Fahrt gewünscht. Zustand des Bootes hin oder her, war er ein super Guide.

Liegen zu ergattern, können wir um diese Uhrzeit natürlich komplett vergessen, war doch der flugunfähige Liegen-Dodo vermutlich schon vor Sonnenaufgang zur Stelle und hat seine Besitzansprüche mit Frotté markiert. Wir sind aber auch naive Anfänger. Hätten wir doch einfach VOR Betreten des Bootes die Handtücher direkt hier gelassen.

Auch Frühstück können wir uns abschminken. Zwar gibt es das offiziell bis 11:00 Uhr, ab 10:00 Uhr werden aber weder benutzte Tische wieder frisch eingedeckt, noch Speisen nachgelegt. So entfällt die erste hochkalorische Mahlzeit des Tages, die ohne Quatsch den Titel „frittieren mit Calmund“ tragen könnte. Am Buffet ist von scharfen Currys über Eier, Speck und Bohnen, Tempura, Rösti und Pfannkuchen beinahe alles zu haben. Ein bisschen wie die Speisefolge auf unserem hiesigen Frühstückstisch stelle ich es mir vor, wenn Hollywood Schauspieler sich für eine Rolle auf Teufel komm raus dick futtern müssen. Bevor wir also ins Details gehen der Hinweis, dass ICH was das angeht VÖLLIG Schmerz- und möglicherweise „geschmacksbefreit“ bin. Mir kannst du zu jeder Tages- und Nachzeit jedes erdenkliche Gericht auftischen, auch süß und herzhaft durcheinander. Ich würde ohne bestehende Schwangerschaft die sprichwörtliche Gewürzgurke mit Schlagsahne liebend gerne essen, einfach weil sich an meiner Liebe zu Speisen nichts dadurch ändert, dass man sie ungewöhnlich zusammenstellt. Davon abgesehen war und bin ich schon immer der Auffassung gewesen, dass die „Wurst ohne Brot“ nich nur in der sprichwörtlichen „Hungersnot“ gut schmeckt, sondern es für mich nicht dringend einer kohlehydrathaltigen Unterlage bedarf, es sei denn es handelt sich um ein echtes deutsches Brot ❤️

Wir starten hier also üblicherweise damit, zwei Gläser Sekt zu sichern. Das ist Medizin und aufgrund der besonderen Hitze für den Kreislauf leider zwingend erforderlich da muss man sich nicht für schämen. Schon gar nicht mehr, seit ich im November Im Cluburlaub festgestellt habe, dass der von mir HOCHVEREHRTE Rudi Cerne den Tag im Urlaub offenbar ebenfalls gerne mit einem Cava beginnt. Was für den Rudi gut ist, kann für die Kathi nicht schlecht sein.

Sodann folgen (Siehe auch auf dem Foto unten): Wurst und Käse (ohne Brot, da Auswahl hier indiskutabel!) baked beans, Rösti mit Frischkäse (ich fürchte doppelte Doppelrahmstufe) ein wenig Gulasch von Vortag und (leider) sehr fettigen, aber SEHR leckeren frittierten Gemüse-Häppchen. Es ist ein Gedicht. 2000 Kalorien schon zum Frühstück. Grundlagenarbeit sozusagen. Es geht NICHTS über gute Grundlagenarbeit.

Delphin-Therapie oder „Die Feministische Weinprobe“

Es ist verrückt, wie müde es einen macht NICHTS zu tun. Ausnahmsweise widerstehe ich dem Drang mich auch hier im Urlaub ständig dafür zu verurteilen, was ich alles nicht tue (Sport, Meditation, eine Fremdsprache lernen) bzw. was ich tue (aufs Meer starren, Zuviel Bier trinken, von dem man leider nicht betrunken wird, mit Leuten bei WhatsApp schreiben, die man viel zu lange vernachlässigt hat, ständig irgendwelche Social-Media-Kanäle checken.)

Ich glaube, dass es eine sehr deutsche Angewohnheit ist, immer etwas „Schaffen“ zu wollen bzw. das Gefühl zu haben, das man etwas schaffen wollen sollte. Latent schlechtes Gewissen also, sollte man – wie es Amerikaner gerne tun- den gesamten Urlaub damit zubringt, seine Fähigkeiten im „Beer Pong“ zu verbessern und nach Stunden anstrengenden Übens bewusstlos zusammenbricht.

Beunruhigend ist die hier zu mir genommene Kalorienzahl / Tag. Normalerweise und zu Hause bin ich was das angeht ja recht diszipliniert, hier hingegen… schwierig. Evtl liegt es daran, dass – leider- die angebotenen Speisen nicht wirklich schmecken und ich in der Hoffnung gustatorischer Befriedigung dann deutlich mehr und häufiger esse als sonst. Ich hinterfrage mich, ob ich ein mieser, maulender Snob geworden bin, kann das aber klar verneinen. Ich bin nicht wirklich „quisselig“ mit Essen (wie mein Opa das immer so schön gesagt hat). Mir kann man mit Omas Sauren Bohnen genau so viel Freude machen, wie mit einem von der besten Schwiegermutter der Welt geschmierten Käsebrot oder einem Sterne-Menü. Was ich hingegen ÜBERHAUPT nicht ausstehen kann ist, wenn man mich veräppeln will. Wenn sich eine in der Karte aufwändig und dreisprachig beschriebene Salatkreation als winziger Beilagensalat (Eisberg, eine Tomate, ein Stück Gurke, drei Maiskörner) entpuppt, für den sich jedes griechische Restaurant schämen würde, diese Kreation aber umgerechnet für all inclusive Insassen 12 Euro kosten soll, dann wundert man sich schon. Ich sagte es schon häufiger, es bleibt aber dabei: Man KANN mich verarschen, aber man muss sich bitte ein WENIG Mühe geben.

Wir gehen – in Ermangelung spontaner Alternativen – in das Buffet-Restaurant. Heute ist „Simply the Best“ Abend, auch wenn die Tresen mexikanisch dekoriert sind. Man erklärt uns, dass heute die besten Gerichte kredenzt werden, die das Hotel kann / kennt.

Komisch, ICH hätte ja gedacht, das Motto heute ist „Resteessen“, wird doch eine Lustige Mischung aus den Speisen der letzten zwei Tage angeboten (was unter Nachhaltigkeitsaspekten eine gute Idee ist, es wäre schließlich schade, wenn irgendwas weggeworfen wird.)

Der Mitreisende ist übellaunig. Ihm ist heiss, er hat Hunger und er ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Ich habe in nunmehr beinahe 15 Jahren, die wir ins kennen und meistens auch lieben schmerzhaft gelernt, dass es NICHTS bringt hiergegen an zu argumentieren, sondern motiviere lieber dazu, dass er als erster ans Buffet geht. Unterdessen kommt die (zuzahlungspflichtige) Flasche Wein an den Tisch. Der Sommelier steht stocksteif neben unserem Tisch und ich frage, ob ich irgendwie behilflich sein kann. Er teilt mit, dass er auf „Monsieur“ warte, damit dieser den Wein probieren kann. Meine innere Alice Schwarzer wird wach. Wir brauchen Monsieur nicht, dass kann Madame auch selbst. Mittlerweile habe ich nämlich dieses Zeremoniell so oft beobachtet, dass ich es selbst voll drauf habe. Blick auf das Etikett der Flasche, so tun als kenne man jede Rebsorte persönlich. Glas mit dem Probierschluck am Stiel anheben, Farbe der Flüssigkeit kritisch beäugen, Glas schwenken (am besten so, dass der Sommelier danach keine nassen Schuhe hat). Am Glas bzw. besser seinem Inhalt hörbar riechen, ggf schon ein kleines, zustimmendes Schnauben von sich geben. Schluck in den Mund nehmen und konzentriert gucken. (NICHT sofort runterschlucken!). Augen schließen; so tun als würde man mehr schmecken als „Aha: Wein!“, runterschlucken, Lippen schürzen und frenetisch mit dem Kopf nicken. Bei Weinen mit Schraubverschluss nach Möglichkeit nicht brüllen „Iiiiih der ist korkig”)

Es sind die kleinen Dinge, mit denen das Rest-Patriarchat zurückgedrängt werden kann. Ebenfalls dabei: Immer Bier bestellen, wenn der männliche Partner Wein bestellt.

Ich gehe nun selbst zum Buffet. Menschen am Buffet… allein darüber er könnte man ein eigenes Werk verfassen. Da gibt es Leute; die nach 2 Jahren Pandemie immer noch nicht willens oder in der Lage sind einen Mund-Nase-Schutz korrekt zu tragen. Menschen, die an Brötchen so riechen, dass das Brötchen beinahe IM Riechorgan verschwindet und die Backware dann wegen Nicht-Gefallens wieder zurück auf den Stapel legen. Menschen die nicht auf die Idee kommen, sich Essen mit den bereit liegenden silbernen Zangen auf den Teller zu tun, sondern fröhlich mit beiden Händen zulangen. Leider ist nirgendwo eine Markierung, von welcher Seite man sich anstellen muss. Wären hier mehr Deutsche, wäre SOFORT ein Arbeitskreis gebildet worden, die sinnvollste Verkehrsführung festgelegt und sodann durch irgendeinen Malte höchstpersönlich mit dem selbst mitgebrachten Panzerband auf dem Boden mittels Pfeilen markiert worden. Hier hingegen herrscht stattdessen Anarchie und die wenigen Anwesenden deutschen Ulrikes und Lisas beschränken sich darauf laut zu schnauben und böse zu gucken, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen, wenn sich irgendwer „vordrängelt“. Normalerweise würde ich nun stoisch sagen: Wir sind ja im Urlaub, dann bekommt man sein Essen eben drei Minuten später. Die bisherige Erfahrung zeigt aber, dass hier eine Art Wettlauf der Hungrigen tatsächlich stattfindet, da die Speisen auf die offenbar alle scharf sind, meistens nicht mehr aufgefüllt werden, wenn sie leer sind. Dennoch täte ein wenig Contenance der Veranstaltung hier ganz gut. KEINER sieht hier aus, als würde er kurz vorm Verhungern stehen.

Ein älterer Herr drängelt sich immer wieder an mir vorbei, weil er einen Blick auf die Speisen werfen will. Dabei kommt er einem SO nah, dass man kurz davor ist #metoo zu rufen. Er trägt eine – offenbar selbst abgeschnittene- hellblaue Jeans Hotpants, bei der selbst Miley Cirus die Schamesröte ins Gesicht steigen würde. DAS ist normalerweise die Uniform des Reihenhaus-Gärtners, wenn auf der heimischen Parzelle die Temperaturen mal über 25 Grad steigen.

Apropos Temperaturen: Die Kellner tragen lange Hose, Lederschuhe, Hemd und Sacko. Ständig habe ich Angst, dass einer von Ihnen hitzebedingt kollabiert.

Die Frau mit dem Pitbull-Tattoo streitet sich mit ihrem Mann am Brotbuffett. Interessiert bleibe ich stehen, vielleicht wird in Runde 2 der Auseinandersetzung ja mit Wurfgeschossen aus Weizen gearbeitet. Leider werden aber nur Schimpfworte gewechselt. Ich mache mir Notizen, den ein oder anderen Ausdruck kannte ich noch nicht. Wahrscheinlich geht es darum, dass er ein “Muskelshirt” trägt, dass über seinem ausladenden Bauch sehr viel Spiel hat, er indes gar nicht über „Muskeln“ verfügt. Oder um die Birnenstock-Hausschuhe, die zur Förderung der Gemütlichkeit (also nur beim Träger, nicht beim Zuschauer) wohl aus heimischen Gefilden mitgebracht wurden.

Wir begeben uns früh ins Bett, da wir uns morgen in aller Frühe mit Santana zur großen Delphin-Pirsch treffen (wenn er denn kommt, hat er doch unsere 150€ gegen Aushändigung eines handgeschriebenen Zettels bereits an sich genommen.)

Frühes Aufstehen im Urlaub… ich bin bekanntermaßen KEIN Fan. Leider ist Flipper aber offenbar ein neurotischer Frühaufsteher und möchte nur des morgens besucht und angestarrt werden. Ich greife also zum Äußersten: ich schminke mich NICHT. Naja also fast nicht. Ich verlasse die Hütte jedenfalls so, wie ich daheim nicht mal zum Mülleimer gehen würde. Man weiß NIE wem man zufällig begegnet und wenn jetzt zB Brad Pitt denselben Delphin herzen möchte wie ich, dann fände ich es schon ganz schön, wenn ich ihm zwar deutlich beleibter als sonst, dafür aber ansonsten schön vor die Augen treten und mich dann in seine Arme werfen könnte.

10 Minuten vor Marschbeginn befinden wir uns am „Dock“. Drei Boote warten dort. Zwei sportliche, blitzsaubere, mit Sonnendach und bunter Liegefläche und eine graue Schaluppe, die nur noch vom Restlack zusammen gehalten wird. Auf dieser strahlt aber immerhin Santana. Es HATTE also Gründe, dass es KEIN Foto vom Boot gab. Meinen inneren TÜV-Prüfer schicke ich wieder ins Bett. Er soll sich ausruhen und angesichts der Verkabelung des Motors keinen Herzinfarkt erleiden. Schwimmwesten: Gibt es nicht. Ich sehe das als äußert gutes Zeichen. So wie damals in Bangkok, wo die eiserne Regel galt: Bietet Dir ein Motorrad-Taxi-Fahrer einen Helm an, steigst Du SOFORT ab. Denn dann ist er entweder betrunken, ein miserabler Fahrer oder beides. Keine Schwimmwesten an Bord bedeutet also, dass wir absolut sicher sind.

Wir fahren aufs Meer raus. Wie immer auf einem Boot / Schiff bin ich SOFORT glücklich. Der Fahrtwind ist warm, ich fühle mich an Ausflüge im Hochsommer auf Ibiza erinnert. Einer der dortigen Mitreisenden ist nicht seefest und leidet immer sehr, wenn er – wie jedes Jahr – auf den Bootstrip mit muss. Seitdem kann ich Bootstouren, auf denen sich niemand übergibt nicht mehr ernst nehmen. Am Himmel sind irre Wolken, die beeindruckenden Berge werden von Wolken, „Nebel“ oder Dunst umspielt, es sieht beinahe mystisch aus. Wir fahren die Küste entlang, ein fliegender Fisch begleitet das Boot ein Stückchen. Ähnlich wie in Afrika funken die Bootsführer untereinander, um sich zu informieren, wo die Viecher denn gerade so sind. Mist, wird also eher kein intimes Schwimmen mit meinem Freund dem Delphin.

Als wir am Hotspot ankommen, kreuzten schon gut 10 Bote. Immer mal wieder tauchen die Delphine auf, lassen sich ein Stück von Schwimmern begleiten, tauchen dann wieder ab und in der Nähe wieder auf. Manchmal springen sie auch aus dem Wasser und lassen sich mit lautem Platschen ins Wasser fallen. Es scheint wirklich, als wären sie schon so früh bester Laune. Sie sind mir SOFORT unsympathisch. Wer ohne Kaffee morgens so fröhlich ist, mit dem stimmt doch was nicht.

Ich bin wieder hin und her gerissen. Auf der einen Seite sind die Tiere hier in Freiheit, sie können tun und lassen was sie wollen, sie können wegschwimmen / abtauchen, wenn ihnen der ganze Rummel zu viel wird. Und DOCH fühlt es sich merkwürdig an, dass hier so viele Boote und Menschen sind. Dass wenn einer der Meeressäuger seine Nase aus dem Wasser steckt wie eine irre Schar Piranhas mit Flossen und Maske bewaffnete Touristen ins Wasser springen und wie nicht gescheit hinter den Tieren herschwimmen. Gut: Das nötigt den Nicht-Fischen vermutlich nur ein SEHR müdes Lächeln ab, aber trotzdem. Es muss doch nicht sein. Kann man denn nicht mal ein bisschen Respekt zeigen und Abstand und sich ruhig verhalten?

Mein innerer TÜV-Prüfer moniert zudem, dass die Bote alle ziemlich halsbrecherisch um die Schwimmer herumfahren. Man will ja nicht, dass es einem so geht wie Götz George weiland vor Mallorca (die Älteren erinnern sich).

So oder so: Mir ist das alles ein wenig suspekt. Und so schlage ich die EINMALIGE Chance des „Schwimmens mit Delphinen“ aus. Ich gucke lieber von Bord aus zu, wie ein anderes Säugetier sich behände mehrfach in die Fluten wirft. Der große Tümmler oder „Moppsi Dick“ wie ich die bessere Hälfte in Anlehnung an ein Zitat von Herbert Knebel ohnehin manchmal gerne nenne, hat eine gute Zeit. Einmal kommt ein Delphin von hinten angeschwommen und rempelt ihn beinahe an. Vermutlich mit den Worten „Weg da Opa“. Ich wedele demonstrativ mit einer Dose Thunfisch, damit Flipper direkt weiss was ihm blüht, wenn er sich hier daneben benimmt.

Natürlich verschweige ich die Gründe, weshalb ich nicht mit ins Wasser gehe. Erstens: Tierschutz (räusper), zweitens: Ich KANN mir keine geliehene Taucherbrille aufsetzen. Wer jemals getaucht ist WEISS, was da alles drin landet. Es GEHT EINFACH NICHT. Ohne Maske ist es aber sinnlos ins Wasser zu gehen. Davon aber GANZ abgesehen kann ich zwar schwimmen, ich schwimme aber wie ein toter Fisch. Oben, es sieht aber NICHT schön aus. Permanent muss man Angst haben, das jemand den Rettungsdienst ruft. Wenn Delphine TATSÄCHLICH so vorbildlich empathische Tiere sind hätten die vermutlich sofort erste Hilfe geleistet und damit das Happening gestört.

Der Mitreisende ist jedenfalls nach dem Event hinreichend beseelt. Soll nochmal einer sagen, Delphin-Therapie würde bei schwer erziehbaren nichts bewirken.

Wir trinken noch vor 9 Uhr unser erstes Bier: Der Tag ist mein Freund.

Tag 3 Paar-Wars oder wie der Phoenix aus der Asche

Das Herrliche am Urlaub ist ja, dass man morgens ohne Wecker von alleine zu humaner Uhrzeit aufwacht und der Tag ein völlig unbeschriebenes Blatt ist. Man kann tatsächlich ohne rechtliche oder gesellschaftliche Konsequenzen in recht großem Maße alles tun oder lassen was einem beliebt. Leider kann das der Partner AUCH und führt schon im Bett krawallige Telefonate mit renitenten Richtern, penetranten Porscheservices und untauglichen Unterbevollmächtigten. Und zwar so laut, dass er eigentlich kein Telefon mehr ans Ohr halten müsste, der Gesprächspartner würde ihn in Deutschland auch so hören.

So sitze ich erstmal mit einem lösliche Bohnen- Kaffee vor der Hütte und schaue vor mich hin. Die Spatzen Sandbaden und machen sich für ihren morgendlichen Beutezug im Strandrestaurant bereit. Bei dem ein oder anderen Spatzen hat sich das üppige Speisenangebot schon merklich auf die Figur niedergeschlagen. Mir schwant schreckliches wenn ich mir ansehe, was WIR hier so verdrücken.

Sportbegeisterte Männer (und ganz wenige Frauen, die als solche kaum erkennbar sind) joggen auf der Anlage und stretchen sich. Ich wünsche mir, ich könnte mich auch dazu aufraffen.

Der russische Junge von gegenüber möchte sich keine Hose anziehen (lassen). Als seine leidgeprüften Eltern es mit vereinten Kräften geschafft haben ihm das Beinkleid anzulegen, machen sie den Fehler sich kurz umzudrehen. Ich habe schon viele Männer gesehen, die sich BLITZARTIG ausziehen können, aber DAS hier ist Weltrekord. Vermutlich ein sehr subtiler Protest gegen die Geschehnisse zu Hause.

Bei so viel Tagesfreizeit muss man aufpassen, dass man nicht permanent auf bbc / cnn oder schlimmer noch RTL Kriegsberichterstattung schaut. Die hilflosen Moderationsversuche inklusive Betroffenheits-Lyrik von Katja Burkard wären für sich genommen schon Grund für eine Anklage in den Haag. Unvorstellbar, wie man zwischen Tränen, Raketen und Leid sowie den 10 leckersten Milrowellengerichten und einem Feature über Silvie Meis neueste Bikini-Kollektion thematisch hin und her switchen kann (und will). Dann kommt noch ein Gewinnspiel „150.000 € sind HEUTE FÜR SIE IM Jackpot!!! Dafür müssen Sie nur diese Frage beantworten:

Wie unterteilt man das Jahr?

a) Nord, Süd, West, Ost oder
b) Frühling, Sommer, Herbst und Atomarer Winter??“

Manchmal ist man direkt froh, dass man ansonsten nicht so viel Tagesfreizeit hat, um in die Verlegenheit zu kommen, sich solch einen Stuss anzugucken.

Alle life-ticker und „Push-Nachrichten“ der diversen abonnierten Nachrichten-Apps habe ich jedenfalls erstmal ausgestellt. Irgendwie hat man trotzdem das Gefühl, dass man verpflichtet ist, dort genau hinzuschauen, aber macht das irgendetwas besser? Ist man dann wirklich besser informiert?

Die Russen vor Ort scheinen alle noch recht entspannt zu sein. Auch wurden sie wohl noch nicht gebeten, ihren bisherigen Beikonsum zum All inklusive hübsch mal vorab in bar zu bezahlen. Kann es sein, dass bei ihnen plötzlich einfach die Kreditkarte nicht mehr funktioniert? Wie kommen sie nach Hause, wenn der gesamte EU-Flugraum für russische Gesellschaften gesperrt ist? Gerne würde ich mich mit einem von ihnen unterhalten. Aber das geht natürlich nicht.

Während ich meinen Kaffee genieße, schlägt zwei Meter neben mir eine Kokosnuss ein. Wieder mal Glück gehabt. Neben unserem Bungalow streitet lautstark ein deutsches Paar. Sie findet den Föhn nicht, den er irgendwo hingeräumt hat, ihm ist es hier zu warm. Außer dem hat er Hunger, während sie lieber sofort zum Strand will. Es wird sich permanent angepflaumt und zurückgepflaumt, demonstrativ geschwiegen und sehr laut und demonstrativ geatmet. Lieber passiv aggressiv als gar nicht aggressiv. Ich finde es immer wieder verwunderlich, wie Paare / Familien im Urlaub aneinandergeraten. Später auf der Liege wird das Gezanke und Gestänkere weitergehen. Sie hat die falsche Sonnencreme gekauft, er benutzt davon zu viel / zu wenig, seine Badehose sieht unmöglich aus / sie bringt das falsche Getränk, er könnte sich mal wieder die Fußnägel schneiden, sie hat daheim vergessen die Zeitung abzubestellen. Und nein: man muss das nicht aufwändig „belauschen“ sondern die Konversation wird schreiend geführt. Übrigens hat „sie“ einen Pitbull auf den gesamten Rücken tätowiert. Wie passend.

Es ist mir schleierhaft, wie man jahrzehntelang in einer solchen Beziehung ausharren kann, ohne sich irgendwann doch beim Nachbarn spontan eine Akt und den Hexler leihen zu müssen.

„Es ist Scheisse, aber es ist Scheisse die man kennt“ sagte mal ein weiser Bekannter und vielleicht ist das wirklich die Erklärung für derlei Beziehungsmodelle. Was hingegen NICHT erklärlich ist, ist der Irrglaube,, man müsse als Paar im Urlaub rund um die Uhr alles gemeinsam machen. Muss man nämlich (Gottlob) nicht. Und sollte man vielleicht auch besser nicht.

Anders hingegen sieht es da bei den Familien aus, von denen hier zahlreiche angereist sind. Die MÜSSEN den Tag miteinander verbringen, was dem einen mehr und dem anderen weniger zu gefallen scheint. Die kleinen Franzosen entsprechen JEDEM gängigen Klischee. Sind schon im Kleinkindalter wahre Gourmets und knacken (kein Scheiss) alleine mit einer Zange Krustentiere und ESSEN die dann auch. Kein Rumrennen, kein Rumschreien, es ist herrlich. Möglicherweise haben die Eltern vorher Wein gereicht? Witzigerweise stehen auch keine iPads mit Disney-Filmen zur Berieselung auf dem Tisch. Evtl hatte Pamela Druckermann in ihrem Buch „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ doch recht. Andererseits wirken vermutlich im Verhältnis zu amerikanischen Kindern europäische Kinder per se zivilisiert.
Beinahe möchte man die eigene, gewollte Kinderlosigkeit nochmal überdenken, bis man des britischen Kindes am Nachbartisch angesichtig wird, welches auch direkt die obige Theorie betreffend europäischer Kinder entkräftet.

Ich habe mittlerweile gelernt, dass Kinder wie dieses nicht mehr als Terrorist oder Rotzlöffel, sondern als „gefühlsstark“ bezeichnet werden. Zutreffend, denn nach folgender Szene sind auch meine Gefühle äußerst „stark“.

Kind schüttet Trinkbecher um.
Kind bekommt neuen Trinkbecher. Kind wartet bis Eltern gucken.
Kind schmeißt Trinkbecher um.
Kind bekommt neuen Trinkbecher.
Kind schmeißt Trinkbecher durchs Restaurant und bekommt neuen Trinkbecher

Kind brüllt, dass es Hunger hat, möchte aber nicht die Nudeln auf dem Teller.
Vater fragt was das Kind essen möchte und zieht los, um das vom Buffet zu holen. Vater kommt wieder und stellt Teller vor das Kind. Kind versucht irgendwas zu schneiden und bekommt Wutanfall, weil das offenbar (zu) schwierig ist. Vater fragt (!) ob er es schneiden soll. Kind sagt ja. Vater schneidet: Kind brüllt los, weil es das SO nicht wollte. Kind schmeißt Teller vom Tisch, Vater holt neues Essen. Man fragt sich kurz, ob man lieber das Kind oder die Eltern ohrfeigen möchte, lässt aber natürlich beides.

Ich will das gar nicht bewerten, würde aber SEHR gerne jetzt schon eine Eintrittskarte für
den Tag lösen, wenn das reizende Kind als Teenager das erste mal der Mutter mit der Faust ins Gesicht schlägt, weil nur noch schwarze, aber keine weißen Socken mehr im Schrank sind. Aber klar, bis dahin ist das gefühlsstarke Kind bestimmt total empathisch geworden.

Ich brauche dringend ein Bier. Wir gehen also an den Strand. Das lokale Bier trägt den wundervollen Namen „Phoenix“. Wie der Nachrichtensender, die Stadt in den USA UND das Haustier von Albus Dumbledore. Der Phoenix ist ein mythischer Vogel, der am Ende seines Lebenszyklus verbrennt oder stirbt, um aus dem verwesenden Leib oder aus seiner Asche wieder neu zu erstehen. Also in etwa wie ich, nach einem ganz normalen Tag im Büro. Die beschriebene Vorstellung findet sich heute noch in der Redewendung „Wie Phönix aus der Asche“ für etwas, das schon verloren geglaubt war, aber in neuem Glanz wieder erscheint.
Das beschreibt sehr schön das Gefühl, wenn man seine Geduld und Lebensfreude auf dem Boden einer Bierflasche wiederfindet.

Am Strand hat jeder Bungalow einen (sinnstiftenderweise mit der Nummer des eigenen Bungalows korrespondierenden) beschrifteten Schirm und zwei Liegen zugeteilt bekommen. Da so wenige Deutsche anwesend sind war ich davon ausgegangen, dass der sonst übliche morgendliche Handtuchkrieg entfällt, nicht zuletzt, weil er aufgrund des ausgefuchsten Zahlensystems ja auch völlig überflüssig ist. Denkste. Tatsächlich tapern im Morgengrauen mit Handtüchern bewaffnete Menschen trotzdem zu den Liegen, um diese zu „reservieren“ und sich dann wieder ins Bett zu legen und oftmals den ganzen Tag nicht aufzutauchen. Andere Menschen benötigen aufgrund ihrer extrem hohen und von Erfolg gekrönten Libido (oder eben, weil die Tasche ja auch irgendwo sitzen muss) nicht zwei Liegen, sondern fünf, aus denen sie dann eine Art Wagenburg errichten. Da machste nix. Bzw doch. Ich habe bereits auf „dem Schiff“ bewiesen,dass ich ernst mache und einen – wenn auch später nicht angezündeten Scheiterhaufen aus Frottee errichte, und ich werde auch hier vor NICHTS zurück schrecken.


Besonders wundervoll ist es, wenn jemand – in völliger Missachtung des ausgefuchsten Zahlencodes – Liegen besetzt, die vermeintlich schöner sind, näher an der Bar, näher am Wasser oder was auch immer und sodann empörte Urlauber hinzukommen, die darauf bestehen genau DIESE Liegen zu benutzen. Wenn man ähnlichen „Sitzplatz-Reservierungs-Scharmützel“ oft genug in der Deutschen Bahn beigewohnt hat, versteht man sie ohne Weiteres auch auf französisch oder italienisch, inklusive der entrüsteten „wo kommen wir denn da hin“ und „alles muss seine Ordnung haben“ Ausrufen. Herrlich, man fühlt sich sofort heimisch. Überhaupt gibt es hier so viel zu sehen und zu hören, dass die verschiedenen Bücher (hardcover) wohl wieder nur angelesen aber nicht ausgelesen mit nach Hause fliegen. Ich hatte ja immer gehofft; dass ich es mit der Anschaffung eines E-Readers schaffe, auf echte Bücher im Urlaub zu verzichten. Klappt nicht. Ich schleppe nun (kein Witz) fünf Bücher und zwei E-Reader mit, weil auf dem Kindle mein Skoobe Abo nicht funktioniert.


Als ich es mir endlich mit Bier, Buch und Brille auf der Liege eingerichtet habe, werden wir von einem Strandverköufdr für Abendteuer-Ausflüge angesprochen. Da alle Leute hier – mit Ausnahme des Servicepersonals in unserem Hotel wirklich SEHR reizend sind, fällt mir meine in Thailand auf die harte Tour erarbeitete Strategie: „Don’t Look don’t Talk don’t Touch.“ echt schwer. Gleichwohl es die einzige Strategie die wirkt. Leider bin ich NICHT das schwächste Glied in dieser Kette. Der ansonsten knallharte Verhandler zu meiner linken hat sich in ein geschicktes Gespräch verwickeln lassen und ist nun der felsenfesten Überzeugung, dass er in diesem Urlaub dringend noch mit dem Hubschrauber über einen Vulkan fliegen, Hochseefischen, Standup-Paddeln und mit Delphinen schwimmen muss. Ich widersetze mich fünf Minuten mich mit zu unterhalten, dann muss ich leider eingreifen, damit das hier keine „Steve Irving“ oder Bear Grills Gedächtnis-Veranstaltung wird. Man entscheidet sich für die „Delphin-Tour“ am nächsten Tag, die an sich schon deswegen indiskutabel ist, weil Flipper offenbar ein neurotischer Frühaufsteher ist, was einen Aufbruch um sieben Uhr morgens notwendig macht. „Santana“ wird unser Guide sein. Er hat eine riesige Mappe mit laminierten Fotos dabei. Offenbar kennt er jeden ortsansässigen Fisch beim Vornamen und hat auch mit jedem schon ein Selfie gemacht. Nur vom Boot gibt es auch auf Nachfrage KEIN Bild. Aber das ist sicherlich Zufall oder vor lauter „Herz für Tiere“ einfach vergessen worden.

Tag 2 – Der Fluch des Flughundes

Etwas weichgekocht von 30 Stunden Reise erreichen wir die Rezeption. Das Resort ist nach Auskunft von Dobby das „erste Haus am Platze“. Offenbar meint er damit aber nicht, dass es das luxuriöseste oder „beste“ ist, sondern tatsächlich, dass es das ERSTE hier errichtete ist. (Einige Bungalows wurden vom Duke of Edinburgh UND Prinz Edward eingeweiht, das fühlt man sich ja direkt RICHTIG wohl)

Jedenfalls sieht man dem Resort das Alter ein wenig an. Alles wirkt ein bisschen…. Abgerockt. Gottlob hat der Mitreisende seine Brille nicht an. Wir werden eingecheckt und müssen erstmal 9000 Mauritische Rupien als Deposit hinterlegen. Das sind ungerecht circa 200€. Es folgt: Der obligatorische Corona- Schnelltest. Ein gutaussehender Bediensteter steckt ein sehr langes Teststäbchen SEHR weit in unsere Nasen (also Gottlob jeweils eines pro Mensch), steckt die Stäbchen in die Trägerflüssigkeit, rührt dreimal um, tropft die Lösung auf die Testkassette und schreit nach circa 1 Minute: NEGATIVE!!!! Ich schaue ihn fragend an und zeige meine Verwunderung, dass der Test dermaßen „Schnell“ ist. „It’s a rapid test“ ist die überraschende Antwort. Tja nun. Da wollen wir nun wirklich niemanden mit „German“ Gründlichkeit belästigen. Wir sind also offiziell „drin“.

Das war ja alles in allem gar nicht so einfach. Die beste Reise-Fee der Welt haben wir jedenfalls im Vorfeld ordentlich auf Trab gehalten. In noch-Pandemie-Zeiten ist es schlicht NICHT möglich, zu vertretbarem Preis (haha) eine spontane Fernreise zu buchen. Ein Blick in die „Bunte“ oder eine halbe Minute bei Instagram offenbaren, wo aktuell ALLE sind: auf den Malediven oder in Dubai. Nach Dubai bekommen mich keine 10 Kamele, auf die Malediven wäre ich SO gerne gefahren, auf der anderen Seite hänge ich wirklich SEHR an beiden meinen Nieren. Wir treffen uns jedenfalls zu mehreren konspirativen Sitzungen im Reisebüro, platzieren „verbindliche Anfragen“ (so eine Art touristischer Heiratsantrag, auf deren Beantwortung man dann mehrere Tage warten muss) aber: Nichts zu machen. Alles „fully booked“. Den metaphorischen Vogel schließt ein Resort ab, das nach meiner kurzen Internet-Recherche seine Hütten nun zum fünffachen Preis wie üblich feilbietet. Unter 12.000€ für zwei Erwachsene ist wohl nichts zu machen. Ohne „all inclusive“ oder Ähnliches chichi versteht sich. Wir recherchierten also weiter. Sagen wir so: Durch so eine Pandemie wird die Welt plötzlich verdammt klein. Es wäre wundervoll, wenn Musk, Bezos oder welcher Multi-Billionär auch immer ganz schnell ein Resort auf dem Mars eröffnet. Möglicherweise ist es /- trotz der langen Anreise dann hier nicht mehr so irre voll.

Nach langem hin und her und der Befürchtung, einfach gar nicht mehr weg zu kommen, haben wir uns nun also hier eingemietet. Ich frage mich während der Buchungs-Präliminarien ernsthaft, wie man „früher“ eigentlich ohne Nervenzusammenbruch Urlaub gebucht hat, als es noch nicht drölfzig Internet Portale gab auf denen man tagelang Rezensionen las und neben der Tatsache, dass es Renate in der Sahara zu sandig ist und Volker es unhygienisch findet, wenn in einem BUSCH-CAMP WILDE TIERE BEIM ESSEN RUMLAUFEN, auch die ein oder andere hilfreiche Information findet.

Auch war ein intensives Satelliten-Scouting per Google-Maps war ja damals gar nicht möglich. Da gab es einen Katalog (aus PAPIER!!!) mit – wenn man Glück hatte – 3 verschwommenen – Fotos. Vielleicht war man damals einfach „genügsamer“? Vielleicht bestand der Event-Charakter schon darin, aus seiner Stadt raus zu kommen und sich auf „Neues“ einzulassen und nicht den Anspruch zu haben, dass es im Urlaubsdomizil schöner und luxuriöser sein muss als zu Hause. Und so konnte es eben passieren, dass man sich – wie meine Familie damals- in einer total runtergewirtschafteten Absteige wiederfand, in der man bei mehreren Zimmern einfach die Fenster vergessen hatte. Tja nun: immerhin Urlaub.

Wir stellen nach dem einchecken in unser Zimmer fest, dass dieses ganz gemütlich ist und entscheiden uns, erstmal alles auf uns wirken zu lassen, bevor gemosert wird. Wo kann man ersteres besser, als in der / an der Strandbar. Wir packen die Taschen aus und machen den Reise- Anfänger-Fehler, uns „kurz“ aufs Bett zu legen. Erst vier Stunden später wachen wir völlig benebelt auf und schaffen es doch noch zum Strandrestaurant. Keine Ahnung, was die hier in ihre Begrüßungsdrinks kippen.

Das Strandrestaurant ist recht lieblos eingerichtet, die Tische stehen unfassbar dicht aneinander, es herrscht infernalischer Lärm und überall sitzen „Eisfresser“. Auf deren Geschmack ist offenbar auch die Speisekarte ausgerichtet. Pizza von zweifelhafter Herkunft, Spaghetti und „Burger“. Alles was ich gerne essen würde, ist in der Karte NICHT mit einem Sternchen markiert, also NICHT im All inclusive inbegriffen, sondern wird zu recht stattlichen Preisen add on angeboten (Die Pandemie macht es möglich) Ich erwäge SOFORT in einen Hungerstreik zu treten. Immerhin würde es SO vermutlich noch etwas mit der bislang ad acta gelegten Bikini Figur, außerdem bin ich eben sehr sehr stur. Der Hunger siegt dann aber doch , das Essen kommt und …. nun ja; es ist essbar. Mir schwant böses, wenn ich an das anstehende Abendessen im Buffet-Restaurant und die Laune des Mitreisenden denke. Ich bin ja essenstechnisch eher genügsam und meine Stimmung ist immer düster, hängt also nicht maßgeblich von der Qualität des Essens ab. Beim Mitreisenden hingegen…. Ist das sehr anders.

Wir bestellen einfach weitere flüssige Grundnahrungsmittel (Bier und Wein) und starren aufs Meer. Also eigentlich starre nur ICH verzückt aufs Meer, der Mitreisende schreibt sehr energisch dienstliche Emails an renitente Mandanten, diktiert Schriftsatz-Fragmente ins Handy, sucht Vorhänge im Internet-Shop aus und flippert stundenlang durch „TikTok“, in meinen Augen eine unfassbare Zeit und Nerven Vernichtungsmaschine. (Aber jeder nach seiner Facon) immerhin haben wir uns zwischenzeitlich darauf geeinigt, dass der Ton aus bleibt, ich mir also keine quäkenden K-Pop Geräusche sozusagen passiv mit anhören muss.

Insgeheim denke ich ja manchmal, dass die Evolution mich durch derlei Verhalten des Lebensgefährten für meine gewollte Kinderlosigkeit bestraft. „Du willst keinen eigenen Spross in diese Welt setzen? Hahaaaa dann sorge ich eben dafür, dass statt eines Teenagers der über 50 jährige Gefährte gelangweilt mit dem Handy neben Dir hertrottet und minütlich lautstark verkündet Florenz und seine Kultur seien LANGWEILIG!“)

Ich bin ja ein Mensch, der im Alltag viel zu sehr in seinem Kopf lebt und per se zu viel denkt. An Orten wie diesem gelingt es mir indes genau das zu unterbinden. Ich sitze, ich trinke, ich schaue, ich fühle (also Wind oder Sonne auf der Haut, das eiskalte Getränk in meiner Hand, nicht hingegen die übliche bleierne Schwere und seinen kleinen Bruder, den Weltschmerz.)

Nichts müssen, nichts sollen, nichts wollen: Einfach nur „sein“. Wenn mir das doch auch anderswo als im Urlaub häufiger gelingen würde. Und Evtl gerade WEIL mir das hauptsächlich im Urlaub gelingt, finde ich den Gedanken so herrlich absurd, mir im Urlaub mit irgendwas (Sudoku, Bunte lesen, Streit mit dem Partner) die Zeit zu „vertreiben“. Ich möchte nicht dass die Zeit „schneller“ oder unbemerkt vergeht und noch viel wichtiger: Ich möchte möglichst nichts tun, das in die Kategorie „sinnvoll“ fällt.

Wir laufen zurück zum Bungalow. Die Anlage ist wundervoll bepflanzt, überall Palmen, wundervolle bunte Blumen und Vögel. Ähnlich wie damals in Costa Rica hat man das Gefühl, man kann die Natur „atmen“ hören. Alles will leben und wachsen und vibriert vor Energie.

Einzig die Schilder, die vor der Gefahr von herabfallenden Kokosnüssen warnen trüben die Stimmung. Solche Warnschilder empfindet man ja exakt solange in westlicher Überheblichkeit als albern, bis mit einem riesigen Radau eine riesige Nuss so knapp neben einem selbst einschlägt, dass man die Bewegung nicht nur sieht, sondern auch spürt. Das ist mir mal in Thailand passiert und danach ist einem schmerzhaft bewusst, wie schnell es einem das Lebens-Licht auspusten kann, wenn man einfach fünf verdammte Zentimeter zu weit rechts oder links steht. 150 Menschen pro Jahr sterben durch eine herabfallende Kokosnuss, hingegen nur 10 Menschen pro Jahr durch einen Hai-Angriff. Es wäre also durchaus für alle Beteiligten (Mensch und Haifisch) besser gewesen, hätte Steven Spielberg keinen Hollywood Streifen über einen blutrünstigen Killerhai gedreht, sondern über eine bösartige Nuss, die an Stränden wehrlosen Touristen auflauert.

Apropos bösartig. Auf dem Weg zurück in den Bungalow rammt mich beinahe ein Flughund. Die Kameraden hier sind was die Größe angeht nicht mit einer normalen Fledermaus zu vergleichen, sondern – wie es der Name schon sagt – eher mit einem Hund. Ungefähr Chihuahua Größe. Unter normalen Umständen wäre das ab sofort mein Lieblingstier und ich hätte den Fleder-Chihuahua ungefragt in die Arme geschlossen und fest ans Herz gedrückt. (Ich meine Hallo?!!! Ein HUND DER FLIEGEN kann!!!!), ich berichtete aber ja schon von meiner „leichten“ Hypochondrie, die sich auf Infektionskrankheiten aller Art, aber auf tierisch übertragbare im besonderen fokussiert. Spätestens seit Corona ist daher die Fledermaus mit ÄUSSERSTER Vorsicht zu betrachten, ist sie doch nicht nur als Hauptüberträger von Tollwut bekannt (so ziemlich die BESCHISSENSTE Seuche, die man sich einfangen kann) sondern auch als herzhafte Einlage in einer chinesischen Markt-Boullion dafür verantwortlich, dass der Wendler, Xavier Naidoo und Nena pandemiebedingt in der Folge der Ereignisse vollständig dem Wahnsinn anheim gefallen sind. Insofern bin ich den von mir so heiß geliebten Tieren gegenüber insgesamt in den letzten Jahren DEUTLICH zurückhaltender geworden. Hier nochmal ein kurzer Abriss über die schockierendsten Ereignisse, die mir retrospektiv immer noch den Angst-Schweiß auf die Stirn treiben:

2010:

Ich werde unter Vortäuschung völlig falscher Tatsachen vom Mitreisenden hinterhältig in eine thailändische Höhle gelockt, die man in einem mehrstündigen Marsch durchqueren muss, auf dem man augenlosen Fischen, schwimmenden Unterwasser-Spinnen und einer Horde hungriger Blutegel begegnet. Zudem muss man von Felsvorsprüngen in unbekanntes, unterirdisches Gewässer springen und kann – wenn man den Trip einmal angetreten hat- nicht mehr umkehren, weil einen das Boot erst auf der anderen Seite des Berges wieder abholt. Da beißt man die Zähne zusammen und redet sich ein, dass das alles zwar äußerst unangenehm, aber immerhin nicht gefährlich ist. BIS MAN DANN den Guide beim waten durch einen unterirdischen See fragt, weshalb es hier so bestialisch stinkt und er mit einem Grinsen nach oben, auf unfassbar viele von der Decke herabhängende Fledermäuse zeigt und dir eröffnet, dass Du bis zum Hals in Wasser mit Fledermaus-Scheisse stehst!!!! FLEDERMAUS!!!!!!!

Auch 2010:

Kletterpartie auf einen Berg im thailändischen Jungle: Ohne Sicherung (außer einem uralten Seil, das jemand lustlos an einen Baum gebunden hat, ohne vernünftiges Schuhwerk (der linke Schuh war nach 15 Minuten entzwei, weil die Felsen so scharf waren). Oben angekommen zunächst latent in Panik wegen der sich immer stärker zu Wort meldenden Höhenangst geraten und dann in einen Schwarm riesiger Bienen. Nach mir werden nun ALLE panisch. Um sich schlagen geht allerdings nicht, da man sich dringend festhalten muss. Der Guide beruhigt: Das sind zwar Bienen aber die KÖNNEN gar nicht stechen. Tja nun, das hätte den Bienen jemand sagen sollen, bevor sie sich offenbar heimtückisch mit Rouladenspiessen bewaffnet haben und über einen englischen Fotografen hergefallen sind, dem wir hinterher ziemlich viele Stachel entfernen mussten.

2012:

Aus purer Sturheit mache ich trotz relativ heftiger „Kopf unter Wasser“-Panik einen Tauchschein. Während des Tauchkurses werden wir ständig vor dem sehr aggressiven „Drückerfisch“ gewarnt, der zwar keinen windigen Vertrieb für Zeitschriften-Abos betreibt, der aber mühelos und mit großer Freude Korallen, Flossen, Ohren und Nasen abbeißen kann. Das Lehrbuch instruiert genau was zu tun ist, wenn einen das Männchen angreift. Das Männchen bewacht das Ei, das in einem Nest am Boden ruht, während Frau Drückerfisch einer anstrengenden Bürotätigkeit nachgeht, damit sich ihr Gatte als Hausmann verwirklichen und sich später ein Lastenrad leisten kann. Schwimmt man in sein trichterförmiges Territorium greift er an. Man muss sich also auf den Rücken legen und möglichst flach über dem Boden rückwärts weg schwimmen. Flossen zwischen sich und dem (relativ großen, bösen) Fisch und bei Bedarf nach ihm treten / ihm den Sauerstoffmesser auf die Rübe hauen. Sobald man aus seinem Territorium raus ist – so das Lehrbuch- dreht er von alleine ab. Wir fliegen nach erfolgreicher Tauchprüfung auf die andere Seite von Thailand und gehen dort tauchen. Auf Nachfrage nach der örtlichen Drücker-Fisch-Situation wird abgewunken. Die Spezies gibt es hier zwar auch, sie sei aber ÜBERHAUPT nicht aggressiv. Unter Wasser werde ich von einem Calmund großen Exemplar gestellt. Ich bleibe ruhig, befolge die Anweisungen. Der Fisch hat das Lehrbuch nicht gelesen. Erkenntnisgewinn: 1. Man kann unter Wasser durch das Mundstück kreischen. 2. Man kann eine ganze Flasche Sauerstoff beim Kreischen innerhalb von 10 Minuten leer atmen. 3. Die gesamte Tauchgruppe ist beleidigt wenn man frühzeitig auftauchen muss, weil die Flasche des Opfers leer ist. 4. Der Gefährte kommt einem erst dann zur Hilfe, wenn der Akku der Unterwasser-Videokamera leer ist und er sich von seinem Lachkrampf erholt hat. Also circa nach 10 Minuten und wenn die Bestie entnervt aufgegeben hat.

Die Begegnung mit der giftigsten See-Schlange der Welt und dem Baobab-Pavian: Ein anderes mal.

Mauritius

Vorrede

Selten bin ich mit einem so merkwürdigen Gefühl in einen Urlaub aufgebrochen. Weltweite Pandemie nach über zwei Jahren immer noch nicht beendet, das nächste Unheil ist bereits heraufgezogen. Unfassbar, dass nicht einmal zwei Flugstunden von zu Hause entfernt Menschen durch einen Angriffskrieg sterben. Dass Leute wie Du und ich aus Tiefgaragen ihrer Büroarbeit nachgehen müssen, weil Fliegeralarm ist. Dass Nachbarn sich zusammentun, um am laufenden Band Molotov-Cocktails zu basteln. Dass das Internet Menschen aus der ganzen Welt verbindet und US-Militärexperten in Ihrer Freizeit ukrainische Zivilisten schulen, wie man am besten einen ukrainischen von einem russischen Panzer unterscheidet und letzteren mit den vorhandenen Mitteln außer Gefecht setzt, wie man am erfolgreichsten einen Häuserkampf führt und weshalb man beim Beschuss von Soldaten besser nicht die Mündung aus dem Fenster hält, sondern von drinnen schießt. Dass es ein Präsident schafft, sich innerhalb weniger Tage selbst vollständig zu demontieren und ein anderer, fachfremder Präsident – der ganzen Welt zeigt, was wahre Führungsqualitäten sind und dafür sorgt, dass Bruce Willis und Chuck Norris in Sachen „Eier aus Stahl“ vor Neid erblassen. Nun kann man berechtigt fragen, ob in dieser Zeit Platz ist für einen launigen Blog über „Urlaub“, während wir eigentlich gerade ganz andere Probleme haben. Ich habe auch darüber nachgedacht. Ich glaube: ja. Weil niemandem in der Ukraine oder sonst wo damit geholfen wäre, wenn ich nicht in Urlaub führe oder ihr diesen Blog nicht lest.

Tag 1 Eier aus Stahl oder „Du hast echt tolle Nüsse“.

Als wir im Flieger sitzen, kann ich es kaum fassen. Vor lauter Inzidenzen und Omikron-Apokalypse und aufgrund der unfassbaren Infektionszahlen allein in unserem Bekanntenkreis, hatte ich nicht wirklich daran geglaubt, dass wir es schaffen in den Urlaub nach Mauritius aufzubrechen. Zwar hatte ich seit circa 1 ½ Wochen versucht, mich soweit es geht zu „isolieren“ trotz allem blieb das ungute Gefühl, dass es völlig unberechenbar ist, ob man sich infiziert oder nicht. Auch war es eine interessante Erfahrung, wie Menschen – in der Annahme die Pandemie sei nun offiziell für beendet erklärt, weil es nun auch mal „reiche“ und trotz einer Inzidenz von knapp unter 2000 – darauf reagieren, dass man bei einer unumgehbaren persönlichen Zusammenkunft – mit entsprechender Erklärung – die ganze Zeit seine FFP 2 Maske aufbehält. Nämlich so, als wäre man ein panischer Spinner, der den Ausnahmezustand mental eher schlecht verkraftet hat.

Von Vorfreude ist bei mir jedenfalls keine Spur. Panisch beobachte ich alle meine Körperfunktionen und gleiche sie mit der langen Liste potentieller Corona-Symptome ab. Wie oft habe ich heute schon genießt? Kratzt es gerade im Hals? Fühlt sich meine Stirn nicht doch heiß an??

Ich schnell-teste mich ständig selbst und zwar so dass es weh tut, nämlich tief im Rachen, damit der Test überhaupt eine Möglichkeit hat bei Omikron anzuschlagen. Was waren das noch für Zeiten, als die Male, in denen man als Frau panisch auf einen Plastiktest starrte und betete, dass man nur einen Streifen sieht sich doch sehr in Grenzen hielten.

Dienstagabend verfalle ich in Panik, weil ich einen Hustenanfall kriege. Der Mitreisende wird ungehalten und weist mich darauf hin, dass das IMMER passiert, wenn ich zu schnell ein zu kaltes Getränk zu mir nehme und als Beweisstück A hält er mir eine – nunmehr leere – Bierflasche vors Gesicht. Am Mittwoch denke ich im Büro: Jetzt ist es so weit. Ich habe einen merkwürdigen Druck auf der Brust und das Gefühl ich bin kurzatmig. Die Smartwatch wird auf die Sauerstoffsättigung hin geprüft und zeigt: ERROR!!!! Das ist der Beweis!!!!

Das Mitleid des Mitreisenden ist durch keinen Test der Welt mehr messbar. ER ist der Auffassung, das sei kein Corona, sondern eher der Herzinfarkt den ich verdiene, weil ich mich wieder einmal mehr als 12 Stunden im Büro aufgehalten habe. Offenbar ist er mal wieder der Auffassung, dass mit seiner Work-„Wife“ Balance etwas nicht stimmt, ich nämlich zu selten zu Hause weile.

Wenn das mit meiner Hypochondrie jedenfalls so weiter geht, werde ich mich in 10 Jahren nur noch in für Keime jedweder Art hermetisch abgeriegelten Innenräumen aufhalten und mit Menschen vermutlich nur noch durch Glasscheiben kommunizieren. Viecher aller Art dürfen aber natürlich weiterhin mit rein, man muss ja Prioritäten setzen, Evtl mit Ausnahme von Fledermäusen, aber dazu kommen wir später noch.

Der Mauritier nimmt die Pandemie jedenfalls löblicherweise immer noch sehr ernst. Er verlangt für die Einreise einen negativen PCR Test, der nicht älter als 72 Stunden ist, vollständigen Impfschutz und an Tag 1 und 5 des Aufenthaltes einen neuerlichen Schnelltest. Ich weigere mich vor Vorliegen des PCR Testergebnisses meine Tasche zu packen. Man stelle sich den Horror vor, dass beim Packen doch Vorfreude aufkommt und dann, just wenn die Tasche zu ist ein positives Testergebnis ins Haus flattert. Als die E-Mail mit der erlösenden Nachricht „negativ“ kommt befinde ich mich dummerweise bereits seit über einer Stunde in einem Telefonat mit schwedischen Freunden. Wie IMMER wenn man Kontakt zu Schweden hat, trinkt man viel zu viel und ist nach kürzester Zeit zwar sehr fröhlich, aber leider auch so blau, wie Teile der entsprechenden Landesflagge…Ich habe meine Tasche noch nie betrunken gepackt und bin gespannt, was mir im Urlaub alles fehlen wird oder ob ich evtl – wie eine andere Mitreisende vor ein paar Jahren auf einer Afrika-Reise – Thermosocken und lange Unterhosen eingepackt habe, in der Annahme diese seien notwendig, da es abends häufig „kühl“ werde. Ebenfalls unschön ist, dass mir erst jetzt auffällt, dass wir die digitalen Einreiseformulare noch nicht befüllt und ausgedruckt haben. Auch das ist betrunken eher weniger vergnügungssteuerpflichtig, da man Tippfehler nicht einfach korrigieren kann, sondern den gesamten Vorgang neu beginnen muss. Da der Mitreisende schon schläft brauche ich für beide Formulare jeweils erfrischende 45 Minuten. Ich gehe alle Unterlagen nochmal durch und als ich mich ins Bett lege, sind es nur noch zwei Stunden bis der Wecker wieder klingelt. Offenbar ist es schlicht nicht möglich, dass ich mal ausgeruht auf eine Reise gehe.

Wir fahren mit dem Auto zum Frankfurter Flughafen. Immer wieder prüfe ich zwanghaft mit dem Griff an verschiedene meiner Taschen, ob Reisepass, Impfpass, Einreisezertifikat, Testzertifikat, Schlüssel, Handy etc. auch wirklich da sind. Es muss ein wenig aussehen, wie die zwanghafte Aufschlagroutine von Raphael Nadal. Seit einigen Jahren trage ich zum Reisen stets eine „Weste“ mit mehreren großen, verschließbaren Taschen, damit ich die panische Suche nach Dokumenten, Geld und dem Handy nicht in der ohnehin überfüllten Handgepäckstasche erledigen muss. Vermutlich ist das die erste Resignation des Alters. Ich trage etwas, weil es „praktisch“ ist. So wie die vielen Horsts und Uwes, die ab 50 zu jedem Outfit verpflichtend eine beige Anglerweste mit gefühlt hundert Taschen tragen, auch wenn sie nicht auf eine Expedition, sondern nur zu Lidl aufbrechen. Niemand möchte wissen, was man in diesen Taschen alles fände, würde man sie sorgsam absuchen. Den verloren geglaubten Führerschein von vor 30 Jahren, eine Packung Panzerkekse, das Bernsteinzimmer (natürlich auseinandergebaut).

Am Flughafen verläuft alles verdächtig ruhig und unspektakulär. Erst als wir bereits eine Stunde in der Schlange gestanden haben merke ich, dass der Mitreisende irgendwie unruhig ist und immer wieder zum Check-In Schalter der Businessclass äugt. Er beginnt einen zunächst unverfänglichen, wenn auch für seine Verhältnisse ein wenig melodramatischen Monolog darüber, dass man in Krisenzeiten erst erkennt, wie wichtig es ist nicht alles Gute auf „morgen“ zu schieben und das Leben zu genießen, so lange es geht. Ich frage einfach nur „wie viel???“ und er rast zum Business-Class Schalter um den Preis für ein Upgrade in Erfahrung zu bringen.
Längere Verhandlungen beginnen, ob das jetzt wirklich „sein muss“. Meine große Sorge bei der Inanspruchnahme derlei Luxus ist ja immer dass – einmal damit in Berührung gekommen – das normale Leben danach deutlich weniger normal, ja möglicherweise sogar unangenehm erscheint. Wer quetscht sich schon gerne stundenlang und ohne den nötigen Komfort-Abstand in einen Flugzeugsitz und bekommt die Blähungen des Vordermanns ebenso ungefiltert mit, wie die ungepflegten, nackten Füße des Vordermanns? Wer einmal Business Class geflogen ist, der will nie mehr economy fliegen, so will es das Gesetz – und natürlich ist dies findigen Airlines klar. Abgesehen davon kann ich persönlich gar nicht soviel essen und vor allem trinken, dass der erhebliche Aufpreis sich „amortisieren“ würde. Es sei denn, es wären Schweden dabei, das wäre natürlich etwas anderes.

Nach einem Jahr der Entbehrungen für den Mitreisenden, lasse ich mich dennoch erweichen. Da man trotz des erklecklichen Extrasümmchens die Lounge der Emirates dennoch nicht aufsuchen darf, „dies ist Passagieren der First Class vorbehalten“, nehmen wir an einer normalen Bar ein Getränk ein. Dabei schaue ich mir den durchschnittlichen Reisenden an. Alle wirken gehetzt, keiner entspannt (kein Wunder, ist ja auch noch VOR dem Urlaub. Daran, dass häufig in Jogginganzügen geflogen wird, habe ich mich gewöhnt. Auch dass diese häufig mit kreischenden Mustern von Gucci bedruckt sind. Dass man zu diesem Ensemble nun aber tatsächlich auch Adiletten trägt macht mich fassungslos. Trägt man KEINE Adilette sondern Turnschuhe zieht man seine Socken bis zur Hälfte des Schienbeins nach oben und stopft DANN die Hose in den Socken. Abgerundet wird das Outfit durch irgendeine „cross-body Bag“. Aber was rede ICH, ICH trage eine Oppa-Weste.

Als wir einsteigen und es uns in diesen wahnsinnig bequemen Sitzen behaglich einrichten, wird uns sogleich ein Glas Champagner gereicht, es ist angenehm ruhig, die Temperatur ist perfekt, man möchte weinen wenn man sich vorstellt, wie man sich bei jedem nächsten Flug eingedenk dieser Erfahrung fühlen wird. Ich ranze den Mitreisenden an, der permanent Fotos machen will. NICHTS zeigt schneller und peinlicher, dass man hier offenbar gar nicht wirklich hingehört, als Selfies in der Businessclass. Eine Familie nimmt Platz. Mutter, Vater, 4 Kinder und eine Nanny. Ich erwäge um eine Adoption zu bitten und wundere mich, dass sich offenbar in den letzten 30 Jahren einiges getan hat in puncto „Luxus für Kinder“. Bei „Kevin allein zu Haus“ flogen die Eltern noch Business, während die Kids in der Economy geparkt wurden, weswegen das Fehlen des jüngsten Sprosses der Familie ja so lange unentdeckt blieb. Neben echtem Geschirr und echtem Besteck, gibt es auch echt leckeres Essen.
Ich suche das stille Örtchen auf. Es ist riesig groß, blitzsauber, ausgestattet mit allem, was man in einem Badezimmer so brauchen kann, inklusive lackierter Holzklobrille UND: ES hat ein Fenster. Man kann also – wenn man sich ein bisschen verrenkt während seiner Verrichtung auf die Welt unter einem schauen und nicht nur metaphorisch auf alles scheissen. So wird aus einer Nasszelle doch ganz schnell eine Spass-Zelle.

Neben den sonstigen Annehmlichkeiten wie Platz, leckerem Essen, einer flauschigen Decke und Menschenwürde, gibt es zudem eine echte Bar, an der man im Stehen Getränke einnehmen und sich unterhalten kann. Außerdem läuft Fussball. Ich erwäge einfach für immer hier zu bleiben, in einer Welt, in der alles in bester Ordnung ist. Der italienische Barkeeper bricht ebenfalls beinahe in Tränen aus, als der Mitreisende nicht nur mit ihm über toskanische Weine philosophiert, sondern das angereichte Weinglas RICHTIG, nämlich am Stiel und nicht am Bauch entgegennimmt. Das – so der freundliche Bar-Keeper – erlebe er hier äußerst selten. Der Mitreisende mampft unterdessen vergnügt Snacks aus einer Schale und versichert dem leicht verdutzten Barkeeper „Ihre Nüssen sind wirklich fantastisch“. Auch das scheint dieser eher selten zu hören und entscheidet sich offenbar dafür nicht beleidigt zu sein.

Der Mitreisende ist hier offenbar absolut in seinem Element. Es dauert nicht lange und er steht mit dem Mailänder HINTER der Bar, mischt Getränke und unterhält währenddessen eine Gruppe Emiratis mit Witzen und sodann mit einem Spontan-Vortrag über deutsches Straßenverkehrsrecht. Deals werden angebahnt, Business-Karten werden ausgetauscht. Ich gehe zurück zu meinem Platz und überlege, ob ich einen Film schaue. Eigentlich ist es doch völlig irre, sich in dieser Umgebung berieseln und damit ablenken zu lassen. Ich entscheide mich also dagegen, stelle aber beeindruckt fest, dass es alle Filme in Sprachen aller Herren Länder gibt. Neben Kantonesisch und Mandarin auch auf „Tagalog“ offenbar eine spezielle Mundart des klingonischen Idioms. Ich schalte auf CNN. Ein Fehler, schaffe ich es doch lange nicht, meinen Blick von den schlimmen Bildern aus der Ukraine abzuwenden. Zwischendurch fällt mir auf, dass um mich herum nun betretenes Schweigen herrscht. Viele der Mitreisende sind Russen. Sicherlich keine einfache Situation. Auch sie schauen immer wieder auf meinen Bildschirm. Ich schalte weg.

In Dubai steigen wir erst aus und dann um. Wir stellen fest, dass bei Rolex die gesamte Auslage leer ist und auch auf Nachfrage keine Uhren mehr käuflich zu erwerben sind. Nicht ohne Grund sind die Preise im letzten Jahr nochmal durch die Decke gegangen. Auch ansonsten scheint bei Dior, Hermes und Gucci rege eingekauft zu werden. Verrückte Welt. Wir suchen ein gemütliches Plätzchen um einen Snack einzunehmen. Für umgerechnet 20 € bestellt der Mitreisende die schlechteste Pizza der Welt. Wir besteigen den nächsten Flieger und sagen wir so: Alle Befürchtungen im Hinblick auf die Anwesenheit in der Economy bewahrheiten sich. Es wird geschnarcht, es wird gefurzt und um uns herum sitzen alle auf dem Flug verfügbaren Kleinkinder. Leider kann man schnarchende Mitreisende nicht wie den eigenen Partner so lange schmerzhaft in die Rippen stoßen, bis sie leise sind, es müssen daher die Qualitätserzeugnisse aus dem Hause Bose einen Nervenzusammenbruch verhindern. Nach weiteren sechs Stunden entsteigen wir dem Flieger und sind endlich da. Es folgen zweistündige Einreise- und Gesundheits-Check Formalitäten. Wir sind mittlerweile über 30 Stunden wach, mir dürstet nach einem Bier.

Mit einem kleinen Minibus, wie wir ihn sonst aus Thailand kennen, geht es zur anderen Seite der Insel. Unser Fahrer ist mir sofort sympathisch. Zwar ist er nicht mit einem Küchenhandtuch bekleidet, spricht aber mit der Stimme und im Duktus von „Dobby dem Hauselfen“. Gut, er fährt auch so Auto, wie Dobby das wohl tun würde, aber wir kommen in einem Stück in unserer Unterkunft an.

Fake News und Meinungen oder: warum Märchen wieder in sind

Wir leben in einer zunehmend komplexen Welt. Einer Welt, in der man trotz regelmäßiger Lektüre einer Zeitung, Inhaberschaft von Abitur, Hochschulstudium und dem Seepferdchen 90% der tagesaktuellen Themen nicht fachlich beurteilen kann. Was weiß ich, ob das Referendum zum Brexit nach britischem Recht verfassungskonform ist oder ob unser Klima tatsächlich durch menschliche Einflüsse im Wandel befindlich ist.

Ich verstehe trotz 1,3er Abitur und Zweier Examen weder vollumfänglich meinen Steuerbescheid, noch die Bedienungsanleitung der Mikrowelle. Wenn ich Glück habe, weiß ich nach Lektüre letzterer immerhin, dass mein Hamster nach 10 Sekunden Trocknungsvorgang in dem Gerät nicht trocken, sondern Konfetti wird.

Komplex war die Welt zwar schon immer, man hat es bloß nicht so gemerkt.
Der Durchschnittsmensch hatte schlicht nicht Zugriff auf beinahe alle Informationen zu einem Thema und die damit einhergehende Forderung, dieses Wissen nun auch gewinnbringend einzusetzen. Er hatte eine (!) Zeitung. Aus Papier. Die las er und nutzte sie nicht wie beispielsweise in meinem Haushalt ausschließlich als Unterlage fürs Kackbrett im Hühnerstall.

Ggf gab es noch die Tagesschau. Damals noch nicht als linksgrünversiffte Lügenpresse, sondern als EIN Medium zur Information empfunden. Keine Berieselung, sondern Mitdenken war angesagt. Da war man als Kind still, wenn der Oppa Nachrichten sah und sich hinterher mit den Erwachsenen über das Gehörte austauschte.

Ganz Glückliche waren zudem im Besitz eines „Großen Brockhaus“. Was DA drin stand war Gesetz. Niemand kam auf die Idee, dass die Verfasser – womöglich aus böser Absicht oder getrieben von einer finsteren Macht (Lobbyverbände, „die da oben“, die Russen, Lord Voldemort) absichtlich falsche Informationen dort aufnahm. Wenn man eine Frage hatte, schlug man das Buch auf, man bekam eine Antwort und das zauberhafte Gefühl, eine Lösung gefunden, ach was sage ich ERARBEITET zu haben, ohne die lästige Pflicht, selbige in komplizierter Exegese und nach wissenschaftlichen Standards auf Quelle, Glaubhaftigkeit und Aktualität prüfen zu müssen. Wie auch? Gut, man hätte in die Bibliothek gehen oder einen Wissenschaftler anschreiben können. Aber wozu? Das teure Buch hatte doch gesprochen. Außerdem konnte der Lehrer, der das Referat bewerten musste realistisch auch lediglich auf jahrzehntealtes Wissen aus dem Studium zur Regierungszeit Kaiser Wilhelms des II. oder auf eine vermutlich nur wenig frischere Auflage des Lexikons zurückgreifen.

Googelt man heute „Darf ein Hund Zwiebeln essen“ findet man – neben Rezepten für französische Zwiebelsuppe mit „kaltem Hund“, Forenbeiträge zur erfolgversprechende Zucht von Gartengemüse und ca. drölfzig ebenso wenig zielführende Beiträge zum Thema: „Flatulenz durch Barfen beim Zwergspitz“ das Foto eines als Hotdog verkleideten Dackels MIT Zwiebeln und ist genau so schlau wie vorher.

Der schöne Satz: „Man muss nicht alles Wissen, man muss nur wissen wo es steht“ wurde durch das Internet außer Kraft gesetzt. Durch den jederzeitigen Zugriff auf unbegreiflich viele – teils unglaublich schwachsinnige – Informationen besteht der missliche Trugschluss, man selbst sei schlau. Ist man aber nicht.

Nur weil man im Supermarkt umgeben von Lebensmitteln ist, ist man auch nicht automatisch ein guter Koch. Man kann die dollsten Produkte in einen Topf schmeißen und raus kommt: ungenießbarer Blödsinn. Man muss WISSEN wie man welche Zutaten zusammen fügt, um etwas gaumenfreundliches daraus herzustellen. Ähnlich ist es bei dem Konsum von Informationen. Man muss sie einordnen, bewerten, hinterfragen und verknüpfen können. Dabei muss man auf gespeichertes Wissen zurückgreifen können. Kann man das nicht, kommt ein ungenießbarer Brei dabei heraus, der auch durch die ursprüngliche Qualität der Zutaten nicht genießbarer wird.

Nun war ich schon immer ein großer Freund des Dunning Krüger Effektes, bringt er doch meine geronnene Alltagserfahrung ganz bezaubernd UND wissenschaftlich auf den Punkt, die da lautet: Wer dumm ist, kann nicht erkennen, dass er dumm ist und glaubt vielmehr, er sei besonders schlau. Nicht zuletzt deswegen hat er keinerlei Bedenken dabei andere – wirklich schlaue Menschen- als dumm zu beurteilen, wenn die von ihnen vertretene These (für ihn zu) komplex ist und hält fort oder Weiterbildung für unnötig. Ganz stark vereinfacht: Das Drama, vor lauter Doofheit nickt erkennen zu können, dass ein anderer schlauer ist und Recht hat, was sich auch recht schön in dem Bukowski Zitat:

„Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.“

zusammenfassen lässt. Zwar leben wir in einer zunehmend auf das Individuum und dessen Ego fixierten Gesellschaft, trotzdem bleibt es eine gute Idee, sich grundsätzlich, wenn auch mit kritischem Geist, auf echte „Experten“ zu verlassen. Es kann und muss nicht jeder alles können.

Auch wenn ich mich nach vier Staffeln Schwarzwaldklinik und dem Konsum Dreier YouTube Videos hoch motiviert und befähigt fühle, den nächstbesten vereiterten Appendix zu entfernen, lasse ich das sein. Weil ich weiß dass ich es nicht, bzw andere es besser können.

Ebenso ist es eine befremdliche – indes nach meiner Erfahrung- oft und gerne betriebene Sportart, Volljuristen wie mir nach einem summa summarum lediglich achtjährigen Studium, das deutsche Recht oder seine Fallstricke erklären zu wollen. Womöglich noch begründet mit dem „Gesunden Menschenverstand“, einem hässlichen Enkel des von Oppa Adolf so heissgeliebten „gesunden Volksempfindens“.

Das heißt mitnichten, dass man sich nicht auch als Laie schlaue Gedanken zu fachlichen Themen machen oder interessante Ideen einbringen könnte, wenn es aber anfängt hohl zu klingen, könnte man sich auf dem Holzweg befinden. Ein wenig Demut täte daher beizeiten Not.

„Dummheit“ ist jedoch leider nicht der einzige Grund für die aktuell exzessive Verbreitung von „FakeNews“ oder euphemistischer „alternativer Fakten“ sowie das nachhaltige Aussperren jeglicher Erkenntnis, die mit der Brechstange versucht das Küchenfenster einzuschlagen.

Grund Nummer 2 daher: Bequemlichkeit. Unangenehme Wahrheiten lassen sich so herrlich verdrängen, wenn man sich aus dem reichen Angebot einfach DIE Wahrheit aussucht, die einem selbst am besten in den Kram passt. Bin ich leidenschaftlicher Fleischesser, werde ich eine Wahrheit finden, dass Vegetarismus gesundheitsschädlich ist und von mir besonders gerne verzehrte Tiere über keinerlei Schmerzempfinden verfügen, der Mensch hingegen über ein Raubtiergebiss, ein klarer Beleg carnivorer Ansprüche.

Bin ich Eigentümer mehrerer hochmotorisierter Kraftfahrzeuge, finde ich irgendeinen verrückten Professor, der nach langjährigem Studium an der Baumschule Buxtehude festgestellt hat, dass ein menschengemachter Klimawandel nicht existiert. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ aber nicht in der Andrea-Nahles-Sozen-Edition, sondern als urbanes Märchen für den viel besungenen „alten weißen Mann“, der sich nicht mal zu schade dafür ist, ein 16 jähriges, schwedisches Mädchen wochenlang unflätigst zu beleidigen.

Hauptsache, das eigene Verhalten nicht überdenken müssen und die unangenehme Kognitive Dissonanz vermeiden, dass man zwar gerne zweimal im Jahr nach Australien fliegen, aber trotzdem in 20 Jahren nicht in einer teutonischen Wüste wohne möchte.

Grund Nummer 3: Angst. Angst vor einer Welt, die man nicht mehr begreift. Davor abgehängt zu sein und auf Hilfe anderer angewiesen. Je größer die Angst, desto lauter und aggressiver
das virtuelle Gebrüll und der Drang nach einer einfachen Erklärung für jedes noch so komplexe Problem und umso größer die Gefahr, aus dem Stand über ein zwei Meter hoch platziertes Stöckchen zu springen, das ein schlauer Mann mit Dackelkravatte einem hinhält. Das beruhigende Gefühl zu einer besonderen, auserwählten Gruppe von Menschen zu gehören, die wirklich (!) weiß, was vor sich geht und es den Eliten irgendwann zeigen wird.

Was nun aber tun, damit man nicht so wird, wie Onkel Alfons, der auf jeder Familienfeier populistische Volksreden hält, bis er – zur Erleichterung aller- in ein sanftes Bier-Koma fällt? Anbei ein paar Ratschläge zum demütigen Umgang mit Informationen, die selbstverständlich nicht auf meinem Mist gewachsen sind, sondern auf dem deutlich schlauerer Personen:

„Es ist meine Überzeugung, dass die Wahrheit der Lüge vorzuziehen ist“ (Prof. Dumbledore)

Auch wenn es unangenehm oder hart auszuhalten ist: Vom Ergebnis her denken ist kontraproduktiv und zahlt sich im Endeffekt nicht aus. Manchmal muss man der Wahrheit ins Auge sehen, man muss es nur wollen.

„Es muss auch Blöde geben auf der Welt, es gibt halt nur jeden Tag mehr!“ (Meister Eder)
bzw:
„Größe ist nicht alles, die kleinere Truppe wir sind, dafür größer im Geist“ (Meister Yoda)

Auch wenn es manchmal so erscheint: Wer lauter ist, hat weder automatisch Recht, noch ist die Gruppe der “Schreier” tatsächlich größer als die derer, die auf der anderen Seite der Dunning Krüger Skala stehen und vielleicht nur deswegen den Schnabel halten, weil „sie wissen, dass sie nicht wissen“. Und so muss es zwar „Blöde“ geben, man kann sich aber jeden Tag frei entscheiden, ob man selbst einer sein will.

„Vertan, sprach der Hahn – und stieg von der Ente.“ (Bernd Stromberg)
bzw.
„Ich habe gedacht, das wird in Kölner Studios gedreht, dabei sind wir hier im echten Jungle!“ (Joey Heindle)

Eine Meinung kann man ändern. Beliebig oft! ZB wenn man etwas Neues dazu gelernt hat. Fehler kann man einräumen. Ganz ohne, dass einem ein Zacken aus der imaginären Krone bricht. Ebenso kann man ohne Auferlegung eines Bußgeldes zugeben, dass man sich geirrt hat und es jetzt besser weiß. Man kann auch, bevor man seinen Senf dazu gibt eine Quelle prüfen, sich die Argumente der anderen Seite anhören und sich dann, informiert und ohne Schnappatmung eine Meinung „bilden“. Das ist ein mühsamer Prozess, nicht wie ein Schnupfen, den man automatisch bekommt, weil der Nachbar einen anhustet. Der Prozess darf auch länger dauern und man darf durchaus zugeben, dass man zu Thema a oder b schlicht noch keine Meinung gebildet hat.

„Das ist wieder typisch! Wenn diesen linken Dogmenkackern was nicht in den Kram passt, werden sie ordinär!“ (Alfred Tetzlaff)

Der Ton macht die Musik. Höflich bleiben! Auch beim „dagegen halten“. Durch Anschreien hat bislang noch niemand seine Meinung geändert.

„Niemand zwingt Sie nach Ende der Vorlesung sofort den Campus fluchtartig zu verlassen, Sie dürfen auch in die Bibliothek gehen und die Nase noch in ein Buch stecken“ (Strafrechtsprof im zweiten Semester)

Lesen bildet. Oder jemanden Fragen, der Ahnung hat. Oder Nachdenken. ODER mit anderen sprechen. Das KANN sogar Spaß machen. Also los!

Tag 3 – Foxy Phantasies oder das Bernsteinzimmer am Nordpol

Disclaimer: Ich weiss nicht, was man im Robinson Club ins Trinkwasser gemischt bekommt, es führt jedenfalls bei mir dazu, dass das ich unsäglich faul oder sagen wir besser „entspannt“ werde. Alles was der teure Achtsamkeitstrainer vergeblich versucht hat geht hier – ab dem vierten Tag- von alleine: Ruhig atmen, Puls runter, schlafen wie ein Stein, sorgenfrei in den Tag hinein leben, keine E-Mails checken, die vielen Stimmen im Kopf die ständig rufen man genüge nicht auf „mute“ drehen. Deswegen muss ich die weiteren Berichte nun nachliefern, obwohl ich mich schon auf dem Rückflug befinde.

Es wird zugig am Strand und wir müssen dringend auf das „roof top“ für einen Sundowner. Wie überhaupt alles hier im Club gezeitengleich abläuft (alle 3 Mahlzeiten, Aufenthalt auf dem „Schachbrett“, Wassergymnastik, Stuhlgang) MUSS man um spätestens 18 Uhr Lemming-gleich hoch aufs Dach, ein möglichst buntes Getränk zu sich nehmen und seine bestrassten Luxus-Flip-Flops öffentlichkeitswirksam präsentieren.

Alle haben Spaß, nur ich habe eine mittlere Panik-Attacke. Ich habe zwar weder Fieber, noch Husten, noch Geschmacksverlust und bin mehrfach negativ getestet (und doppelt geimpft sowieso) fühle mich aber irgendwie „müde und schlapp“ und male mir in den buntesten Farben aus, wie ich hier auf der Rentner-Insel viel zu früh das zeitliche segne oder- noch schlimmer- meine Freunde anstecke. Auf die Idee, dass totales Schlafdefizit und anstrengende Anreise sowie ein in mehrfacher Hinsicht katastrophales Jahr ebenfalls dazu fühlen KÖNNTEN, dass man sich zwischendurch evtl. irgendwie unpässlich fühlt, komme ich nicht, SO entspannt bin ich NOCH nicht. Da merkt man mal, was so eine Pandemie und das ständige Kreisen um dieses Thema mit einem macht. Es macht einen noch bekloppter als man ohnehin ist und die eigenen Ängste bekommen das Roland-Emmerich-Katastrophenfilm-Upgrade.

Gottlob habe ich einen weiteren der liebsten Menschen der Welt dabei, der solche Befindlichkeiten antizipiert und durch eine lange Umarmung neutralisiert. Solche Menschen sind Gold wert und müssen auch wie ein Goldschatz gehütet werden. Übrigens scheinen viele andere Mit-Clubber dieses spezielle Thema DEUTLICH lockerer zu sehen schaut man sich die Maskendisziplin so an, aber klar: Corona kann sich ja keine Bordkarte kaufen, bleibt also nach Auffassung Vieler offenbar brav daheim. Wenn man irgendwo was über den Menschen als solches lernt, dann in der Krise und was man lernt, ist wenig beruhigend.

Unsere kleine Urlaubsgemeinschaft ist um zwei weitere Mitglieder angewachsen. Normalerweise reagiere ich ja auf die Aussage: „Wir haben hier SUPER nette Leute kennen gelernt, mit denen MÜSSEN wir was unternehmen“ immer äußerst skeptisch und ablehnend, habe ich doch mit dem großen ansonsten Mitreisenden schon die dollsten Dinge erlebt. Wen hat der Mann nicht schon alles angeschleppt in der Annahme, er habe endlich mal NORMALE oder noch schlimmer „interessante“ (!)! Leute getroffen und dann so getan, als sei ich lediglich mal wieder ein motzender Misanthrop, bis sich dann herausgestellt hat, dass mein Menschenradar nicht umsonst „WEGLAUFEN!!“ angezeigt hat.

Da war von hardcore Swingern über Satanisten über rechtsextreme Schwurbler echt schon die ganze Bandbreite des Wahnsinns dabei. Das Dumme an irren Bekanntschaften ist ja, dass diese sich in der Regel erst stunden- manchmal sogar tagelang wirklich unauffällig benehmen, um Dir dann den Wahnsinn in einer Art Revue-Show-Feuerwerk zu präsentieren, wenn du schon gar nicht mehr sozial-kompatibel fliehen kannst. Ist man dann so gestrickt wie ich (nämlich im Privatleben eher konfliktscheu) dann wird man die Irren nicht mehr so einfach los, manche bleiben für immer im erweiterten Bekanntenkreis.

Bei den zwei hier aufgegriffenen Exemplaren handelt es sich aber um einen wirklichen Glücksgriff. Leute bei denen man sich fragt, weshalb man die nicht schon vor Jahren kennen gelernt hat und selbst bei einem Flugzeugabsturz in den Anden keine Angst hätte, dass man von ihnen der Gruppe geopfert und gegessen wird. Ich stelle einige geschickt platzierte Fangfragen, um den möglicherweise doch vorhandenen Wahnsinn hervor zu locken, aber er kommt nicht. Jackpot. Zudem ist es immer eine gute Grundlage für eine Freundschaft, wenn man dieselben Dinge / Leute verabscheut und das ist hier Gottlob auch der Fall.

Wir verabreden uns also für den Abend zum Essen. Jeder Abend hat – so muss das in einem Club wohl sein- ein Kleidungs-Motto. Da noch „Rock-Woche“ ist, ist das Motto irgendwas mit „black“ und ich habe ausnahmsweise mal kein Problem, mich Outfit-Technisch zu assimilieren, was am Retroabend, am Hawaii-Abend und an einigen anderen Tagen anders ist. Ab Abend 3 weiß ich aber – und das NICHT aus eigener Anschauung -, dass man nur einfach alkoholisiert genug sein muss und es einen dann nicht einmal mehr juckt, wenn man als EINZIGER im Hotelbademantel und in Flip Flops am Buffet erscheint…

Wir entsanden uns, brezeln uns auf und begeben uns erstmals zum Abend-Essen ins „Hauptrestaurant“. Buffet. Das ist ja bekanntlich das Akronym für „Badelatschen und Fresserei für Eberhards Traumkörper“ und ich habe angesichts der haarsträubenden Erlebnisse auf dem Kreuzfahrtschiff und im Ikea Bistro wie schon geschildert ein wenig Angst vor dem Ergebnis, dies aber zu Unrecht. Auch heute Abend findet JEDER irgendetwas das im schmecken kann, es sei denn man MÖCHTE sich zwingend über irgendwas beschweren.

Schwieriger wird es allerdings mit der Tischwahl, will man so viele unterschiedliche Bedürfnisse der Mitesser irgendwie miteinander in Einklang bringen. Die Vertretung des großen Mitreisenden, der in Personalunion Sugar Daddy vom Katernberg, Anstandsdame, Herbergsvater und Stimmungskanone ist, hat es irgendwie kurzfristig geschafft, draußen einen der besonders guten Tische für 6 Personen zu reservieren. Nun beginnt allerdings aufgrund der verschiedenen Befindlichkeiten eine Art Reise nach Jerusalem bzw. Tischchen Wechsel Dich. Dem einen ist es zu windig, dem anderen zu kalt (obschon bereits wie für einen Wettlauf zum Nordpol gewandet) dem dritten ist es zu hell, dem vierten zu laut, der fünfte möchte nicht Indoor sitzen. ICH habe einfach nur Hunger und mir ist egal, wo ich sitze, solange es ENDLICH was zu beißen gibt. Wir ziehen an einen windstilleren Platz um: der Tisch wird verworfen. Wir ziehen an einen dritten Tisch um, der jedoch nur einem Teil der Gruppe gefällt. Ich streike und will sitzen bleiben und weil wir eine COOLE Gruppe sind, teilen wir uns kurzerhand und völlig unproblematisch auf, da ein für alle perfekter Tisch offenbar schwerer zu finden ist als das Bernsteinzimmer.

Das Essen verläuft unauffällig, leider ebenso unauffällig füllt Don Carlos heimlich mein Glas immer wieder mit Rotwein auf. Für den Geschmack trinke ich nebenbei Bier, das wird sich später noch rächen. Wir unterhalten uns gut und haben Spaß. Ich werde – und sowas passiert zu Hause NIE- von zwei verschiedenen und sogar durchaus ansehnlichen Männern angeflirtet. Ich habe zu Hause mit zunehmendem Alter das Gefühl, irgendwie „unsichtbar“ für das andere Geschlecht zu werden, was ja an sich völlig ok, manchmal aber eben auch ein wenig ernüchternd ist. Evtl ist es ein cleverer Move, sich in einem Setting zu präsentieren, in dem man das Küken und nicht die Schildkröte ist.

Wir begeben uns zum „Schachbrett“, wo ein fleißiger DJ auf und ab turnt. Die Disko-Fox-Ultras sind schon da und wirbeln ohne Rücksicht auf Verluste über die Tanzfläche. Wenn die vielen vielen In einer Art Zeitschleife feststeckenden deutschen Tanzschulen wüssten, was sie in der Welt durch ihre Kurse für Verwüstungen anrichten, der Tanztee würde sofort verboten. Da ist es wie bereits erwähnt völlig Wurscht, ob David Guetta, die unselige Helene Fischer oder Metallica performen oder performt werden: Alles wird stromlinienförmig durchgefoxt. Selbst auf Wiener Walzer kann man Disko-Fox tanzen, wenn man sich nur ein BISSCHEN Mühe gibt und den Rhythmus einfach Rhythmus sein lässt!!!

Während ich mich noch über die vielen Hardcore-Sportler wundere, die nach Spinning, HIIT Training, Cardio-Fit und Halbmarathon am Strand immer noch im Sportdress und mit isotonischem Getränk bewaffnet, völlig geschlechtslos im Spandex-Ensemble vor der Bühne stehen, passiert das Unaussprechliche: ich werde schon wieder angesprochen. Diesmal ist es „Frank aus Frankfurt, das kann man sich super merken Höhöhö“.

Ich bin so schockiert, dass der Fluchtreflex versagt, werde aber von meiner Gruppe wie im Inneren eines riesigen Sardinenschwarms aus der Gefahrenzone geschleust. Wie sagt Jochen Malmsheimer so richtig: „Ich kenne weit mehr Franks als gut für mich ist.“ Wäre meine bessere Hälfte dabei, würde mir vermutlich wieder vorgeworfen, ich hätte irgendwelche „Signale“ gesendet. Da frag ich mich immer welche Signale das sein sollen. Dass die Vitalfunktionen noch uneingeschränkt vorhanden sind?

Unser neuer Freund wird von mir so besonders geschätzt, weil er sich in diesem Party-Setting genau so verhält, wie es mir immer nachgesagt wird: Streng bzw. düster gucken, am Rand stehen, beobachten, ein Glas festhalten und um GOTTES WILLEN nicht tanzen. Leider kann Don Carlos das so gar nicht gut sehen und lässt es einen Gin Tonic nach dem anderen regnen. Mein strenger Freund und ich …. nun ja, verlieren den Kampf gegen den Alkohol und müssen uns zwischenzeitlich aus Sicherheitsgründen an ein Stehtischchen klammern um nicht umzufallen. Wie sagte der Oppa eines

Freundes immer so treffend „Junge pass auf, die letzte Flasche die umfällt könntest DU sein“.

Und so krönen wir unseren neuen Reisegenossen nur deswegen zum „Klassenvollsten“ (und nicht mich), da er früher als ich zum Zimmer schwankt und ich dies erst tue, als mich niemand mehr beobachten kann, der nicht mindestens so voll ist wie ich. Ich schaffe es dran zu denken VOR dem zu Bett gehen eine halbe Flasche Wasser und eine Schmerztablette zu mir zu nehmen. Manchmal muss man einfach Glück haben.