Halloween oder: „Wer hat Angst vorm Deutschen Mann?“

Gestern nach der Arbeit, habe ich noch im Supermarkt Halt gemacht. Süßigkeiten kaufen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich sogar früher Schluss gemacht, um rechtzeitig MIT den Süßigkeiten zu Hause zu sein, falls der ein oder andere minderjährige Horrorclown aus der Nachbarschaft klingelt, um ohne Erbringen einer Leistung Schokolade und Ähnliches zu erpressen.

Zunächst hatte ich ja geplant, potentiellen Bittstellern ausschließlich Obst und Dinkelkekse zu überreichen um zu schauen, wieviel Horror der Durchschnitts -Nachwuchs so aushält. Mein großes Herz und die Angst um die weiße Fassade haben mich dann aber doch davon abgehalten. Abgesehen davon, bin ich ja immer nur so lange Grinch, bis dann ein echtes Kind vor mir steht.

Vor einem eintägigen Feiertag – der selbstverständlich mit „Halloween“ nur sehr bedingt etwas zu tun hat- einen Supermarkt zu betreten ist natürlich eine äußerst dumme Idee, gibt es doch nie wieder etwas zu kaufen und offenbar das starke Bedürfnis, sich an einem Feiertag ohne besonderen kulinarischen Hintergrund die durchschnittliche Wochenkalorienzahl zuzuführen.

Eine unfassbare Menge unverkleideter, allerdings offenbar schon mit Zucker gefüllter Kinder marodieren durch das Geschäft. An der Tiefkühltruhe diskutieren zwei Teenager, weshalb der anstehende Feiertag „Allah-Heiligen“ heißt, aber dennoch in NRW frei ist.

Im non-food Gang liegen auf dem Boden mehrere Stapel noch nicht ins Regal sortierter Poster. Ein blonder Junge (Modell „Drako Malfoy“) latscht immer wieder mit seinen nassen Schuhen auf der Ware rum. Mutti steht mit Schwiegermutti daneben und bittet „Julian-Pascal“ immer wieder, das doch bitte zu lassen. Julian Pascal ist entweder taub oder blöd, wird aber von mir mit den Worten „Freundchen das lässt du mal schön sein“ von den Postern gezerrt. Nach Lektüre des sehr empfehlenswerten Buches „Kinder an die Macht“ werden Kinder, deren Eltern sich der Erziehung nachhaltig verweigern in Hinkunft von MIR erzogen.

Zu Hause angekommen, mache ich demonstrativ überall das Licht an, damit die Nachbars-Brut auch weiß, dass es hier etwas zu holen gibt. Zwei Stunden lang kommt niemand. Ich vergreife mich also selbst an den Qualitatserzeugnissen aus dem Hause Ferrero. Berichterstattung in Funk- und Fernsehen, sowie unzählige Postings auf Twitter haben mich nachdenklich gemacht.

Neben wenigen Halloween Enthusiasten wird dort – ganz deutsch- gegen diesen „Aus Amerika eingeschleppten Kommerz-Quatsch“ geschimpft. Je nachdem noch mit fundamentalchristlicher Entrüstung. Da ist sie wieder: die typisch Deutsche Allergie gegen Spaß. Gefeiert werden darf schon, dann aber bitte nur mit ordentlichem Grund, der – wenn es ganz gut läuft- noch christlich traditionellen Ursprungs ist. Dass andere Menschen grundlos fröhlich und (oh Graus) womöglich sogar albern sind, das geht eindeutig zu weit. Kurzzeitig scheint eine Amerikanisierung des Abendlandes kurz bevor zu stehen.

Nun rege ich mich ja auch gerne und viel auf. Evtl setzt aber in Teilen bereits eine gewisse Altersmilde ein: wenn sich jemand verkleiden und ausgehen will: so what? Wer hat sich als Kind nicht gerne verkleidet und gegruselt? Und wer hätte als Kind zu einer weiteren Gelegenheit nein gesagt, durch die Nachbarschaft zu ziehen und Süßigkeiten geschenkt bekommen? Und zwar ohne das entwürdigende Absingen irgendwelcher Kinderlieder? Richtig: niemand.

Wir hätten das ALLE gemacht, hätte es das damals schon gegeben. Nur hatten wir ja in den 80ern bedauerlicherweise NICHTS.

Es gibt aber tatsächlich Leute, die den „hässlichen Deutschen“ so perfekt verkörpern, dass sie sich nicht mehr horrormässig verkleiden müssen – und ich meine ausnahmsweise mal NICHT Bernd Höcke.

Das sind vielmehr solche Leute, die die Türe öffnen und aufwendig verkleidete Kinder anschnautzen es gebe nichts weil sie „diesen Blödsinn“ nicht mitmachten. (So gestern einer Freundin und deren Neffen passiert)

Egal wie scheisse man Halloween findet und egal ob man vergessen hat, welcher Tag ist: dann sucht man verdammt nochmal solange, bis man irgendwas zum verschenken gefunden hat! Notfalls geht auch Bargeld.

Ich lauere derweil immer noch hinter der Haustür, mit einem Jahresvorrat Schokolade. Offenbar sind die sonst recht präsenten Nachbarskinder alle ausgeflogen.

Was ich damit eigentlich nur sagen wollte: Lasst doch den Leuten einfach ihren Spaß. Entgegen anderslautenden Behauptungen wird NIEMAND gezwungen sich zu verkleiden oder fröhlich zu sein.

Tag 4 – Spasss auf dem Pass

An Tag vier möchte der Verrückte Fahrer gerne dem sportlichen Gefährt etwas bieten und eine Passstraße fahren. Selbstverständlich nicht irgendeine Passstrasse, sondern den sagenumwobenen Stelvio Pass, der sich alles andere als in unmittelbarer Nähe befindet. Das führt dazu, dass ich schon des morgens gehetzt werde und mir nahe gelegt wird, außer dem neuerlichen Ergebnis des Alm-Entsafters nichts zu mir zu nehmen. Das kommt natürlich nicht in Frage, ebenso wie die völlig abseitige Idee mich nicht zu schminken.

Wir treten also wieder einmal den Weg ins Tal an. Diesmal bereits vor neun Uhr. Die Straßen und Wege sind trotzdem bereits gerammelt voll mit sportfreudigen Menschen. Das soll mir mal irgendwer erklären, wie man gestrickt sein muss, dass man in den Urlaub fährt um dann um sieben Uhr aufzustehen.

Nachdem wir aus dem Naturschutzgebiet rausgefahren sind und „normale“ Straßen befahren, haben wir mehrere Zeitgenossen vor uns, die man in Deutschland wohl als „Sonntagsfahrer“ bezeichnen würde. Opas mit dazugehörigem Hut auf der Ablage, italienische Muttis oder Maltes aus Malente im Familien Van. Nun muss einen das im Urlaub und bei diesem Panorama natürlich eigentlich nicht aufregen, es kann aber, wie man meinem Mitreisenden sehr schön sieht. Wiederholtes Aufheulen lassen des Motors schafft allerdings eben so wenig Abhilfe, wie dichtes Auffahren und böse gucken, wenn man die fahrende Weinbergschnecke dann irgendwann doch überholt.

Nun bin ich ja von unseren Reisen nach Costa Rica und zuletzt Kenia einiges gewohnt, dass dieser Tag mir aber nicht nur einen Nerv rauben sollte war mir nicht klar. Zunächst fahren wir in einen schönen langen Stau. Ein Umfahren laut Navi nicht möglich. Die Fahrstrecke bis zu besagtem Pass verlängert sich auf zwei, dann auf drei, dann auf dreieinhalb Stunden. Das ist so lange kein Problem, wie ich, nun ja….. nicht MUSS!!! Ich kann völlig entspannt stundenlang im Auto sitzen den DJ geben, Getränke anreichen, den Alleinunterhalter machen, aber wenn sich dringende menschliche Bedürfnisse über Stunden regen, dann hört der Spaß einfach auf. Leider sind wir auf einer Straße, die schnurgerade an Apfelbaum-Plantagen vorbei führt. Nix mit Sichtschutz und noch nichtmal eine Haltebucht. Nun ist es ja so, dass die eigene Schamgrenze in demselben Maße sinkt, wie die Dringlichkeit des Bedürfnisses ansteigt. Ich male mir daher schon in den düstersten Farben aus, wie ich – unter Mühe – dem Porsche entsteige und zur Erheiterung aller außer mir selbst möglichst würdevoll versuche an den Wegesrand zu machen.

Überhaupt ist in Punkto menschlichen Bedürfnisses Folgendes zu beobachten:

Frauen beim Wildpinkeln: Schlagen sich durchs Unterholz, marschieren bis nach Polen um nicht gesehen zu werden, tarnen sich mit Zweigen, schämen sich.

Männer beim Wildpinkeln: Stehen an der Straße, halten mit einer Hand das Würstchen, mit der anderen winken sie dem Verkehr.

Wie durch ein Wunder setzt sich jedenfalls die Fahrzeugschlange wieder in Gang. Leider „vergisst“ der charmante Chauffeur SOFORT ranzufahren, wenn eine Tankstelle, Rastplatz oder Sichtschutz am Wegesrand auftaucht. Fröhlich fährt er vielmehr an einem Parkplatz MIT klohäuschen vorbei. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn mit unserer Provianttasche zu verprügeln. Das hilft für circa eine Minute, danach muss ich wieder. Mit aller aller letzter Kraft schaffen wir es zu einer Tankstelle, die nach Auskunft des Tankwärters NICHT über eine Toilette verfügt. Ich renne hinter das heruntergekommene Kassiererhäuschen und belehre den guten Mann eines Besseren.

Als ich versuche, möglichst würdevoll wieder in Erscheinung zu treten ist der Fahrer dabei in liebevoller Handarbeit das Gefährt zu waschen. Ich nehme an, dass auf dem Pass präsentable Fotos für die Mitglieder der illustren Rennsportgruppe geschossen werden sollen. Sei es drum, Putzen entspannt schließlich. Mit einiger Verspätung kommen wir am Fuße des Berges an.

Man könnte meinen, hier gäbe es außer Panorama und – wie ich zu diesem Zeitpunkt noch denke- guter Bergluft irgendwas umsonst. Es ist rammelvoll. Unzählige Autos, Motorräder samt Besatzung und Rotten von Rennradfahrern rüsten sich, den Pass zu befahren. Die extreme Heterogenität der Versammelten lässt bereits jetzt erkennen, dass es unterwegs vermutlich zu Bedürfniskonflikten kommen wird. Will der semiprofessionelle Rennradfahrer in seiner Ganzkörperpelle doch einfach nur lebendig und an einem Stück am Gipfel ankommen, will der Durchschnitts-Autofahrer dasselbe. Motorradfahrer und ambitionierte Sportwagenfahrer möchten – so zumindest mein Eindruck – genau das obige verhindern, indem sie so rücksichtslos wie möglich und selbstverständlich auch so laut wie möglich durch die Haarnadelkurven donnern. Nun bin ich ja trotz fortgeschrittenen Alters immer noch ein recht toleranter Mensch. Auch schlagen hinsichtlich schneller und schöner Autos mehrere Herzen in meiner Brust. Ich gehöre zu dieser merkwürdigen Zwischengeneration, die das verbrennen fossiler Brennstoffe zur Erreichung von Höchstgeschwindigkeit liebt, aber gleichwohl weiß, dass derlei Verhalten unter Umweltaspekten schlicht nicht zu rechtfertigen ist.

Ich werde SEHR GERNE schnell herumgefahren und habe auch um mich selbst dabei null Angst. Auch wird mir NIE, aber wirklich NIE NIE schlecht im Auto. Was ich aber auf den Tod nicht leiden kann, ist Rücksichtslosigkeit. Da werde ich um ehrlich zu sein relativ militant.

Als ich einmal mit der Bahn nach München fuhr und der Lokführer beinahe ein Kind überfahren hätte, das an den Gleisen spielte und dies nur durch Vollbremsung zu verhindern war, machte er die unvergessene Durchsage, alle Eltern mögen sich dieses glimpfliches Erlebnis als Beispiel nehmen, denn es sei „für alle Beteiligten keine schöne Erfahrung wenn ich hier mit 180kmh ein Kind überfahre.“

Recht hatte der Mann. Ebenso ist es vermutlich auch kein schönes Erlebnis einen Radfahrer in die ewigen Radel-Gründe zu schicken. Gottlob weiß der mir nicht angetraute Tim Alesi, welche Reaktionen derlei schlechtes Benehmen bei mir hervorrufen würden. Davon abgesehen fährt er ohnehin umsichtig, da er als Fachmann weiß, dass in dieser Situation jeder Unfall bei oben beschriebenem Verhalten vorsätzlich, nämlich mit dolus eventualis erfolgen würde. Dieser bedingte Vorsatz grenzt sich von der sog. „Bewussten Fahrlässigkeit“ vereinfacht gesagt dadurch ab, dass man bei letzterem darauf vertraut und auch vertrauen darf, dass „es irgendwie schon gut gehen wird“. Das kann man indes nicht, wenn man wie nicht gescheit überholt und den Radfahrern beim Überholen die nicht vorhandenen Beinhaare rasiert. Wäre ICH hier die Polizei, Italien würde durch das Einziehen kostspieliger Tatmittel sehr schnell wirtschaftlich sehr viel besser dastehen.

Auf der anderen Seite ist es beinahe ebenso zum Haare raufen, wenn sich holländische Latte Macchiato Mütter mit frisierter Asi-Palme in Hummer-großen SUV und mit extra-dickem Nerv den Berg so herauf trödeln, dass sich kilometerlange Fahrzeugschlangen hinter ihnen bilden und selbst die Radfahrer gebremst werden. Getoppt wird das allerdings durch ein Ehepaar in den besten Jahren, die es für eine super Idee halten, mit einem riesigen Wohnmobil durch die Haarnadelkurven zu fahren. Inklusive Vor- und Zurückrangieren, einweisen, Anhalten für Panoramafotos inklusive Blockade der ganzen Straße. Ich hab kurzzeitig Angst, dass Tim Jong Un aussteigt und besagtes Rentnerpaar mit unserem Proviantbeutel malträtiert.

Bewundernd stelle ich fest, dass einige der Radfahrer mit Mund-Nase Schutz unterwegs sind. In your Face Attila Hildmann. Auch sind erschreckend viele Frauen unter den Fahrenden. Ich weiß, dass das jetzt wieder als Antifeminismus ausgelegt wird, aber es ist mir schon rätselhaft, wie man das als Mann schaffen kann. Mein Verdacht war ja immer, dass Männer deshalb in ihrer Freizeit Rennrad fahren, weil die ansonsten samstags mit ihren Frauen zu Ikea müssten. Besagte Kötbullar-Schmiede gibt es hier in Bella Italia aber fast gar nicht.

Jedenfalls ist der Pass traumschön, das Wetter spielt mit und man muss sagen, die Fahrt hat sich gelohnt. Auf dem Berg soll eine perfekte Pizza locken, was sich leider als Trugschluss herausstellt. Möglicherweise hat der Genusstempel Corona nicht überlebt.

Stattdessen gibt es drei Bratwurststände und etliche Souvenir Geschäfte, in denen man neben dem üblichen Tand auch Rennradtrikots mit Ortsbezeichnung erstehen kann. Nur eins kann man leider nicht kaufen: eine warme Decke respektive warmen Pulli. Waren es „unten“ erfreuliche 27 Grad liegt hier oben, auf ca 2600m überraschenderweise Schnee. Ich trage eine kurze Hose. Mir friert. Wir nehmen im Restaurant an der Spitze eine Gulaschsuppe zu uns, denn dort gibt es zur Aussenbestuhlung wärmende Decken, in die ich den Fahrer mit dem Vikingerblut einwickle. Der schmollt, weil er keine Suppe, sondern eine Pizza essen wollte. Gibbet aber eben nicht. Wir unterhalten uns mit einem Ärztepaar am Nebentisch. Mit entsprechendem räumlichen Abstand. Wir stellen – nicht das erste und auch nicht das letzte Mal in diesem Urlaub im Hinblick auf deutsche Ärzte – fest, dass diese „Corona-Kritiker“ sind. Nun kritisiere ich Corona auch. Beispielsweise für den Ausfall zweier Ibiza Urlaube. Die beiden meinen das aber anders. Nämlich, dass das alles aufgebauscht und nicht so schlimm sei. Gerade hier in Italien ein Hohn. Wenn Ich sehe, wieviele Menschen – insbesondere Ältere- hier ohne entsprechendes Gebot auch draußen immer mit Maske herumlaufen lässt sich erahnen, was unsere italienischen Nachbarn hier mitmachen mussten. Bevor unsere Gesprächspartner jedoch Bill Gates oder ggf. die bösen Echsenmenschen thematisieren können, besteigen wir das Auto und fahren – auf der anderen Seite des Berges- wieder ins Tal. Versehentlich überfahren wir die Grenze zur Schweiz und Vodafone bucht automatisch 10 Euro von der Kreditkarte ab. Wegelagerer!!!!

Wir beschließen den Tag mit einem Stopp in Meran (Meinung: Muss man nicht wirklich gesehen haben) und kaufen dort neben Wein und Käse einen Weinnöffner, was sich in Zukunft noch als Segen erweisen wird

Tag 3 – Körperliche Ertüchtigung in der Mayr-Kur

Beschwingt starten wir an Tag drei zum Frühstück. Als ausgeprägte (Nacht)Eule empfinde ich es in jedem Urlaub schlicht als Unverschämtheit, wieviel weniger quälend das allmorgendliche Aufstehen sich anfühlt, wenn der Weg sodann nicht ins Büro führt. Wir sind daher – in guter Urlaubstradition- schon vor 9 Uhr beim Frühstück. Erneut wird mir ein scheußliches, saftenes Presserzeugnis durch den Nicht-Angetrauten vorgesetzt, das ich brav zu mir nehme. Darüber hinaus esse ich – gefühlt seit Jahrzehnten das erste Mal- ein Brot mit Nutella. Ich frage mich, was mich die letzten Jahre von diesem Genuss abgehalten hat.

Zeitgleich ahne ich, dass dieser Urlaub für die Kalorien- und Kilobilanz alles andere als erfreulich sein wird.

Leider sind die Prophezeiungen meiner Freunde, die ein wenig älter sind als ich eingetreten: Der Stoffwechsel macht trotz ständiger Ermahnung nicht mehr was er soll und auch die Haut wird trotz stetiger Ermahnung einfach schlaffer. Schlank und straff bleiben artet also offenbar wirklich noch in Arbeit aus. Eingedenk des schlechten Nutella Gewissens, machen wir uns auf zu einer kleinen Wanderung. Ungelogen 50 Meter nach Aufbruch am Hotel stellt der Mitwandernde – dem ein kleines bisschen Bewegung nun auch wirklich nicht schaden würde- fest, dass das – bergauf – ganz schön anstrengend ist. Um nicht zu sagen so anstrengend, dass man sich derlei Strapazen im Urlaub nicht aussetzen möchte. Ich bin ein bisschen entsetzt, bin ich doch eigentlich mit einem Endvierziger und nicht mit einem Teenager angereist. Gleichwohl finde ich mich kurz darauf in einem Lift wieder, der uns „auf den Berg“ befördern soll. Der (Nord)Italiener nimmt für die einfache Kurzstrecke pro Nase fast 10 Euro. Faulheit muss wohl bestraft werden. Ich schäme mich ein wenig vor den zahlreichen rüstigen Rentnern, die mit unverschämt strammen Waden gen Gipfel stürmen. Auf der anderen Seite stelle ich fest, dass die akute Todesangst, die ich ansonsten auf Sesselliften empfinde nicht eintritt, wenn ich – wie jetzt- keine Skier an den Füßen habe.

Überhaupt ist für mich der Wintersport oder urlaubender Aufenthalt in Wintersportgebieten zur Winterzeit einfach nicht … das richtige. Von Todesangst, der Gefahr sich das Genick zu brechen und alkoholisierten Boomern beim Apreski sowie Liedgut aus Mallorcas Ballermann abgesehen, erschließt es sich mir einfach nicht, wie man Freude daran haben kann ständig zu frieren und / oder oder sich in unfassbar viele Schichten Kleidung zu hüllen. Es ist entweder viel zu warm und stickig oder viel zu kalt, Sonnenschein auf dem Gipfel hin oder her. Im Urlaub fühle ich mich am wohlsten, wenn ich so wenig wie möglich anhaben kann, ohne öffentliches Ärgernis zu erregen – und zu frieren.

Aus diesem Grunde lehne ich die Idee des Mitreisenden, im Winter hierher zurück zu kehren, schlicht ab. No Wintersport with Sauron.

Angekommen am Gipfel erwartet uns der unvermeidliche Souvenier-Shop sowie ein Ausflugslokal. Wir suchen uns eine lediglich halbstündige Route aus und laufen los. Es riecht nach Heu, überall bimmeln Kuh-Glocken, wir sehen riesige Eichhörnchen – es ist traumhaft. Trotz düsterem Wetterbericht und der Ankündigung, dass es „auf jeden Fall ab 13 Uhr regnet“ scheint die Sonne. Wir kehren an einer Hütte ein, trinken eine hausgemachte Buttermilch und ein Bier. Die entspannende Wirkung eines Bieres auf mehr als 2500m und vor 12 Uhr wird unterschätzt.

In einem Pferch wuseln vier Ziegenbabies. Ich bin verliebt. Ich kraule eine viertel Stunde weiche Schnauzen und zottelige Bärte – also doch ein bisschen wie im Ski-Urlaub – und bin für die kleine Wanderung vollständig entschädigt. Vielleicht wäre DAS hier ja meine wahre Bestimmung: die Leitung einer kleinen aber feinen Schankwirtschaft mit pelzigen Bewohnern – soweit das WLAN stimmt natürlich.

Wir wandern zurück und vereinbaren eine Massage. Derart herkulanische Anstrengungen müssen schließlich belohnt werden. Ein Blick in die Spa-Karte offenbart das breite Spektrum an möglichen Relax- Angeboten. Von Ayurveda über Faszien- Behandlungen ist alles dabei. Eine Massage erfolgt mit „Murmeltieröl“ und mir wird Angst und Bange bei der Vorstellung, dass es sich bei besagtem Öl anders verhalten könnte als beim „Hundekuchen“ und hier tatsächlich ein Murmeltier zu Schaden kam.

Ich entscheide mich stattdessen für eine „Entspannungsmassage mit Johanniskrautöl“ und buche für den Mitreisenden eine „Faszien- Tiefenmassage“ in der Hoffnung, dass er wieder so herrlich schreit wie weiland, als er in Thailand von einer winzigen Frau mit einem „Qualhölzchen“ am Fuß traktiert wurde und je lauter er schrieh desto schlimmer gequält wurde. Ein Spaß für die GANZE Familie.

Nun gibt es in unserer Beziehung ja den unseligen Fluch, dass Dienst- oder Werkleistungen, die ich beauftrage und vergüte IMMER von erbärmlicher Qualität sind. So auch diese Massagen. Nicht nur, dass wieder nicht ein gutgebauter Mittdreißiger oberkörperfrei massiert sondern eine freundliche aber sehr alte Frau, lärmt während der gesamten Massage eine furchtbare Musik zwischen André Rieus schlimmsten Hits und einem Wolfgang Petry Weihnachts-Medley, was der Entspannung eher abträglich ist. Eine Art Chanson-Tortur quasi.

Von den an sich wohltuenden ätherischen Ölen bekomme ich – aufgrund Tragens einer Maske – nichts mit. Der Griff der Massage-Fee ist eher… lasch, aber hey; hinterher fühle ich mich (an) wie eine Jahrgangssardine. Nicht so entspannt, aber genau so ölig.

Ebenso wenig entspannend verläuft die Massage von Tim Jong Un, nur eben hauptsächlich für die arme Massage- Dame, die wegen unpassender Musik, nicht- vorhandenem Druck und diverser anderer Mängel gescholten wird.

Danach legen wir uns an den Hotel-Pool mit grandiosem Blick auf das Berg-Massiv. Um das schöne Panorama nicht unnötig zu verbauen hat der Hotelbetreiber darauf verzichtet eine Mauer oder dergleichen aufzubauen. Lediglich ein paar hüfthohe Büsche trennen den Wanderweg vom Pool und den dort aufgestellten Liegen. Das ist für alle Beteiligten – Sonnenanbeter und Wanderer – keine Herausforderung, es sei denn sie sind deutscher Abstammung. So stellen sich mehrere Familien an besagte gedachte grüne Grenze und beglotzen völlig schambefreit die dort Liegenden, offenbar in der Annahme die seinen tot, taub oder des deutschen Idioms nicht mächtig. Anders sind die „Guck mal Lilly die Leute die da liegen“ Rufe ebenso wenig zu erklären wie die lautstarken Erörterungen, welcher Snob sich ein Domizil mit Pool leisten würde. Schön, dass man auch in der Fremde stolz auf seine Landsleute sein kann. Ich schaffe es jedenfalls sagenhafte 150 Seiten am Stück in einem Sachbuch zu lesen, bevor wir zum Abendessen gehen.

Nun ist das Abendessen so gestaltet, dass man sich morgens aus einem recht überschaubaren Menü drei Gänge aussuchen muss, die dann abends kredenzt werden. Da es immer auch eine vegetarische Alternative gibt will ich mich nicht beschweren, muss aber zugeben, dass die Ambitionen des Kochs dessen Fähigkeiten bei weitem übersteigen und die Portionsgrössen insgesamt eher überschaubar sind. Verwunderlich, bedenkt man welche sportlichen Aktivitäten der Durchschnittsgast hier täglich vollbringt.

Der Mitreisende, der grundsätzlich über einen Appetit verfügt, der dem von Rainer Calmund VOR der MagenOp in nichts nachsteht, findet die Gänge allerdings obszön winzig. Er fühlt sich offenbar an die vor einiger Zeit durchlebte Mayr-Kur erinnert, in der – im Zuge des Abspeckens und „Entschlackens“ – nicht nur für extrem viel Geld extrem wenig Essbares geboten, sondern auch unaussprechliche Dinge mit den Eingeweiden der Besucher vollführt werden sollten oder ggf. worden sind. Opa wollte nicht über Stalingrad sprechen und der große Mitreisende nicht über die Mayr-Kur, beides muss man akzeptieren, lässt aber auf eine tiefe Traumatisierung schließen.

So kommt es, dass der Mitreisende auf dem Zimmer den eigentlich als Mitbringsel gedachten Tiroler Schinken auspackt, um sich damit für die anstehenden Strapazen des nächsten Tages zu stärken.

Tag 2 – Körperliche Ertüchtigung mit Tschibo oder die Kastelruther Spatzen und andere Plagen

Nach erfrischenden 10 Stunden Schlaf wache ich an Tag 2 auf. Es ist verwunderlich, wieviel besser der eigene Körper funktioniert, wenn man ihn schlafen lässt.

Nach rituellen Waschungen – traumhafter Wasserdruck (danke Hans Grohe), da hat der Italiener dem Spanier etwas voraus – schminke ich mich auf dem Balkon, damit ich mich nicht nur wieder fühle wie ein Mensch, sondern auch so aussehe. Nun erfordert das ja mit zunehmendem Alter auch erweiterter Fähigkeiten mit Pinsel, Schwämmchen und diversen Farbtöpfchen. Es kann nicht mehr lange dauern, bis auch Panzertape und Edding zum Einsatz kommen.

Jedenfalls ist es eine anstrengende Arbeit, von der ich mich üblicherweise gerne durch Berieselung in Form von Podcasts ablenken lasse. Dass ich einen Geschichtspodcast mit vielen OTönen aus dem Dritten Reich ausgewählt habe, scheint angesichts der Blicke, die mir die französischen Mitgäste beim Frühstück zuwerfen keine sonderlich clevere Idee gewesen zu sein.

Unschöne Assoziationen löst auch das riesige, Berghof-artige Panorama Fenster des Frühstücksraumes aus. Gut, dass wir nicht noch einen Schäferhund mit uns führen.

Offensichtlich höre ich nicht nur zu viele Geschichtspodcasts, sondern sollte auch davon Abstand nehmen, bei laufender NTV Beschallung („Hitlers Hunde“, „Hitlers Cousinen“ , „Hitlers vegetarischer Lieblingseintopf“) einzuschlafen.

Am Frühstücksbuffet kann man mit einer Hightech Maschine einen eigenen frischen Saft zubereiten, was den Mitreisenden sofort veranlasst, alles zu entsaften, was sich entsaften lässt und ein scheußliches Gebräu zu kredenzen, das ICH zu mir nehmen soll weil es „total gesund“ ist. Ich werde allerdings ermahnt dies möglichst schnell zu tun und bloß nicht Zuviel zu essen, fahren wir doch heute zu einem Bergbauernhof auf dem man hervorragend die heimische Tiroler Küche testen kann. Unsere zwei Tischnachbarn von gestern essen ihre üblichen drei Körbchen Brot und schmieren sich ein weiteres, vermutlich geht es heute auf den Berg.

Apropos Berg. Alles was Füße hat, hat sich mit Kind, Hund und Großmutter aufgemacht zu wandern. Aus gutem Grund darf man die Alm mit dem Auto nur vor 10 Uhr morgens oder nach 17 Uhr befahren. In der Zeit dazwischen gehört die Natur den mehr oder weniger professionellen Sportlern.

Seit es überall von E-Bikes wimmelt, kann eben nicht nur der Streichholz-gleiche Uwe in kompletter Tour de France Montur und mit rasierten Beinen in herausfordernder Topographie radelnd sein Unwesen treiben, sondern eben auch Knut und Gundula aus Würselen, gewandet in allem, was eine bekannte deutsche Kaffeerösterei an sportlicher Outdoor Bekleidung auf den Markt geworfen hat. Anders als Uwe, der seit 30 Jahren Rennrad fährt und weiß, welche Gefahren auf engen Passstraßen drohen, und wie unkomfortabel sich ein Rennrad abbremsen lässt, wenn man Schuss auf einen LKW zufährt, verhalten sich besagte Frühpensionäre eher wie ein Teenie auf seinem ersten Mofa, nur dass das E-Bike deutlich schneller unterwegs ist. Die Straße gehört Ihnen -glauben sie-.

Wir fahren also vor 10 Uhr gen Tal. Da der gemeine Wandersmann nicht nur Frischluftfanatiker, sondern auch ein widerlicher Frühaufsteher ist, sind die winzigen gewundenen Straßen schon rammelvoll. Eltern ziehen genervte Kinder, Bollerwägen und Hunde hinter sich her, die alle so aussehen als wünschten sie, sie wären an irgendeiner Raststätte ausgesetzt worden. Entgegen der Annahme von Frau Klöckner sind viele Caniden nämlich gar nicht dafür gemacht stundenlang an der Leine hinter irgendwem herzutrotten. Drei Chihuahuas haben das Gehen gänzlich eingestellt und lassen sich stattdessen in einem Geschirr, in dem sonst Neugeborene an die Mutter gebunden werden herumtragen.

Entgegen der Gewohnheit von Tim Alesi, fahren wir extrem umsichtig, langsam und ohne regelmäßiges Aufheulen lassen des Motors. Selbst ICH kann nichts beanstandungswürdiges am Fahrstil des Mitreisenden finden. Allerdings sitzen wir in einem Porsche und fahren „offen“. Allein das ist in den Augen deutscher Touristen eine derartige Provokation, dass man uns mehrfach den Vogel zeigen und mit dem Nordic Walking Stick drohen muss. Übrigens ganz im Gegenteil zu den italienischen Wanderern, die sich hin und wieder zu einem lauten „Aaaaah Bella Macchina“ und „Daumen hoch“ hinreißen lassen. Von „Leben und leben lassen“ unserer südlichen Nachbarn, könnte sich der Teutone das ein oder andere Scheibchen abschneiden.

Als ein besonders rüstiger Verkehrs-Kasper dazu ansetzt mit seinem Nordic Walking Stick auf die Motorhaube zu klopfen, entfährt mir ein „Platz da du Mumie!!!“ und endlich haben wir freie Fahrt ins Tal.

Die Strass schmiegt sich an den Berg und windet sich hoch und runter durch schönste Landschaft, vorbei an Apfelplantagen, Weinbergen, Burgruinen und zahllosen Bauernhöfen. Wenn man sich die Umgebung so ansieht kann es einem glatt Angst werden, dass hinter irgendeiner Biegung der „Anton aus Tirol“ oder – wenn auch geographisch an sich anderswo beheimatet- der „VOLKS ROCKN ROLLER!!!“ hervorspringen. Wir fragen uns, ob die „Kastrelruter Spatzen“ tatsächlich aus DIESEM Kastelruth stammen, was tatsächlich der Fall ist. Gottlob scheinen diese Piepmätze aber derzeit ausgeflogen zu sein.

Nach einer längeren Fahrt kommen wir auf dem Pretzhof, einem kulinarisch interessanten Bergbauernhof an. Wir nehmen ein erstes geruhsames Bier mit Blick in das Tal zu uns. Diese unfassbare Ruhe, danach könnte ich eine Sucht entwickeln.

Ich stecke meinen Kopf in den Stall, sehe Kühe, Ziegen und meine besonderen Freunde die Schweine, die sich hier im wahrsten Sinne sauwohl zu fühlen scheinen. Vier von ihnen haben sich im Heu zusammengekuschelt und schlafen. Zwei andere wühlen im Stroh, auf der Suche nach Essbarem. Die übrigen machen sich lautstark über Frischfutter her. Natürlich werden auch diese lieben Mitgeschöpfe irgendwann geschlachtet und als Wurst oder Schinken in der Hofräucherei enden. Bis dahin aber scheinen sie ein deutlich besseres Leben zu führen, als so mancher Schicksalsgenosse in einer Fleischfabrik. Und wenn Frau Klöckner tatsächlich einmal etwas sinnvolles und gutes tun wollte, würde sie sich um den Schutz der Schweine kümmern.

Freunde von uns treffen ein und wir lassen uns im super-gemütlichen Gastraum nieder. Alles ist authentisch und fühlt sich irgendwie „gut“ an. Es mag am Wein, der behaglichen Atmosphäre oder dem gesunden Nachtschlaf liegen, aber ich bin unverschämt entspannt. So entspannt, dass ich entgegen sonstiger Gewohnheit den Radau am Nachbartisch gar nicht registriere bzw mich nicht darüber aufrege. Dort proben mehrere Kleinkinder den Aufstand und versuchen herauszufinden, wie lange es dauert mit einem Brotmesser einen Restaurant-Tisch zu zersägen. Es fliegen Buntstifte, es fliegt Essen und es wird jede Menge gekreischt. Dreisprachig wie mir scheint. Die anwesenden Mütter und Väter sind offenbar bereits taub und komplett schmerzbefreit, ebenso wie (zu meiner riesigen Überraschung) ich! Das muss diese Altersmilde sein.

Anders geht es den drei anderen Erwachsenen an meinem Tisch, allen voran dem Mitreisenden, der sich lautstark aufregt bzw. die Eltern fragt, ob die lieben Kleinen nicht Evtl draußen weiterkreischen können. Ebenfalls mit den Nerven am Ende ist der Gastwirt, der sich zu uns an den Tisch setzt und sein Leid klagt. O Ton: „Deswegen bin ich nicht Gastwirt geworden, dass hier drei Kinder das ganze Restaurant terrorisieren.“

Gekrönt wird das Ganze Zinnober davon, dass eine der Mütter sich – und nein, das ist jetzt keine künstlerische Übertreibung – das Kleid von den Schultern zieht und mitten im Gastraum anfängt ihr Kleinkind zu stillen.* Auch das nehme ich zwar verwundert zur Kenntnis, es regt mich aber nicht annähernd so auf, wie es das in der Vergangenheit tat. Der Mitreisende – der ansonsten für Brüste eigentlich IMMER zu begeistern ist – verlässt entnervt das Restaurant und kauft stattdessen Wein und Wurst und Molkereiprodukte (Höhöhö) im Hofladen ein.

*nein, nicht alles, was „natürlich“ ist muss ich in der Öffentlichkeit tun. Auch als Mutter kann ich Rücksicht nehmen. Nein, niemand soll seinen Säugling hungern lassen, aber ein Tuch drüber legen sollte möglich sein. Das haben unsere Mütter „früher“ super gut hinbekommen, das war aber auch in Zeiten, in denen noch nicht jeder ständig und zwanghaft im Mittelpunkt und irgendwelche „Rechte“ einfordern musste.

Italien – eine unerwartete Reise

Tag 1 oder „kann man eigentlich einen Kohlehydrate-Schock bekommen?“

Diese unerwartete Reise beginnt eigentlich schon eine Woche vor ihrem Antritt. An einem grauen, allerdings furchtbar schwülen Freitag Nachmittag, haben an meiner Wirkungsstätte alle Mitarbeiter die heiligen Hallen – wie an jedem Freitag – bereits um 13 Uhr verlassen. Ich hingehe brüte über potentiellem Ungemach, das mein digitales Postfach und damit meinen Verantwortungsbereich um exakt 12:55 Uhr erreicht hat. Ein beliebter Vorgang der Kollegen, das eigene Gewissen durch Weiterleiten des Problems noch vor dem Wochenende zu entlasten.

Über die Apple Watch kommen gleichzeitig mehrere Push Nachrichten hereingeflattert, worauf ich jeweils durch ein Vibrierenp des Zeitmessers hingewiesen werde. Seitdem selbst vormals seriöse Zeitungen wie der Spiegel und die FAZ im Wettlauf um zahlende Leser / Bildergucker Ereignisse wie „Calmund isst Teller nicht auf“ oder „Gina Lisas Brüste geplatzt“ oder „Lagerfeldkatze in Tierklinik eingeliefert“ als “EILMELDUNG“ verschickt werden, lassen mich diese News in der Regel kalt. Mit halbem Auge lese ich aber „Corona“ und „Spanien“ und werde hellhörig.

Die Balearen wurden zum Risikogebiet deklariert. Eine Woche, bevor der aufgrund seiner völligen Entschleunigung und geplanten Ereignislosigkeit lang ersehnte Ibiza Urlaub endlich vor der Türe steht. Um ehrlich zu sein, habe ich die letzten Wochen nur deswegen halbwegs ohne psychische Zusammenbrüche überstanden, weil ich täglich mantramässig die Zahl der Tage vor mich hin gemurmelt habe, bis ich den Flieger besteige. Auf dieser verrückten Insel ist es wie bei vielen Plätzen dieser Welt, die man nur abgöttisch lieben oder abgrundtief hassen kann: jeder der mich kennt würde auf „Hass“ tippen, tatsächlich ist es aber große Liebe. Evtl, weil man auf Ibiza selbst ausschließlich mit einem String aus Serrano Schinken bekleidet in das beste Haus am Platze gehen kann, ohne dumm angeguckt zu werden.

Nach kurzem Schock entscheide ich mich, ausnahmsweise mal konstruktiv mit der Katastrophe umzugehen. (Dieser unselige Job scheint langsam auf das Privatleben abzufärben, Pfui!)

Zuhause angekommen, frage ich bei dem ebenfalls traumatisierten und böse vor sich hin brütenden Mitreisenden die Erwartungshaltung an diesen Urlaub ab, um nach der Feststellung, ob sich die Erwartungen aller Teilnehmer decken, ein passendes Ziel auszuwählen. „ICH WILL NACH IBIZA!!!!!“ ist alles, was ich aus dem Gefährten rausbekomme. Ich habe Angst, dass gleich Wagner aufgelegt wird, so düster ist die Stimmung.

Der langen Rede kurzer Sinn: Nach mehreren Tagen Recherche und AirBNB Wahnsinn und Studium der aktuellen Corona-Entwicklungen entscheiden „wir“ uns für Italien. Im Sinne von „Schütt verreist und Geißler muss mitkommen“. Dies nachdem ich an gedroht hatte alleine in den Robinson Club in Camyuva zu fahren, Eingeweihte wissen, was DAS bedeutet.

Der Gefährte hegt eine völlig grundlose, dafür aber sehr ausgeprägte Abneigung gegen Italien und alles was damit zu tun hat, von Wein und Mangiare mal abgesehen. Da er keine Argumente vorbringen kann, die verfangen ist er GEFANGEN und muss eben mit. Erst nach Südtirol, dann in die Toskana, haben wir doch festgestellt, dass die gemeinsamen Ziele für die nächsten zwei Wochen die folgenden sind:

⁃ Entspannung inklusive viel Schlaf und Ruhe

⁃ Gutes Essen und Trinken

⁃ Viel Sonne

Ironischer Weise klappt es mit keinem dieser Ziele an Tag 1.

Mein Plan war, an dem Freitag vor der Abreise mal NICHT bis Abends im Büro zu bleiben, nach dem dritten Nervenzusammenbruch nach Hause zu hetzen, wieder umzudrehen, weil ich nicht sicher bin ob Mail XY auch tatsächlich raus gegangen ist, wieder loszuhetzen, auf den letzten Drücker zu packen und die Bude zu putzen, nicht zu schlafen und wie ein Zombi die Reise anzutreten UND auf der Anreise die Stress- und Schlafmangel geschuldeten Horror-Vorstellungen zu haben, dass lebenswichtiges Gepäck zu Hause liegen blieb, der Herd noch an ist, oder der Pass abgelaufen.

Selbstverständlich läuft es aber wieder genau so. Wir steigen um vier Uhr ins gepackte Auto und fahren gen Süden. Der eine mehr (Er) der andere weniger (ich) entspannt. Wir fahren mit dem Porsche Cabrio, ein Garant dafür, dass ich den ganzen Urlaub nicht fahren muss / darf. Ein Lichtblick. Der Gefährte neben mir erinnert mich an einen freundlichen Papageien, dem man Sprechperlen unter das Kraftfutter gemischt hat. Bis Stuttgart plaudert es neben mir freudig über dies und das und lässt sich zwischendurch mit Salamisticks, Schokolade und Energy-Drinks füttern.

Ich beschimpfe ab Ulm das edle Gefährt aus Zuffenhausen, ist es doch nicht nur – wie mein Vater mal so schön sagte – ein „Schlaglochsuchgerät“ sondern hat auch Sitze verbaut, gegen die der eiserne Thron weich gepolstert scheint. Möglicherweise sind bei dem Standard Porschefahrer und Beifahrer die unteren Extremitäten serienmäßig abgestorben, mein Hintern hingegen erfreut sich noch bester Vitalität. Bis jetzt.

Es regnet wie verrückt, sobald wir die Grenze nach Österreich überquert haben. Das macht der Schluchtenscheisser IMMER wenn ich ihn besuche, da hat der Wahnsinn doch Methode. Auch ist es niederträchtig, uns nach einem den Stau umfahrenden Umweg von 20 Kilometern von der Polizei wieder zurück schicken zu lassen, damit wir uns genau in diesen umfahrenen Stau von hinten – Erziehung muss sein- wieder einreihen. Es regnet weiter. Der Mann hat Hunger. Die Notfall Salamis sind weg, es wird gefährlich. Wir fahren über den Brenner Pass. Schlagartig wird es 10 grad wärmer und die Sonne kommt raus, allerdings ist auch der Hunger größer geworden. Die Landschaft wird immer beeindruckender. Es sieht aus, als porschten wir durch das Auenland. Überall ist es grün.

Wir kommen nach einer abenteuerlichen Serpentinen Fahrt auf der Seiser Alm an. Strahlender Sonnenschein lädt zu einem ersten Gin Tonic auf der Terrasse ein. Ich stelle zu meinem Entzücken fest, dass es nicht nur Kühe und Ziegen, sondern auch streichelbare Lamas gibt. Ich liege draußen auf einem Lounge Sessel und als ich gerade – leicht sediert- in einen traumlosen Schlummer fallen möchte brüllt es neben mir „OH GOTT!!!!!! Haaaaaaaaaagel“!!!!. Tatsächlich hat es sich unerfreulich zugezogen und es bläst nicht nur ein kalter Wind, sondern es hat zu hageln begonnen. Leider steht der Porsche „draußen“ da das Hotel keine Garage hat. Ich überlege heldenhaft ins Haus zu laufen, Handtücher oder Bettdecken zu herbeizuholen und das sensible Gefährt Christo-mäßig einzuhüllen. Auf der anderen Seite möchte ich ungern direkt am ersten Tag aufgrund erwiesenem Irrsinn des Hotels verwiesen werden. Der Reisefreund braucht einen Schnaps und geht fassungslos auf der Terrasse auf und ab, sammelt besonders große Hagelkörner auf und malt sich in den buntesten Farben aus, wie „der Zierfisch“ wie wir das hochpreisige Vehikel getauft haben, wohl nach diesem kleinen Eisschauer aussehen wird. Wir verabreden, dass wir uns den Schaden erst morgen früh ansehen.

Bis dahin gehen wir zum Abendessen. Ich bin inzwischen mehr als 48 Stunden wach und merke, wie mir mehr und mehr die Gesichtszüge entgleisen. Ich versuche mit der Gabel meine Suppe zu essen und muss dringend ins Bett. Vom Reisefreund werde ich deswegen verspottet. Als er behauptet, ich sähe in diesem Zustand aus wie Georgina Fleur, wenn sie eine Flasche Champagner geext hat, bin ich nicht in der Lage etwas schlagfertiges zu erwidern, geschweige denn körperliche Gewalt anzuwenden. Es steht also nachweislich schlimm um mich.

Neben uns am Tisch sitzt ein italienisches Paar. Sie sieht aus, wie eine junge Isabella Rossellini, er sieht aus wie ein junger Reinhold Messner und schleppt immer wieder Körbe voll Weißbrot vom Buffet an. Fasziniert beobachten wir, wie diese beiden recht durchschnittlich gebauten Leute drei (!!!) Körbe Weißbrot, und 4 Packungen Grissini sowie ein 3 Gänge Menü verzehren. Ich frage mich, ob man eigentlich auch einen Kohlehydrate Schock bekommen kann und tapere halb bewusstlos ins Bett, ohne am Nachtisch-Buffet (Apfelstrudel!!!!!) anzuhalten. Es folgen 11 Stunden herrlichen, traumlosen Schlummers und die Erkenntnis, dass man eben nicht „Schlafen kann, wenn man tot ist“ sondern im Zweigel „eher tot ist“ wenn man beharrlich auf Schlaf verzichtet.

Tag 11 – „Wolle Ziege kaufen“?

Durch Corona sind nicht nur zwei Reisen entfallen, sondern auch der Rest der Kenia-Reise blieb ungeschriebene. Das will ich jetzt nachholen. Deswegen hier:

Tag 11 – „Wolle Ziege kaufen“!?

Den Rest des Tages verbringen die einen lesend (ich) – ein Traum!!! vor der Kulisse des Kilimandscharo, andere vor ebensolcher Kulisse daddelnd am Handy. Der Gefährte hat gleich zwei neue Handyspiele aufgetan, die abwechselnd und teilweise laut fluchend gespielt werden müssen. Insgeheim frage ich mich, welche Beträge wohl zwischenzeitlich von der Kreditkarte abgebucht werden, um sich damit Extra-Leben, imaginäre Werkzeuge oder ähnliches zu kaufen. Ich wäre nicht halb so misstrauisch, wäre ich nicht bereits in der Vergangenheit Zeuge geworden, wie fanatisch ein erwachsener Anwalt noch so irre Computerspiele betreiben kann, nachts aufsteht, um virtuelle Kürbisse zu ernten, mit digitalen Freunden des Nachts Überraschungskreuzzüge durchzuführen oder ein ebenfalls virtuelles Aquarium zu reinigen, damit die teure Schildkröte (so eine Art super- zickiges Tamagotschi) nicht „stirbt“.

So oder so, ist es ein schöner Nachmittag. Immer wieder starre ich den Berg an. Ein wirklich beeindruckender Koloss. Nur Tiere zeigen sich – noch- nicht. Am Abend bereiten wir in der offenen Outdoor – Küche ein 1A Gulasch zu, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Ab Eintritt der Dämmerung scheint die Küche so eine Art After-Work- Hotspot für geflügelte und nicht geflügelte Insekten zu sein. Überall kreucht und fleucht es. Obwohl wir alle Lebensmittel sofort abdecken scheinen Flipp und seine Freunde Brechstangen dabei zu haben um sich ins Gulasch zu stürzen. Das sind Situationen, in denen man sich aufregen kann, oder es lassen. Wenn ich unbehelligt kochen wollen würde wie zu Hause, dann hätte ich eben dort bleiben müssen.

Wie in Urlauben dieser Art üblich, gehen wir vor 22 Uhr ins Bett, wollen wir doch am nächsten Tag mit Dixon den Viehmarkt besuchen, auf dem die Massai Handel treiben.

Nun haben wir auf diversen Reisen auf eigene Faust schon einiges gesehen und ich meinte immer, mich könne – von Indien oder unbereisbaren Ländern wie Nordkorea oder Afghanistan abgesehen nach Asien nicht mehr viel schocken. Weit gefehlt kann man sagen. Afrika ist in so vielem – positiv wie negativ – eine ganz ganz andere Liga.

Im Safari Auto fahren wir um halb sieben Uhr – auch der Massai ist ein entsetzlicher Frühaufsteher – vorbei an Feldern, riesigen Rinderherden, und gefühlt tausenden kleinen knallroten, pinken, blauen oder gelben Punkten. Was aussieht wie ein Meer aus Blumen sind Schüler auf dem Weg in die Schule. Einige so winzig, dass sie aussehen, als könnten sie gerade erst laufen. Alle winken und natürlich winkt man euphorisch zurück.

Als wir um eine Ecke biegen, überfahren wir beinahe ein Kalb. Der sonst mit Nerven wie Drahtseilen ausgestattete Sururu wird extrem blass und dankt Allah, dass er das Vehikel noch rechtzeitig zum stehen gebracht hat. Selbst ich als militanter Tierfreund finde diese Reaktion ein wenig überzogen, bis mir erklärt wird, wie die Massai Schadensersatz berechnen. Das kann schnell so teuer werden, dass selbst ein äußerst wohlhabender Kenianer wie unser Fahrer am Rande der Existenz steht. Oder eben kurz vor der Himmelspforte, wenn er nicht schnell genug bezahlt.

Angekommen auf dem Markt ist Dixon schon in seinem Element. Er trägt sein knallrotes Gewand, Hunter Gummistiefel und eine Canada Goose Jacke. Das sieht bemerkenswert sexy aus und wenn irgendein Mitarbeiter der Vogue das sähe, wäre das im Herbst in Paris der letzte Schrei. Die Idee mit den Gummistiefeln ist zudem absolut sinnvoll, steht man doch buchstäblich knöcheltief in der Scheisse. Zwar setzt sich der Massai mit dieser Schuhwahl selbst in Widerspruch zu seiner gestrigen Aussage: Autoreifensandalen seien für JEDE Lebenslage das passende Schuhwerk, aber sei es drum. Ich jedenfalls merke mir gedanklich vor, die Trekking Boots vor betreten des Hauses (zu Hause) ein heißes Schaumbad in Sagrotan nehmen zu lassen.

Es herrscht ein unfassbares Gedränge. Überall Menschen (bis auf eine Dame am Eingang ausschließlich Männer) in roten Gewändern, einzelne in strahlendem blau (das sind wie uns erklärt wird jeweils die Stammeshäuptlinge oder „Chiefs“)

Motorräder fahren in affenartigem Tempo durch die Menschenmasse und – ich denke erst ich sehe nicht richtig – Ziegen fahren auf dem Sozius mit, die kleinen, pelzigen Forderpfoten auf die Schultern des Fahrers gelegt, der Bart flattert im Wind. Es ist laut. Es riecht unglaublich und ständig möchte uns jemand die Hand geben oder uns umarmen. Zwar ist die Corona-Pandemie in Kenia zu diesem Zeitpunkt noch nicht angekommen, ich als alter Phobiker bin aber dennoch nicht wirklich amused. Auf der anderen Seite möchte man auch niemanden beleidigen, was relativ eindeutige passiert, wenn man sich – wie ein anderer Mensch in unserer Gruppe (nicht der Mitreisende) augenblicklich nach jeder Berührung mit einem Sagrotan-Tuch die Epidermis runterreibt.

Wir gehen weiter. Dixon erklärt munter dies und das, stellt uns Leuten vor, handelt, lacht. Wir stehen plötzlich auf einem Feld mit unglaublich vielen Rindern. Bullen, Kühen, Kälbern. Als Stadtkind habe ich noch nie solche Tiere so nah gesehen. Die Besitzer versuchen die Tiere mit Stöcken in Schach zu halten, was mal besser und mal weniger gut funktioniert. Immer wieder büxt eine Kuh aus und rennt durch die Menge. Ich weiß ja: es ist nur eine Kuh, aber das ist für den ungeübten Betrachter doch alles ein wenig beängstigend. Das weiß Dixon natürlich genau und er amüsiert sich köstlich, indem er in der Menge untertaucht, sich von hinten anschleicht und laut muhend wieder ins Bild springt. Er ist bester Laune, hat nämlich heute zwei Kühe verkauft, offenbar zu gutem Preis. Die Frage, ob er für einen solchen Verkauf Steuern zahlen müsse, löst größere Erheiterung aus, das stehe zwar im Gesetz, das gelte aber nicht für ihn. Ich nehme mir vor zu prüfen, ob ein Verwandtschaftsverhältnis zu Uli Hoeneß besteht. Brüder im Geiste scheinen sie jedenfalls zu sein.

Wir werden einem Mann im kreischend bunten Cord-Anzug vorgestellt. Der „Bürgermeister“. Also der Massai Bürgermeister. Zwar gebe es auch einen „staatlichen“ Vorsteher dieses Gebietes, der interessiere die Massai aber nicht. Man gehe auch nicht zur Wahl, das sei Massai Land und was irgendeine Regierung tue sei relativ unbeachtlich.

Mir kommt währenddessen in den Sinn, weshalb ich mich so merkwürdig fühle: Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich – von den drei Mitreisenden abgesehen- die einzige weiße Person unter hunderten, wenn nicht tausenden mit schwarzer Haut bin.

Als wir uns beharrlich weigern eine Ziege zu kaufen, laufen wir weiter zum Lebensmittelmarkt. Es ist unfassbar, welch tolles Gemüse und Obst hier angeboten wird. Die Gerüche von Gewürzen und undefinierbaren anderen Dingen hauen einen fast um. Allerdings spürt man sehr deutlich, dass wir hier als Musungu nicht willkommen sind. Richtig böse werden wir beäugt, teilweise weiter geschickt. Vermutlich ist das hier schlicht kein Ort für Touristen. Ohne Dixon, hätte ich persönlich recht schnell den Rückweg angetreten. Der bleibt aber weiterhin bester Laune und feilscht fröhlich um den Preis eines Kapitalen Sackes Auberginen. Wir gehen weiter in einen Bereich des Marktes, in dem Kleidung verkauft wird. Zwischen allerlei Unrat türmen sich Berge von Altkleidern auf, die auf ausgebreiteten Planen von Frauen und Kindern gefaltet und gestapelt wird. An diversen T-shirt’s von deutschen Regionalliga-Vereinen, Kegel-Clubs etc erkennt man, das viele Stücke aus Deutschland kommen. Sie sind teilweise so abgetragen, dass man sich schwer vorstellen kann, dass sie jemand auftragen soll. Geschäfte für neue Kleidung – traditionelle Kleidung ausgenommen- scheint es nach kurzer Internet-Recherche ausschließlich in Nairobi zu geben, 400km weit weg. Auf einem Haufen Müll spielen zwei Kinder mit einer Ziege. Ich fühle mich merkwürdig. Für mich ist das alles so extrem, so deprimierend, aber darf ich das so überhaupt empfinden?

Ich habe unfassbaren Durst, die mitgebrachte Wasserflasche ist leer. Es gibt zwei Bretterbuden, in denen Getränke verkauft werden. Ich nehme eine Flasche Cola (da kann ja an sich nix passieren) aus einem prähistorisch anmutenden Kühlschrank, die SO mit Schmutz bedeckt ist und irgendwie „verdächtig“ aussieht, dass ich sie zwar bezahle, aber davon Abstand nehme daraus zu trinken. Das hier ist nicht Thailand oder Botswana oder Namibia. Das ist Ost-Afrika. Und wenn man erlebt, wie es hier aussieht, im reichsten und sichersten Land Ost- Afrikas, dann möchte man sich nicht vorstellen, wie es in Somalia, im Tschad oder anderswo zugeht. Der Dreck, der Lärm, die brennenden Haufen Müll überall, dazwischen die Menschen die fröhlich ihrem Alltag nachgehen, das macht mich nachdenklich.

Wütend hingegen macht mich, dass es Leute gibt, die meinen, hiervon ungefragt Fotos machen zu müssen. Nicht einfach nur vom Markt an sich, sondern von den Menschen in Nahaufnahme. Je krasser, desto besser. Und auch wenn ich verstehe, dass man all das irgendwie festhalten möchte: wir sind hier nicht im Zoo.

Wir schlendern an einem Stand vorbei, an dem man die topp-chicen Autoreifen-Sandalen erwerben kann, die unser Führer üblicherweise trägt. Ehe ich schlimmeres verhüten kann, hat der Verkäufer den Mitreisenden in ein Verkaufsgespräch verwickelt. Auf die Gefahr hin mich anzuhören wie Marie Kondo stelle ich die provokante Frage in den Raum, was wir mit derlei Staubfängern sollen. Ich lobe gleichzeitig einen hochdotierten Preis für den unwahrscheinlichen Fall aus, dass mein Rückenkranker Musungu diese Gummi-Galoschen jemals nördlich des Äquators in Gegenwart von Menschen mit Augen trägt. Der Einwand, auf Ibiza könne man das in jedem Fall tragen, verfängt nicht. Auf Ibiza kannst du auch in einem Tanga aus Serrano in eine Nobelboutique marschieren, ohne dass das irgendjemand befremdlich fände.

Der Verkäufer scherzt, dass er für so große Füße einen LKW-Reifen verwenden müsse und der Preis natürlich steige, je größer die Mauke ist, für die der Schuh angefertigt wird. Er macht sich also ans Werk und 10 Minuten später haben Schuhe und Geld jeweils den Besitzer gewechselt. Ich hingegen beobachte unterdessen, wie im „Dallas Car Wash“ abwechselnd Kühe und Autos gewaschen werden. Apropos Kuh: wie viele Kühe muss man verkaufen, um sich eine dritte Ehefrau leisten zu können? DAS klären wir in der nächsten „Folge“.

Rückblende Ibiza

Eigentlich wäre ich jetzt auf Ibiza. Da das ja nun nicht geht und bevor die letzten zwei Tage Kenia endlich fertig werden ein kleiner Ibiza Rückblick

Tag 1: Oder: Wie heißt die Mutter von Nicki Laudaaaaa

Im Flugzeug nach Ibiza.

ICH würde ja misstrauisch werden, wenn ein Typ mit Ganzkörper- Trainingsanzug und „Alta“ im aktiven Wortschatz dir Tipps zu Steuersparmodellen auf einem Billigflug von Lauda Motion erläutert…

Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass der gute Mann nicht nur außer Stande ist auch nur für 10 Sekunden den Schnabel zu halten, sondern offenbar auch noch Steuerberater ist.

Lautstark behauptet er von sich er würde ständig „Hexen“. Neben mir zückt der einzige echte „Hexer“ (eingetragenes Warenzeichen!!!) sein Diktiergerät und ranzt eine Abmahnung in die Stenorette. Was zu weit geht, geht zu weit.

Beeindruckt ist der Hexer allein davon, das „Steuerberater Sven“ wie ich unseren neuen Freund insgeheim getauft habe, den ganzen neuen heißen Scheiss am Mann hat, der bei Facebook rund um die Uhr beworben wird.

Anti Schwitz Cappy, undurchschneidbarer Rucksack und zahlreiche andere Gadgets.

Zwischenzeitlich geht es darum, wie Sir Schwafelot mal wieder der Steuerfahndung ein Schnippchen geschlagen hat. Das Einzige, das ICH ja an der Steuerfahndung unsympathisch finde ist, dass die immer so früh am Morgen ausschwärmen, um arglosen Steuerbetrügern noch vor dem ersten Kaffee die Bude von links nach rechts zu drehen und praktischerweise direkt mit einem Ü-Wagen von RTL anrücken, damit auch garantiert Bilder davon gestrahlt werden, wie der potentielle Delinquent in kartiertem Schlafanzug und Hausschlappen sowie zerwühltem Haupthaar die Pforte öffnet.

Ich erwäge noch ein Bier zu bestellen, befürchte aber, dass ich dann zwar das lautsprechende Ein-Mann-Lexikon besser ertrage, dann aber erzieherische Maßnahmen an dem Kind im Sitz hinter mir ausüben werde, das offenbar für die Aufnahmeprüfung bei „Lord of the Dance“ auf der Rückseite meiner Rückenlehne trainiert.

Seit wir das Flugzeug bestiegen haben, habe ich einen scheußlichen Flashback zur Firmenkarnevals Feier, steht auf dem Flieger doch groß „LAUDA“. Eingeweihte Mallorca Enthusiasten und Karnevals Kenner grübeln sofort nach dem Lesen wieder, wie die verdammte Mutter jetzt gleich wieder hieß.

Wir holen den Mietwagen ab.

Ein verhaltensauffälliger Holländer (ja, das ist eine Tautologie) eskaliert am Schalter, weil er nicht genau das Auto bekommt, das er im Internet bestellt hat. Er benimmt sich wie der Suppenkasper nur mit noch weniger Würde. Den Spanier lässt das kalt. Offenbar hat er einen Kurs bei der Supernanny absolviert. Er unterrichtet den verrückten Wüterich, dass er überhaupt erst irgendein Auto bekommt, wenn er sich benimmt und nicht eine Sekunde vorher.

Der Rest des Tages, sollte aus dieser Schilderung ausgespart werden, ist er doch ebenso würdelos und irgendwie … nun ja… mysteriös. So waren alle 138 Drinks dieses Abends völlig in Ordnung. Nichts war an Bier, Chipito, Limoncello, Rotwein, Weißwein und Cava auszusetzen, bis dann das letzte Glas irgendwie verdorben gewesen sein muss. Es folgen unschöne Szenen, die dazu führen, dass auch ich nun sagen kann „I took a pill on Ibiza“ nur eben GANZ anders als man das üblicherweise versteht.

Kenia Tag 10

Ich schulde euch noch Reiseberichte aus Kenia. Weiter geht es also.

Tag 10: Gollum kehrt zurück

Tag 10 beginnt für meinen Geschmack deutlich zu früh, haben wir doch mit Dixon unserem Massai „Wachmann“ einen Bush Walk ausgemacht. Leider haben die wilden Tiere die unangenehme Angewohnheit, allesamt penetrante Frühaufsteher zu sein und sich nach erster Aktivität zwischen fünf und neun nochmal eine Runde im Schatten aufs Ohr zu legen bzw. im Falle unserer berüsselten Dickhäuterfreunde, sich zum Dösen an einen Baum zu lehnen. Anders als ich müssen sich Benjamin, Simba und Co aber auch gar nicht groß nach dem Aufstehen fertig machen, sondern streifen völlig natürlich durch den Bush.

Das wilde Tier an meiner Seite hat schon abends und voller vorfreude alle verfügbaren Wecker auf 5:00 Uhr gestellt und enervierend oft nachgefragt, ob denn eine Stunde reiche, damit ich um PUNKT SECHS!!! abmarschbereit am Treffpunkt bin. Nach mehrfacher Betätigung der Schlummer-Taste erwäge ich wieder einmal, an dieser morgendlichen Veranstaltung einfach nicht Teil zu nehmen. Nachdem mir aber fröhlich 20 Minuten abwechselnde Themen ins Ohr gesprochen wurde, stehe ich auf. Das ist schlicht nicht auszuhalten. Katzenwäsche und aufwendige Restaurationsarbeiten folgen.

Die ewig gleiche Frage, ob ich nicht „einfach EINMAL ungeschminkt“ antreten kann, kann ich mittlerweile mit entschiedenem Nein beantworten, noch bevor sie gestellt wird. Überhaupt dachte ich ja immer, dass mit zunehmendem Alter und Verbesserung der Situation an der Front der „Hautunreinheiten“ spätestens ab 35 deutlich weniger Zeit und Spachtelmasse pro Morgen von Nöten sei. Weit gefehlt. Dass man ab 34 unreine Haut aus der Hölle UND Falten gleichzeitig hat, erzählt einem keiner.

Eine handfeste Auseinandersetzung und eine halbe Tasse Kaffee später, tapsen wir los. Übrigens ist meine Laune in der Regel gleich viel besser, stellt man mir -wortlos- eine Tasse Kaffee MIT MILCH ins Bad. Auch arbeite ich dann deutlich schneller. Das hat meine beste Freundin Petra Maringer, mit der ich viel zu wenige Nächte und Morgende verbringe intuitiv erspürt. Beim Gefährten bedarf es offenbar noch weiterer, langwieriger Erziehungsmaßnahmen, bis die Botschaft ankommt.

Wir verlassen das Camp über die Landebahn die zum Camp gehört. Die ist selbstverständlich nicht geteert, sondern besteht aus roter Erde. Dixon zeigt uns innerhalb von fünf Minuten Spuren von einem Elefanten, einer Antilope und einer Hyäne und erklärt, wie man erkennt, ob die Spuren frisch sind bzw. wie lange es her ist, dass Benjamin oder Ed (für die Disney affinen unter uns) hier lang gelatscht sind und (übrigens) Kapitale Haufen hinterlassen haben. Fun fact: Elefanten AA ist der beste Zunder den man finden kann.

Nun bin ich aus vorhergehenden Afrika und Asienurlauben gewohnt, dass findige Führer aufgeregt Spuren präsentieren, zu denen sich das passende Tier bedauerlicherweise nicht einfindet. Ich gehe auch diesmal davon aus, dass der arme Dixon noch vor Tagesanbruch dienstbeflissen mit einer Art Stempelset zur Landebahn marschiert ist und die Spuren dort in den Boden gerammt hat. Schließlich muss der weiße Mann bei Laune gehalten werden. Vermutlich kommt genau aus diesem Grund mein Vorschlag, künftig einfach einen Klappstuhl aufzustellen und mit einem Bierchen an Ort und Stelle den Viechern aufzulauern, nicht gut an.

Überhaupt merken wir schnell, dass ich dem Krieger deutlich zu vorlaut bin. Dixon erklärt uns zahlreiche Pflanzen und wie man sie zur Behandlung welcher Krankheit zubereitet und einnimmt. So gibt es ein Kraut, dass – einmalig eingenommen – zu unfassbarer, lebenslanger Potenz beim Mann führt. Die brauche er auch, kann er doch nach Massai-Tradition bis zu drei Frauen ehelichen. (Dazu später mehr) Meine Empörung darüber, dass eine Frau hingehen nur einen Mann heiraten darf, stößt auf Unverständnis.

Wir streifen durch das hohe – für diese Jahreszeit völlig untypische – Gras. Widerwillig habe ich eine lange Outdoor-Hose angezogen. Neben der modischen Fragwürdigkeit fliege ich doch nicht zum Äquator um eine lange Hose zu tragen. Überhaupt ist die Verpflichtung im Urlaub eine Hose zu tragen fast schon eine Zumutung. Gleichwohl obsiegt die Angst vor blutsaugenden Insekten. Jede Panikattacke wegen eines weiteren Moskitostiches und der daraus resultierenden Malariagefahr, ist nicht gut für meine Herzgesundheit, auch wenn Dixon zusagt, im Fall der Fälle des Malariaverdachts einen hilfreichen Tee zu brauen, der seiner Auffassung nach übrigens auch gegen Corona helfen würde.

Liest man dann später, dass eines der aktuell in der Testung für einen off Label use befindlichen Mittel gegen Corona ein altes Malariamittel ist, bleibt einem das überhebliche westliche Lachen gegenüber Buschmedizin gepflegt im Hals stecken.

Apropos Hose: Dixon trägt traditionelles Gewand, also Tuch, das um den Körper gewickelt ist und Autoreifen-Sandalen (auch hierzu morgen mehr). Als er auf einen Stein klettert, um nach Tieren Ausschau zu halten, entblößt er eine wildgemusterte Badeshorts. Gut zu wissen, dass wenigstens die wertvollsten Stellen hinreichend geschützt sind. Diese Hose trägt er nach eigener Auskunft NUR im Bush.

Weil Dixon auf dem von ihm erklommenem Felsen in der Ferne Giraffen erspäht hat, werden wir alle „eingeladen“ ebenfalls ein wenig zu klettern. Der Schisser in mir fragt sich, ob es eine gute Idee ist, in unwegsamem Gelände, das man wegen wildem Bewuchs nicht mal sehen kann rumzukraxeln. Im Fall der Fälle, ist das nächste Krankenhaus / unverdächtiger Arzt immerhin 400 km entfernt.

Auch kann die bewährte Dreipunkt-Faultier- Klettermethode nicht angewandt werden, da man schließlich – wie damals in Costa -Rica nicht einfach in die Botanik grapschen kann. Es kann scheußlich enden, wenn man seinen Daumen versehentlich in das Wohnzimmer einer Tarantel steckt. Außerdem trage ich eine Riesen Wasserflasche, eine Kamera UND bin müde. Die Einladung ist jedenfalls eher verbindlicher Natur, sodass man sich das Grübeln sparen kann. Oben angekommen, schaue ich einem grinsenden Massai ins Gesicht, der mich darauf hinweist, dass er schon deutlich behändere Greise gesehen hat. Leider lässt sich die Maxime „Lieber plump als tot“ nicht ohne weiteres auf Englisch übersetzten, ist „better safe than sorry“ doch nicht annähernd so charmant.

Wir werden aufgeklärt, dass wir auf der Wohnstätte einer Rotte Hyänen stehen. Die Playboy Mansion der Tierwelt sozusagen. Ich werde ermahnt, mein Handy wegzustecken, könne man selbiges nie wieder holen, wenn es von oben in die Höhle auf eine schlafende Hyäne fällt. Sagen wir so: So laut wie wir seit Minuten palavern, würde es mich wundern, wenn da unten noch irgendwer schläft. Vermutlich gibt es die vielbesungenen Hyänen aber einfach nicht, zeigen sich die Bewohner der Anarchie-WG doch nicht. „Verwunderlich“ denkt man mit einem Augenzwinkern.

Ich versuche den Geröllhaufen möglichst würdevoll herunter zu klettern. „Komm Gollum“ spricht der Gefährte, reicht mir eine Hand und führt mich zurück zum Camp.

Tag 9: The masked Singer will zu Ikea

Angekommen in der Lodge haben wir zunächst alle Lebensmittel in den Kühlschrank oder abschließbare Schränke verstaut. Letzteres, damit nicht der Mungo kommt und sich auf dem Gaskocher eine Packung Miraculi zubereitet. Ich und alle Anwesenden werden vom Chef de Cuisine nochmals eindringlich darauf hingewiesen, dass ALLE Lebensmittel abgezählt und bereits für komplizierte Menüs verplant sind. Wer an den Kühlschrank geht wird fortan sehr streng beobachtet, ob er oder sie sich nicht – wie zu Hause gute Tradition – einen Remmel Käse abschneidet um ihn ohne Brot sofort zu essen. Es wäre auch durchaus eine schöne Abwechslung, das tun zu können, ohne dass der Hund wie aus dem Nichts neben einem auftaucht und wildes Kampfbetteln zu betreiben.

Unser militantes Deutschsein gipfelt in diesem Urlaub darin, dass wir Roggenmehl, Sauerteig und Hefe mitgeführt haben. Nach dem die super netten Jungs von der Lodge den riesigen Outdoor-Pizzaofen befeuert haben kann es losgehen und wir backen statt „kleine Brötchen“ ein ordentliches Brot. Das gestaltet sich in der Aussenküche durchaus herausfordernd, stehen doch fantastilliarden kriechender und fliegender Insekten bereit, die dringend mal Teig probieren, oder gleich in suizidaler Absicht in die Schüssel hüpfen möchten. Gottfried ist der Chef hier und – so stellt sich später heraus- der Weltbeste Pizzabäcker. Sorry liebe Italiener, ich weiß ihr habt gerade eine schwere Zeit, aber et is so. Er jedenfalls knetet einen Teig SO unfassbar gut, dass selbst der Thermomix vor Scham seinen eigenen Stecker ziehen würde.

Und meiner Mutter – ihres Zeichens die Kaiserin des Hefeteiges – würde den lieben Gottfried sofort adoptieren. Ob er will oder nicht.

Es ist schwer zu beschreiben, wie schön es hier ist. Ich stehe am Gaskocher, um einen Kaffee zuzubereiten, in der zu allen Seiten offenen, aber überdachten Aussenküche. Auf der einen Seite kann ich in die Savanne gucken. So weit, wie ich noch nie geschaut habe, selbst im Grand Canyon nicht. Drehe ich mich um, thront über zahlreichen „Umbrella“ Trees und dem Wasserloch der schneebedeckte Kilimandscharo.

Ich weiß nicht, was los ist mit diesem Berg, er ist SO schön, dass ich ihn unablässig anschauen muss. In etwa so, wie der junge Gerard Butler. Anders als dieser, wirkt der Berg auf mich aber super beruhigend. Zudem geht ein leichter Wind. Ich rieche den Ofen, ich rieche Elefantenköttel und das ist – anders als erwartet – ein sehr sehr angenehmer Geruch.

Überall kreucht und fleucht es. Kröten, Frösche, Gekkos, Stabheuschrecken, Grashüpfer, Schmetterlinge, Käfer, Ameisen. Alle in den dollsten Farben und alle so groß, dass man sich verwundert die Augen reibt.

Es geht ein leichter, angenehmer Wind. Das hohe Gras wogt. Aktuell sollte Trockenzeit sein. Es sei normalerweise so trocken, dass man keinen grünen Halm findet. Steppe. Der aktuelle Zustand führt nicht nur dazu, dass man keine Tiere in der dichten Vegetation sieht sondern auch dazu, dass die Kenianer hoch beunruhigt sind. Zwar beschert der viele Regen eine reiche Ernte, bringt aber auch zahlreiche ökologische und wirtschaftliche Schwierigkeiten mit sich. Von Insektenplagen, über Rückgänge im Tourismus etc. Die „Great Migration“ in der Massai Mara, die Hauptattraktion im Land für Touristen, könnte in diesem Jahr ausfallen, weil so viel Futter vorhanden ist, dass die Tiere schlicht keinen Anlass haben irgendwohin zu migrieren.

„Das Wetter ist kaputt“, der Überzeugung sind nicht nur die Kenianer, sondern auch die Schotten, die Franzosen, die Amerikaner und die Österreicher mit denen ich jüngst sprach. Klar: Wetter ist nicht Klima, gleichwohl macht einen das alles sehr nachdenklich.

Ich schließe die Augen. Das hier ist die „lauteste Stille“, die ich je hörte. Ausschließlich Geräusche der Natur. Grillen, Bienen, Vögel. Mein Gott was für Vögel. Neben meinen beiden Lieblingsvögeln „Beckham Bird“ („unfassbar hübsch, aber wenn er den Mund aufmacht möchte man ihn erschiessen“) und „Rostige Türe“ (klingt genau so wie er heißt) treten mindestens zwei Lieblingsvögel hinzu. Da ist zum einen der Laserkanonen-Vogel. Er hört sich an, als feuere in einem Sci-fi Streifen irgendwer unablässig eine futuristische Waffe ab. Zudem der „Yellow Masked weaver“. Das Kerlchen sieht aus wie ein Kanarienvogel, der eine Bank überfallen will, hat nämlich auf ansonsten sonnengelbem Gefieder nur eine sturmhaubenartige, schwarze Zeichnung. Er ist zudem irre fleißig, baut nämlich rund um die Uhr an seinem runden Nest, dass er in einen besonders schönen Baum hängt. Er flicht mit dem Schnabel sehr filigran Grashalme ein und wenn er fertig ist sieht es aus, als habe jemand einen extra großen Meisenknödel in den Baum gehangen, der begehbar bzw befliegbar ist. Diese Arbeit verrichtet er allerdings mit einem unfassbaren Radau. Da stets zwei Piepmätze in der Nähe der Baustelle anzutreffen sind, gehe ich davon aus, dass jeweils Frau Maskenpieper zugegen ist, die Anweisung brüllt wie das Haus zu bauen ist oder noch schnell zu Ikea will. Leider kann sich Herr Maskenpieper nicht in den Hobbykeller zurück ziehen, sondern kann nur beten, dass er mit dem Rohbau schnell fertig ist. Das Geschrei geht jedenfalls bereits um halb vier Uhr morgens und drei Meter neben meinem Ohr los, da just neben unserem Zelt ein Filet-Grundstück der Region zu liegen scheint. Ich zähle insgesamt 4 Nester.

Neben den beschriebenen gibt es etliche andere Vögel, deren herausragende Eigenschaft ist, dass sich ihre Laute so anhören, als würde irgendein Mensch sehr schlecht Vogelstimmen imitieren. Das gipfelt leider in einem größeren Anschiss gegenüber dem Mitreisenden das scheiss Gepiepe einzustellen, der indes eigentlich ganz still war.

Besonders perfide ist ein bislang optisch noch nicht bestimmter Vogel, dessen Ruf tatsächlich „COVID COVID“ lautet.

Ich lege mich in die gemütliche Couch vor unserem Zelt. Kraft schöpfen vor unserem Bushwalk mit Dixon dem Massai.

Tag 8: Highway to hell.

Um 7:00 Uhr ist Abfahrt vom Strand in Richtung Nairobi. Das Beladen des Autos gestaltet sich durchaus langwierig, haben wir doch genug Lebensmittel für die Hochzeit zu Kanaan eingekauft. Eigentlich war die Abfahrt für 6:00 Uhr geplant, aber ein letztes opulentes Frühstück verzögert den Aufbruch.

Das rächt sich direkt an der Fähre, die wir nach Mombasa (Insel) nutzen müssen, um dann durch die Stadt und auf die Straße nach Nairobi zu kommen. Die Fahrzeugschlange ist verdächtig lang und natürlich lässt man den Motor auch im Stand laufen. Von giftigen Dämpfen benebelt, verfolgen wir unschöne Szenen. Einige verzweifelte Italiener, die den Tränen nahe sind, weil sie schnell zum Flieger müssen, der letzte Flieger, der von Kenia auf nach Italien fliegt. Corona eben. Unser Fahrer hingegen hat die Kunst der Bestechung perfektioniert und kurze Zeit später sind wir tatsächlich auf der Fähre. Dort ist Fotografieren und Filmen streng verboten. Aus Gründen der Sicherheit. Vermutlich aus Gründen der Sicherheit für den Fährbetreiber und damit – wenn mal ein Unglück passiert – niemand später aussagekräftiges Beweismaterial zum Zustand der Fähren und der Anzahl der beförderten Gäste machen kann. Der Fahrer, der vermutlich die German Angst in unseren Augen sieht beruhigt uns, die Fähre komme aus Hamburg und sei „Good Quality“.

Überhaupt stellt sich der Deutsche, der ja auf der ganzen Welt dafür gefürchtet ist, alles besser zu wissen die Frage, weshalb man nicht über dieses winzige Stück Wasser schon lange eine Brücke gebaut hat. Morgendliche und abendliche Staus würden sich in Luft auflösen. Wie dem findigen Engländer, würde dem Betreiber auch finanziell kein Schaden drohen, könnte man die Passage doch gleichfalls von einer Maut abhängig machen. Allerdings würde das ausgeklügelte Bestechungssystem SO vermutlich nicht mehr funktionieren.

Auf der anderen Seite angekommen merken wir, dass im Straßenverkehr Faustrecht gilt. Wer zuerst bremst ist ein Feigling. Wir fahren wiederum vorbei an unfassbaren Zuständen. Endlich sehe ich allerdings, wo die vielen aus Deutschland exportierten Autos ein neues zu Hause finden. Genau hier. Hauptgeschäft in Mombasa ist die Aufbereitung und der Verkauf von „Gebrauchtwagen“ vom Alter von Jopi Heesters für den hiesigen Markt. Überall wird geschraubt, poliert und angepriesen.

Als wir fast aus der Stadt raus sind, nimmt unser Fahrer einem Fußgänger auf einem Zerbrastreifen (hier eher eine lustige Dekoration des tristen Grau der Straße) recht spektakulär die Vorfahrt. Gerade als ich denke „SO geht es aber nicht!!!!!“ hält die bereitstehende, bis an die Zähne bewaffnete Polizeistreife uns an. Der Wachtmeister schimpft mit dem Fahrer und fordert den Führerschein. Die Tatsache, dass unser Fahrer ein wenig verlegen vor sich hin lamentiert (Hakuna Matata) geht damit einher, dass sich der Fachanwalt für Strafrecht UND weltbeste Verkehrshexer neben mir spontan in den Dienst versetzt. Ich schaue auf die blankpolierte Maschinenpistole des Wachtmeisters und bin relativ sicher, dass juristische Spitzfindigkeiten die Situation hier nicht entschärfen. Der Fahrer muss mit zum „Streifenwagen“. Nach längerer Zeit kommt er zurück und sucht sein Portmonee. Ob für Bußgeld, Schmiergeld oder Bakschisch: wer weiß das schon so genau. Nach Zahlung von preiswerten 500 Kenia-Schilling kann die Fahrt weiter gehen.

Die Strecke Mombasa Nairobi ist eine geteerte, zweispurige Straße, die sich schnurgerade durch die Landschaft zieht. Vermutlich damit niemand droht einzuschlafen, sind hie und da gemeingefährliche „Hubbel“ zur Verkehrsberuhigung eingebaut, die ohne nahezu vollständiges Abbremsen des Safari Autos äußerst unangenehm sind. Genau an diesen zum Bremsen zwingenden Hindernissen platzieren sich diverse Straßenverkäufer. Obst, Snacks, Autoreifen, alles kann erworben werden. Bei Ansicht unseres rollenden Warenhauses drehen die Verkäufer indes genervt um. Mit ins ist kein Geschäft zu machen.

Da die Straße nur zweispurig ist, 80% der Fahrzeuge hingegen LKW, müssen ständig heikle Überholmanöver durchgeführt werden. Und wenn ich sage heikel, dann MEINE ich heikel. Selbst auf Costa Ricanischen Bergstraßen habe ich nicht derartige Todesängste ausgestanden. Zwar vertraue ich dem Fahrer, dass er weiß, was er tut, beim Überholvorgang aufgrund eines überraschend entgegenkommenden 40 Tonner auf die Schotterpiste ausweichen zu müssen bei Tempo 100, ist dennoch alles andere als der Erholung förderlich.

So ist auch an Schlafen nicht zu denken. Außerdem soll die Fahrt – entgegen der Aussage von Google Maps – nicht 4, sondern mindestens 8 Stunden dauern. Da kommen einem die Hakunas aus den Matatas raus.

Zudem muss dringend die Flüssigkeitszufuhr geplant werden, sind Toiletten doch eher rar gesät und ein Austreten am Straßenrand eher nicht empfehlenswert. Nach ca. der Hälfte der Zeit halten wir – wie könnte es auch anders sein- an einem „Restaurant“ mit angeschlossenem Souverniershop von der Größe eines Toys R‘us.

Für sage und schreibe 15 Dollar erwerben wir 3 Softdrinks. Sodann weigere ich mich standhaft eine Giraffe oder ähnliches zu horrendem Preis kaufen. Ich nutze allerdings die Toilette. Langjährige Leser erinnern sich, dass ich einst die ekeligste Toilette der Welt in Thailand prämiert habe. Sagen wir so: Nach diesem Besuch der Bedürfnisanstalt ist damals beschriebene Toilette nur noch die ekeligste Toilette Südostasiens.

Eine komplette Packung Sagrotantücher später (es gab kein Waschbecken / Wasser) fahren wir weiter. Die neben uns im Auto befindlichen Mitreisenden werden quengelig. Zu heiss, zu staubig, zu holprig. Der Zwischenstopp in einem weiteren „Supermarkt“ hebt die Stimmung nicht.

Sodann shoppen wir Gemüse. Quasi im Drive In Style. 20 Leute umringen das Auto und halten ihre Waren durch die geöffneten Fenster in selbiges und schreien einen Preis. Wir verlassen den Marktplatz mit einem riesigen Sack Auberginen, Möhren, Gurken, Paprika und einer Melone in der Größe des Mondes. Nach einer weiteren Stunde über Staubpiste erreichen wir eine Shell Tankstelle. Brandneu steht sie wie eine Fatamorgana mitten in der Wüste. Mit klimatisiertem Shop und – mein Herz macht einen Hüpfer- einem ganzen Regal Red Bull.

Derart in Körper und Geist belebt fahren wir weiter und erreichen die schönste Lodge, die man sich vorstellen kann.