Fake News und Meinungen oder: warum Märchen wieder in sind

Wir leben in einer zunehmend komplexen Welt. Einer Welt, in der man trotz regelmäßiger Lektüre einer Zeitung, Inhaberschaft von Abitur, Hochschulstudium und dem Seepferdchen 90% der tagesaktuellen Themen nicht fachlich beurteilen kann. Was weiß ich, ob das Referendum zum Brexit nach britischem Recht verfassungskonform ist oder ob unser Klima tatsächlich durch menschliche Einflüsse im Wandel befindlich ist.

Ich verstehe trotz 1,3er Abitur und Zweier Examen weder vollumfänglich meinen Steuerbescheid, noch die Bedienungsanleitung der Mikrowelle. Wenn ich Glück habe, weiß ich nach Lektüre letzterer immerhin, dass mein Hamster nach 10 Sekunden Trocknungsvorgang in dem Gerät nicht trocken, sondern Konfetti wird.

Komplex war die Welt zwar schon immer, man hat es bloß nicht so gemerkt.
Der Durchschnittsmensch hatte schlicht nicht Zugriff auf beinahe alle Informationen zu einem Thema und die damit einhergehende Forderung, dieses Wissen nun auch gewinnbringend einzusetzen. Er hatte eine (!) Zeitung. Aus Papier. Die las er und nutzte sie nicht wie beispielsweise in meinem Haushalt ausschließlich als Unterlage fürs Kackbrett im Hühnerstall.

Ggf gab es noch die Tagesschau. Damals noch nicht als linksgrünversiffte Lügenpresse, sondern als EIN Medium zur Information empfunden. Keine Berieselung, sondern Mitdenken war angesagt. Da war man als Kind still, wenn der Oppa Nachrichten sah und sich hinterher mit den Erwachsenen über das Gehörte austauschte.

Ganz Glückliche waren zudem im Besitz eines „Großen Brockhaus“. Was DA drin stand war Gesetz. Niemand kam auf die Idee, dass die Verfasser – womöglich aus böser Absicht oder getrieben von einer finsteren Macht (Lobbyverbände, „die da oben“, die Russen, Lord Voldemort) absichtlich falsche Informationen dort aufnahm. Wenn man eine Frage hatte, schlug man das Buch auf, man bekam eine Antwort und das zauberhafte Gefühl, eine Lösung gefunden, ach was sage ich ERARBEITET zu haben, ohne die lästige Pflicht, selbige in komplizierter Exegese und nach wissenschaftlichen Standards auf Quelle, Glaubhaftigkeit und Aktualität prüfen zu müssen. Wie auch? Gut, man hätte in die Bibliothek gehen oder einen Wissenschaftler anschreiben können. Aber wozu? Das teure Buch hatte doch gesprochen. Außerdem konnte der Lehrer, der das Referat bewerten musste realistisch auch lediglich auf jahrzehntealtes Wissen aus dem Studium zur Regierungszeit Kaiser Wilhelms des II. oder auf eine vermutlich nur wenig frischere Auflage des Lexikons zurückgreifen.

Googelt man heute „Darf ein Hund Zwiebeln essen“ findet man – neben Rezepten für französische Zwiebelsuppe mit „kaltem Hund“, Forenbeiträge zur erfolgversprechende Zucht von Gartengemüse und ca. drölfzig ebenso wenig zielführende Beiträge zum Thema: „Flatulenz durch Barfen beim Zwergspitz“ das Foto eines als Hotdog verkleideten Dackels MIT Zwiebeln und ist genau so schlau wie vorher.

Der schöne Satz: „Man muss nicht alles Wissen, man muss nur wissen wo es steht“ wurde durch das Internet außer Kraft gesetzt. Durch den jederzeitigen Zugriff auf unbegreiflich viele – teils unglaublich schwachsinnige – Informationen besteht der missliche Trugschluss, man selbst sei schlau. Ist man aber nicht.

Nur weil man im Supermarkt umgeben von Lebensmitteln ist, ist man auch nicht automatisch ein guter Koch. Man kann die dollsten Produkte in einen Topf schmeißen und raus kommt: ungenießbarer Blödsinn. Man muss WISSEN wie man welche Zutaten zusammen fügt, um etwas gaumenfreundliches daraus herzustellen. Ähnlich ist es bei dem Konsum von Informationen. Man muss sie einordnen, bewerten, hinterfragen und verknüpfen können. Dabei muss man auf gespeichertes Wissen zurückgreifen können. Kann man das nicht, kommt ein ungenießbarer Brei dabei heraus, der auch durch die ursprüngliche Qualität der Zutaten nicht genießbarer wird.

Nun war ich schon immer ein großer Freund des Dunning Krüger Effektes, bringt er doch meine geronnene Alltagserfahrung ganz bezaubernd UND wissenschaftlich auf den Punkt, die da lautet: Wer dumm ist, kann nicht erkennen, dass er dumm ist und glaubt vielmehr, er sei besonders schlau. Nicht zuletzt deswegen hat er keinerlei Bedenken dabei andere – wirklich schlaue Menschen- als dumm zu beurteilen, wenn die von ihnen vertretene These (für ihn zu) komplex ist und hält fort oder Weiterbildung für unnötig. Ganz stark vereinfacht: Das Drama, vor lauter Doofheit nickt erkennen zu können, dass ein anderer schlauer ist und Recht hat, was sich auch recht schön in dem Bukowski Zitat:

„Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.“

zusammenfassen lässt. Zwar leben wir in einer zunehmend auf das Individuum und dessen Ego fixierten Gesellschaft, trotzdem bleibt es eine gute Idee, sich grundsätzlich, wenn auch mit kritischem Geist, auf echte „Experten“ zu verlassen. Es kann und muss nicht jeder alles können.

Auch wenn ich mich nach vier Staffeln Schwarzwaldklinik und dem Konsum Dreier YouTube Videos hoch motiviert und befähigt fühle, den nächstbesten vereiterten Appendix zu entfernen, lasse ich das sein. Weil ich weiß dass ich es nicht, bzw andere es besser können.

Ebenso ist es eine befremdliche – indes nach meiner Erfahrung- oft und gerne betriebene Sportart, Volljuristen wie mir nach einem summa summarum lediglich achtjährigen Studium, das deutsche Recht oder seine Fallstricke erklären zu wollen. Womöglich noch begründet mit dem „Gesunden Menschenverstand“, einem hässlichen Enkel des von Oppa Adolf so heissgeliebten „gesunden Volksempfindens“.

Das heißt mitnichten, dass man sich nicht auch als Laie schlaue Gedanken zu fachlichen Themen machen oder interessante Ideen einbringen könnte, wenn es aber anfängt hohl zu klingen, könnte man sich auf dem Holzweg befinden. Ein wenig Demut täte daher beizeiten Not.

„Dummheit“ ist jedoch leider nicht der einzige Grund für die aktuell exzessive Verbreitung von „FakeNews“ oder euphemistischer „alternativer Fakten“ sowie das nachhaltige Aussperren jeglicher Erkenntnis, die mit der Brechstange versucht das Küchenfenster einzuschlagen.

Grund Nummer 2 daher: Bequemlichkeit. Unangenehme Wahrheiten lassen sich so herrlich verdrängen, wenn man sich aus dem reichen Angebot einfach DIE Wahrheit aussucht, die einem selbst am besten in den Kram passt. Bin ich leidenschaftlicher Fleischesser, werde ich eine Wahrheit finden, dass Vegetarismus gesundheitsschädlich ist und von mir besonders gerne verzehrte Tiere über keinerlei Schmerzempfinden verfügen, der Mensch hingegen über ein Raubtiergebiss, ein klarer Beleg carnivorer Ansprüche.

Bin ich Eigentümer mehrerer hochmotorisierter Kraftfahrzeuge, finde ich irgendeinen verrückten Professor, der nach langjährigem Studium an der Baumschule Buxtehude festgestellt hat, dass ein menschengemachter Klimawandel nicht existiert. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ aber nicht in der Andrea-Nahles-Sozen-Edition, sondern als urbanes Märchen für den viel besungenen „alten weißen Mann“, der sich nicht mal zu schade dafür ist, ein 16 jähriges, schwedisches Mädchen wochenlang unflätigst zu beleidigen.

Hauptsache, das eigene Verhalten nicht überdenken müssen und die unangenehme Kognitive Dissonanz vermeiden, dass man zwar gerne zweimal im Jahr nach Australien fliegen, aber trotzdem in 20 Jahren nicht in einer teutonischen Wüste wohne möchte.

Grund Nummer 3: Angst. Angst vor einer Welt, die man nicht mehr begreift. Davor abgehängt zu sein und auf Hilfe anderer angewiesen. Je größer die Angst, desto lauter und aggressiver
das virtuelle Gebrüll und der Drang nach einer einfachen Erklärung für jedes noch so komplexe Problem und umso größer die Gefahr, aus dem Stand über ein zwei Meter hoch platziertes Stöckchen zu springen, das ein schlauer Mann mit Dackelkravatte einem hinhält. Das beruhigende Gefühl zu einer besonderen, auserwählten Gruppe von Menschen zu gehören, die wirklich (!) weiß, was vor sich geht und es den Eliten irgendwann zeigen wird.

Was nun aber tun, damit man nicht so wird, wie Onkel Alfons, der auf jeder Familienfeier populistische Volksreden hält, bis er – zur Erleichterung aller- in ein sanftes Bier-Koma fällt? Anbei ein paar Ratschläge zum demütigen Umgang mit Informationen, die selbstverständlich nicht auf meinem Mist gewachsen sind, sondern auf dem deutlich schlauerer Personen:

„Es ist meine Überzeugung, dass die Wahrheit der Lüge vorzuziehen ist“ (Prof. Dumbledore)

Auch wenn es unangenehm oder hart auszuhalten ist: Vom Ergebnis her denken ist kontraproduktiv und zahlt sich im Endeffekt nicht aus. Manchmal muss man der Wahrheit ins Auge sehen, man muss es nur wollen.

„Es muss auch Blöde geben auf der Welt, es gibt halt nur jeden Tag mehr!“ (Meister Eder)
bzw:
„Größe ist nicht alles, die kleinere Truppe wir sind, dafür größer im Geist“ (Meister Yoda)

Auch wenn es manchmal so erscheint: Wer lauter ist, hat weder automatisch Recht, noch ist die Gruppe der “Schreier” tatsächlich größer als die derer, die auf der anderen Seite der Dunning Krüger Skala stehen und vielleicht nur deswegen den Schnabel halten, weil „sie wissen, dass sie nicht wissen“. Und so muss es zwar „Blöde“ geben, man kann sich aber jeden Tag frei entscheiden, ob man selbst einer sein will.

„Vertan, sprach der Hahn – und stieg von der Ente.“ (Bernd Stromberg)
bzw.
„Ich habe gedacht, das wird in Kölner Studios gedreht, dabei sind wir hier im echten Jungle!“ (Joey Heindle)

Eine Meinung kann man ändern. Beliebig oft! ZB wenn man etwas Neues dazu gelernt hat. Fehler kann man einräumen. Ganz ohne, dass einem ein Zacken aus der imaginären Krone bricht. Ebenso kann man ohne Auferlegung eines Bußgeldes zugeben, dass man sich geirrt hat und es jetzt besser weiß. Man kann auch, bevor man seinen Senf dazu gibt eine Quelle prüfen, sich die Argumente der anderen Seite anhören und sich dann, informiert und ohne Schnappatmung eine Meinung „bilden“. Das ist ein mühsamer Prozess, nicht wie ein Schnupfen, den man automatisch bekommt, weil der Nachbar einen anhustet. Der Prozess darf auch länger dauern und man darf durchaus zugeben, dass man zu Thema a oder b schlicht noch keine Meinung gebildet hat.

„Das ist wieder typisch! Wenn diesen linken Dogmenkackern was nicht in den Kram passt, werden sie ordinär!“ (Alfred Tetzlaff)

Der Ton macht die Musik. Höflich bleiben! Auch beim „dagegen halten“. Durch Anschreien hat bislang noch niemand seine Meinung geändert.

„Niemand zwingt Sie nach Ende der Vorlesung sofort den Campus fluchtartig zu verlassen, Sie dürfen auch in die Bibliothek gehen und die Nase noch in ein Buch stecken“ (Strafrechtsprof im zweiten Semester)

Lesen bildet. Oder jemanden Fragen, der Ahnung hat. Oder Nachdenken. ODER mit anderen sprechen. Das KANN sogar Spaß machen. Also los!

Tag 3 – Foxy Phantasies oder das Bernsteinzimmer am Nordpol

Disclaimer: Ich weiss nicht, was man im Robinson Club ins Trinkwasser gemischt bekommt, es führt jedenfalls bei mir dazu, dass das ich unsäglich faul oder sagen wir besser „entspannt“ werde. Alles was der teure Achtsamkeitstrainer vergeblich versucht hat geht hier – ab dem vierten Tag- von alleine: Ruhig atmen, Puls runter, schlafen wie ein Stein, sorgenfrei in den Tag hinein leben, keine E-Mails checken, die vielen Stimmen im Kopf die ständig rufen man genüge nicht auf „mute“ drehen. Deswegen muss ich die weiteren Berichte nun nachliefern, obwohl ich mich schon auf dem Rückflug befinde.

Es wird zugig am Strand und wir müssen dringend auf das „roof top“ für einen Sundowner. Wie überhaupt alles hier im Club gezeitengleich abläuft (alle 3 Mahlzeiten, Aufenthalt auf dem „Schachbrett“, Wassergymnastik, Stuhlgang) MUSS man um spätestens 18 Uhr Lemming-gleich hoch aufs Dach, ein möglichst buntes Getränk zu sich nehmen und seine bestrassten Luxus-Flip-Flops öffentlichkeitswirksam präsentieren.

Alle haben Spaß, nur ich habe eine mittlere Panik-Attacke. Ich habe zwar weder Fieber, noch Husten, noch Geschmacksverlust und bin mehrfach negativ getestet (und doppelt geimpft sowieso) fühle mich aber irgendwie „müde und schlapp“ und male mir in den buntesten Farben aus, wie ich hier auf der Rentner-Insel viel zu früh das zeitliche segne oder- noch schlimmer- meine Freunde anstecke. Auf die Idee, dass totales Schlafdefizit und anstrengende Anreise sowie ein in mehrfacher Hinsicht katastrophales Jahr ebenfalls dazu fühlen KÖNNTEN, dass man sich zwischendurch evtl. irgendwie unpässlich fühlt, komme ich nicht, SO entspannt bin ich NOCH nicht. Da merkt man mal, was so eine Pandemie und das ständige Kreisen um dieses Thema mit einem macht. Es macht einen noch bekloppter als man ohnehin ist und die eigenen Ängste bekommen das Roland-Emmerich-Katastrophenfilm-Upgrade.

Gottlob habe ich einen weiteren der liebsten Menschen der Welt dabei, der solche Befindlichkeiten antizipiert und durch eine lange Umarmung neutralisiert. Solche Menschen sind Gold wert und müssen auch wie ein Goldschatz gehütet werden. Übrigens scheinen viele andere Mit-Clubber dieses spezielle Thema DEUTLICH lockerer zu sehen schaut man sich die Maskendisziplin so an, aber klar: Corona kann sich ja keine Bordkarte kaufen, bleibt also nach Auffassung Vieler offenbar brav daheim. Wenn man irgendwo was über den Menschen als solches lernt, dann in der Krise und was man lernt, ist wenig beruhigend.

Unsere kleine Urlaubsgemeinschaft ist um zwei weitere Mitglieder angewachsen. Normalerweise reagiere ich ja auf die Aussage: „Wir haben hier SUPER nette Leute kennen gelernt, mit denen MÜSSEN wir was unternehmen“ immer äußerst skeptisch und ablehnend, habe ich doch mit dem großen ansonsten Mitreisenden schon die dollsten Dinge erlebt. Wen hat der Mann nicht schon alles angeschleppt in der Annahme, er habe endlich mal NORMALE oder noch schlimmer „interessante“ (!)! Leute getroffen und dann so getan, als sei ich lediglich mal wieder ein motzender Misanthrop, bis sich dann herausgestellt hat, dass mein Menschenradar nicht umsonst „WEGLAUFEN!!“ angezeigt hat.

Da war von hardcore Swingern über Satanisten über rechtsextreme Schwurbler echt schon die ganze Bandbreite des Wahnsinns dabei. Das Dumme an irren Bekanntschaften ist ja, dass diese sich in der Regel erst stunden- manchmal sogar tagelang wirklich unauffällig benehmen, um Dir dann den Wahnsinn in einer Art Revue-Show-Feuerwerk zu präsentieren, wenn du schon gar nicht mehr sozial-kompatibel fliehen kannst. Ist man dann so gestrickt wie ich (nämlich im Privatleben eher konfliktscheu) dann wird man die Irren nicht mehr so einfach los, manche bleiben für immer im erweiterten Bekanntenkreis.

Bei den zwei hier aufgegriffenen Exemplaren handelt es sich aber um einen wirklichen Glücksgriff. Leute bei denen man sich fragt, weshalb man die nicht schon vor Jahren kennen gelernt hat und selbst bei einem Flugzeugabsturz in den Anden keine Angst hätte, dass man von ihnen der Gruppe geopfert und gegessen wird. Ich stelle einige geschickt platzierte Fangfragen, um den möglicherweise doch vorhandenen Wahnsinn hervor zu locken, aber er kommt nicht. Jackpot. Zudem ist es immer eine gute Grundlage für eine Freundschaft, wenn man dieselben Dinge / Leute verabscheut und das ist hier Gottlob auch der Fall.

Wir verabreden uns also für den Abend zum Essen. Jeder Abend hat – so muss das in einem Club wohl sein- ein Kleidungs-Motto. Da noch „Rock-Woche“ ist, ist das Motto irgendwas mit „black“ und ich habe ausnahmsweise mal kein Problem, mich Outfit-Technisch zu assimilieren, was am Retroabend, am Hawaii-Abend und an einigen anderen Tagen anders ist. Ab Abend 3 weiß ich aber – und das NICHT aus eigener Anschauung -, dass man nur einfach alkoholisiert genug sein muss und es einen dann nicht einmal mehr juckt, wenn man als EINZIGER im Hotelbademantel und in Flip Flops am Buffet erscheint…

Wir entsanden uns, brezeln uns auf und begeben uns erstmals zum Abend-Essen ins „Hauptrestaurant“. Buffet. Das ist ja bekanntlich das Akronym für „Badelatschen und Fresserei für Eberhards Traumkörper“ und ich habe angesichts der haarsträubenden Erlebnisse auf dem Kreuzfahrtschiff und im Ikea Bistro wie schon geschildert ein wenig Angst vor dem Ergebnis, dies aber zu Unrecht. Auch heute Abend findet JEDER irgendetwas das im schmecken kann, es sei denn man MÖCHTE sich zwingend über irgendwas beschweren.

Schwieriger wird es allerdings mit der Tischwahl, will man so viele unterschiedliche Bedürfnisse der Mitesser irgendwie miteinander in Einklang bringen. Die Vertretung des großen Mitreisenden, der in Personalunion Sugar Daddy vom Katernberg, Anstandsdame, Herbergsvater und Stimmungskanone ist, hat es irgendwie kurzfristig geschafft, draußen einen der besonders guten Tische für 6 Personen zu reservieren. Nun beginnt allerdings aufgrund der verschiedenen Befindlichkeiten eine Art Reise nach Jerusalem bzw. Tischchen Wechsel Dich. Dem einen ist es zu windig, dem anderen zu kalt (obschon bereits wie für einen Wettlauf zum Nordpol gewandet) dem dritten ist es zu hell, dem vierten zu laut, der fünfte möchte nicht Indoor sitzen. ICH habe einfach nur Hunger und mir ist egal, wo ich sitze, solange es ENDLICH was zu beißen gibt. Wir ziehen an einen windstilleren Platz um: der Tisch wird verworfen. Wir ziehen an einen dritten Tisch um, der jedoch nur einem Teil der Gruppe gefällt. Ich streike und will sitzen bleiben und weil wir eine COOLE Gruppe sind, teilen wir uns kurzerhand und völlig unproblematisch auf, da ein für alle perfekter Tisch offenbar schwerer zu finden ist als das Bernsteinzimmer.

Das Essen verläuft unauffällig, leider ebenso unauffällig füllt Don Carlos heimlich mein Glas immer wieder mit Rotwein auf. Für den Geschmack trinke ich nebenbei Bier, das wird sich später noch rächen. Wir unterhalten uns gut und haben Spaß. Ich werde – und sowas passiert zu Hause NIE- von zwei verschiedenen und sogar durchaus ansehnlichen Männern angeflirtet. Ich habe zu Hause mit zunehmendem Alter das Gefühl, irgendwie „unsichtbar“ für das andere Geschlecht zu werden, was ja an sich völlig ok, manchmal aber eben auch ein wenig ernüchternd ist. Evtl ist es ein cleverer Move, sich in einem Setting zu präsentieren, in dem man das Küken und nicht die Schildkröte ist.

Wir begeben uns zum „Schachbrett“, wo ein fleißiger DJ auf und ab turnt. Die Disko-Fox-Ultras sind schon da und wirbeln ohne Rücksicht auf Verluste über die Tanzfläche. Wenn die vielen vielen In einer Art Zeitschleife feststeckenden deutschen Tanzschulen wüssten, was sie in der Welt durch ihre Kurse für Verwüstungen anrichten, der Tanztee würde sofort verboten. Da ist es wie bereits erwähnt völlig Wurscht, ob David Guetta, die unselige Helene Fischer oder Metallica performen oder performt werden: Alles wird stromlinienförmig durchgefoxt. Selbst auf Wiener Walzer kann man Disko-Fox tanzen, wenn man sich nur ein BISSCHEN Mühe gibt und den Rhythmus einfach Rhythmus sein lässt!!!

Während ich mich noch über die vielen Hardcore-Sportler wundere, die nach Spinning, HIIT Training, Cardio-Fit und Halbmarathon am Strand immer noch im Sportdress und mit isotonischem Getränk bewaffnet, völlig geschlechtslos im Spandex-Ensemble vor der Bühne stehen, passiert das Unaussprechliche: ich werde schon wieder angesprochen. Diesmal ist es „Frank aus Frankfurt, das kann man sich super merken Höhöhö“.

Ich bin so schockiert, dass der Fluchtreflex versagt, werde aber von meiner Gruppe wie im Inneren eines riesigen Sardinenschwarms aus der Gefahrenzone geschleust. Wie sagt Jochen Malmsheimer so richtig: „Ich kenne weit mehr Franks als gut für mich ist.“ Wäre meine bessere Hälfte dabei, würde mir vermutlich wieder vorgeworfen, ich hätte irgendwelche „Signale“ gesendet. Da frag ich mich immer welche Signale das sein sollen. Dass die Vitalfunktionen noch uneingeschränkt vorhanden sind?

Unser neuer Freund wird von mir so besonders geschätzt, weil er sich in diesem Party-Setting genau so verhält, wie es mir immer nachgesagt wird: Streng bzw. düster gucken, am Rand stehen, beobachten, ein Glas festhalten und um GOTTES WILLEN nicht tanzen. Leider kann Don Carlos das so gar nicht gut sehen und lässt es einen Gin Tonic nach dem anderen regnen. Mein strenger Freund und ich …. nun ja, verlieren den Kampf gegen den Alkohol und müssen uns zwischenzeitlich aus Sicherheitsgründen an ein Stehtischchen klammern um nicht umzufallen. Wie sagte der Oppa eines

Freundes immer so treffend „Junge pass auf, die letzte Flasche die umfällt könntest DU sein“.

Und so krönen wir unseren neuen Reisegenossen nur deswegen zum „Klassenvollsten“ (und nicht mich), da er früher als ich zum Zimmer schwankt und ich dies erst tue, als mich niemand mehr beobachten kann, der nicht mindestens so voll ist wie ich. Ich schaffe es dran zu denken VOR dem zu Bett gehen eine halbe Flasche Wasser und eine Schmerztablette zu mir zu nehmen. Manchmal muss man einfach Glück haben.

Tag 2 – Flying Dinner oder: Der Silberfuchs markiert sein Revier

Nach aufwändigem Auspacken der Tasche und kurzer Dusche folgt das erste Highlight: Das Flying Dinner auf dem Dach dieses Etabelissements. Mein Verdacht, deutlich zu wenig eingepackt zu haben bestätigt sich, sehe ich, was die Reisebegleiterin so alles aus ihrem Schrankkoffer zerrt. Dafür habe ich alle Kleidungsstücke nach Gruppen in Kleine extra-Täschchen gepackt „damit im Koffer nicht alles durcheinander fällt“. Dafür hätte ich mich noch vor fünf Jahren abgrundtief selbst gehasst, das fortschreitende Alter löst aber offenbar nicht nur Schäden an Knochen, Sehnen und Bindehaut aus, sondern verschiebt auch den ein oder anderen Schaltkreis im Oberstübchen.

Wir fahren auf die Dachterrasse und werden das erste mal von Gäste-Prominenz begrüßt. Ich kann die gesamte Reisegruppe dadurch beeindrucken, dass ich weiß, wer Friedhelm Funkel ist und welcher Profession er üblicherweise nachgeht. Überhaupt ist „Friedhelm Funkel!“ ein ganz großartiger Imperativ. Wie sich herausstellt, hat man es in diesem Club als Promi aber gar nicht so leicht, allerdings aus völlig anderen Gründen als normalerweise. Zu vergesellschaftenden Meerschweinchen nicht unähnlich, nimmt sich der Cluburlauber maximal fünf Minuten Zeit, um andere Clubber misstrauisch und aus der Entfernung zu beäugen und stürzt sich dann munter ins Getümmel. „Jeder (redet) mit jedem“ ist die Devise, also völlig anders als im August auf dem Schiff, auf dem jedweder Fremdkontakt unmittelbare gesellschaftliche Ächtung zur Folge hat. Anders bei den anwesenden Promis: die werden – womöglich tatsächlich aus Höflichkeit – weder beäugt, noch besprochen, sondern großräumig umgangen. Zumindest Herr Funkel und Begleitung sitzen stoisch und alleine an ihrem Tischchen.

Vor den gustatorischen Gegebenheiten hatte ich ja vor Antritt der Reise ein wenig Angst, ist es doch wenig vertrauenserweckend, dass vom Animateur, über den Tennislehrer bis zur Reinigungsfachkraft JEDER in der Kombüse mal aushelfen muss. Welch schreckliche Folgen derlei agiles Arbeiten haben kann, hat die diesjährige Kreuzfahrt ganz anschaulich belegt.

Top gestylt stiefeln wir jedenfalls in die Panorama-Bar mir dem unaussprechlichen Namen. Unsere kleine Reisegruppe besteht – zu diesem Zeitpunkt – aus einem Mann und drei HÖCHST attraktiven Frauen, die den Altersdurchschnitt besorgniserregend herabsetzen. Das verwirrt den Standard-Reisenden natürlich schon per Se, da wir unseren “Sugar Daddy vom Katernberg” wie wir den Zapfhahn im Korb liebevoll nennen, natürlich wo es nur geht umsorgen und auch nicht immer nur sein angetrautes Weib neben ihm sitzt. Es dauert ungefähr eine Stunde ab unserer Ankunft und die Gerüchteküche brodelt. Ich streue zusätzlich die falsche Fährte, bei dem glücklichen Haremsbesitzer handele es sich um einen zwar blonden aber steinreichen Scheich, der gerne mal inkognito urlaube, aus Pandemie-Gründen aber aktuell leider nur seine drei Lieblingsfrauen mitnehmen konnte. Besagter Scheich ist einer der liebenswertesten Menschen die ich kenne, auch und weil er mit einer Reihe herziger Marotten ausgestattet ist die dazu beitragen, dass es nie langweilig wird. Ein bisschen so, als füttere man einen Jack Russel Terrier allmorgendlich mit Espresso. Eine davon ist, dass er Bestuhlung ohne Armlehne immer und teilweise sehr lautstark ablehnt, was in diesem Urlaub noch zu einigem Aufruhr führen und die Auswahl der Restaurants und potentieller Sitzplätze erheblich einschränkt.

Beim „Flying“ Dinner sitzen wir bedauerlicherweise auf hohen Barhockern, die nicht nur über keine Arm- sondern auch über keine Rückenlehne verfügen. Don Carlos schmerzt nach kurzer Zeit der Rücken. Außerdem hat der Koch, der das Menü kredenzt hat offenbar seine martialisch-kulinarische Phase. Alles was serviert wird, wird roh serviert, gerne auch noch mit rohem Eigelb verziert. Das muss man mögen. Wir trinken sicherheitshalber ordentlich Wein dazu, um die innerliche Desinfektion sicherzustellen. Früher, hätte ich derlei Speisen „IM SÜDEN“ kategorisch nicht zu mir genommen. Seit die Seuche in der Welt ist, scheint es mir als wenn nicht nur ich, sondern auch alle anderen deutlich fatalistischer werden, was normale Krankheiten angeht. Corona-Sicherheitsmaßnahmen JA, auch wenn es manchmal schmerzt. Magen-Darm, Fusspilz oder Herpes, ja Gott, irgendwann müssen wir alle sterben. Untermalt wird das Dinner von der typischen Ibiza Musik, die überall anders als auf Ibiza irgendwie beliebig wirkt. Spielt auf Ibiza dazu in der Regel ein verzweifelter Saxophonist um sein Leben, ist es hier ein beleibter Bass-Spieler, dessen Physiognomie an „Herrn von Bödefeld“ aus der Sesamstrasse erinnert. Der Moderator, der durch den Abend führt, könnte hingegen aus einer Boyband entsprungen sein: komplett Weiße Klamotten, „man bun“ (also ein Dutt für den Herrn) und eine ekelhaft gute Laune. Man bekommt Angst, dass jede Minute Marc Terenzi und Jay Kahn hinter der Bar hervorgesprungen kommen um eine Nummer zu performen. Gottlob befinden wir uns aber NICHT auf einem Kreuzfahrtschiff.

Wir verlassen die Dachterrasse und begeben uns zum „Schachbrett“. Anders als bei normalen Schachbrettern herrschen hier nicht Stille und Langeweile, sondern infernalische Musik und unbeschreibliche Zustände. Es ist „Rock-Woche“, soweit man denn ernsthaft „U2“ unter Rock subsumieren möchte. Ein gutaussehender langhaariger Typ mit Vollbart (Modell Ragnar Lodbrok) singt um sein Leben und das macht er nicht mal schlecht. Das Schachbrett ist in drei Quadranten aufgeteilt. In einem stehen die Silberfüchse, frisch onduliert und am liebsten in kreischbunten Cashmere Pullovern, Todts Loafern und einem Selbstbewusstsein, das Christiano Ronaldo vor Neid erblassen lassen würde. In einem anderen stehen die agilen Sportler in – kein Scheiss- Schöffel Funktionsjacken, Trekking-Sandalen und / oder mit merkwürdiger Kopfbedeckung.

Im dritten stehen – nun ja – WIR. Wir nehmen das ein oder andere alkoholische Sportgetränk zu uns und genießen, dass man hier Ende November noch ohne Jacke Corona-konform draußen stehen kann. Ich bin wieder einmal erstaunt, dass man Disco-Fox offenbar auf ALLES tanzen kann, von ACDCs „Hell’s Bells“ über Reinhard Mey, über Ed Sheeran. Gut, es sieht bescheuert aus, aber es geht. Mit kariertem Kurzarmhemd, Khaki-Weste und Sandalen. Uns das SCHÖNE ist: es ist egal; Alle haben ihren Spaß. Leben und Schwofen lassen.

Je später der Abend, desto mehr laufen die Silberfüchse zu Hochform auf. Sie umkreisen potentielle Beute, versprühen Charme und Pheromone und sind offenbar außerordentlich trinkfest. Auch brauchen sie offenbar schlicht KEINEN Schlaf und absolvieren morgens zu unchristlicher Uhrzeit die ersten Sportkurse. Wir gehen früh ins Bett und ich träume von einer Klon-Armee bestehend aus Hunderten Von Sky DuMonts.

Am nächsten Morgen kann ich mich nicht dazu aufraffen ebenfalls mit dem Rest der Gruppe vor neun Uhr sportlich aktiv zu sein. Ich bleibe im Bett und nehme dann später das „Langschläferfrühstück“ im Beach Restaurant zu mir. Auch hier bin ich wieder beeindruckt, was Menschen so alles im Affenzahn an Nahrung in sich reinschaufeln können. Auf der anderen Seite muss man ja eine gute „Grundlage“ für die hochprozentige Flüssignahrung schaffen, die ab spätestens 11 Uhr konsumiert wird.

Während ich mein Porridge esse sehe ich den König der Silberfüchse. Ein bildschöner Mann mit extrem vollem und gut geföhntem Haar; der allerdings – wie mir erst nach einigem Staunen auffällt – einen Cashmere Pulli auch bei 26 Grad trägt. DAS ist Klasse und Stil. Später liegt er dann ebenfalls in diesem Pullover am Strand auf seiner Liege. Eine Art graue Eminenz in mitten von Schirmchen-Cocktails. Außerdem riecht er sehr gut, wie ich mich später selbst überzeugen kann.

Die nächsten Stunden vergehen herrlich ereignislos. Ich verbringe sie damit, dem Geplauder der Reisegruppe zu zu hören, mit Frau Merkel auf dem Schoß beziehungsweise deren Biografie dumm aufs Meer zu starren und mich über die Wärme auf der Haut zu freuen. „Life is better at the beach“ heißt es auf zahlreichen Wand-Tattoos und Kaffeebechern in Firmen und Behörden, aber verdammt: Es stimmt.

Tag 1 – Willkommen im Club oder „Der Ruf des Silberfuchses“

Tag 1 Willkommen im Club oder Der Ruf des Silberfuchses

Büro ist ja wie “Game of Thrones” nur mit weniger Blut und weniger Sex. Und weil das so ist, stelle ich nicht einmal 2 1/2 Monate nach der Rückkehr vom Dampfer des Grauens fest, dass meine Fitnesswatch womöglich recht hat, wenn sie mich allmorgendlich ermahnt, dass mein Puls zu hoch und der Erholungsfaktor des Nachtschlafes nicht hoch genug ist. Die mit irrem Gefiepe einhergehende Meldung, es läge eine “abnormale Herzfrequenz” vor, ignoriere ich mittlerweile gekonnt bzw ich setze sie zu meinem Vorteil ein: Kenner der schlauen Uhr aus dem Hause Garmin bekommen in Vertragsverhandlungen Angst, vernehmen sie dieses Warnsignal, da klar ist, dass aus Ally McBeal gleich eine Art Jura Hulk wird. Außerdem: was ist an mir schon nicht „abnormal“.

Neuerdings bekomme ich jedoch zusätzlich angezeigt, die “Batterie” sei leer und gemeint ist nicht die Batterie der Uhr, sondern meine.

Kurzentschlossen werde ich von lieben Freunden “gezwungen” zum Äußersten zu gehen und eine Woche Cluburlaub im Rentnerparadies auf Fuerteventura mitzumachen. Hätte mir noch vor einem Jahr jemand gesagt, dass ich 2021 sowohl eine “Kreuzfahrt” als auch einen Cluburlaub machen würde, ich hätte herzhaft gelacht. Langsam gehen mir auch die Dinge aus, die ich sagen könnte, wenn ich entführt würde und einem Angehörigen durch subtile Botschaften an Telefon mitteilen wollte, das irgendwas nicht stimmt. Jetzt bleibt nur noch “ich würde so gerne ins Musical gehen” um Menschen die mich ein wenig kennen in einen Alarmzustand zu versetzen.

Mit den Kanaren hatte ich bislang nur insofern Berührungspunkte, dass der große Mitreisende hier einmal einen Gesundheitsurlaub absolviert hat, bei dem er für sehr viel Geld SEHR wenig zu essen bekam und unaussprechliche Dinge mit seinem Darm angestellt wurden. Ich hoffe inständig, dass das in diesem Urlaub anders läuft. Bedauerlicherweise kann der große Mitreisende nicht mitfahren und ich habe tatsächlich (wieder) ein schlechtes Gewissen, das einzig dadurch ein wenig abgemildert wird, dass niemandem damit geholfen ist, wenn ich zwar aus Solidarität zu Hause bleibe, aber dafür in Kürze dauerhaft durchdrehe.

Geimpft, getestet und entwurmt fahren wir also ohne Tim Jong Un zum Flughafen. Auf liebgewonnene Traditionen wie das Aufkaufen sämtlicher Parfum-Bestände im Duty Free, müssen wir also auch dieses Mal verzichten.

Trotz Pandemie und steigender Inzidenzen ist es am Flughafen brechend voll. Der Deutsche tut, was er traditionell am Besten kann: Diszipliniert Schlange stehen und mit Argusaugen überwachen, dass sich auch JA niemand vordrängelt. Hinter uns stehen irgendeine Cordula und ein Werner und sie erzählt davon, dass sie zum zweiten Mal durch die Heilpraktiker-Prüfung gefallen ist. Ich dachte ja immer, dass das faktisch gar nicht möglich ist und die Fragen – in guter alter RTL-Tradition – etwa wie folgt gestellt sind:

Welches ist das größte menschliche Organ?

A: Haut oder

B: Kartoffelsuppe

Auch dass sich ein Heulpraktiker-Aspirant der gefährlichen Cockpit-Strahlung aussetzt: eher ungewöhnlich.

Das ansonsten traditionell vollständige Entkleiden meiner Person am Sicherheitscheck sowie der Running Gag, dass immer ICH zum Sprengstofftest muss: entfällt. Ich bekomme den Verdacht, dass der Gefährte dieses spezielle Programm immer heimlich zu seiner persönlichen Unterhaltung dazu bucht, dies aber natürlich nur wenn er mitreist.

Wir besteigen das Flugzeug. Sobald der Schalter geöffnet hat, rennen die Leute los, als hätte bei Aldi Kasse 2 geöffnet. Es wird sich gestritten wer sich angeblich bei wem vorgedrängelt hat. Ja klar Werner: wenn du als ERSTER im Flugzeug bist fliegen wir schneller los. Lass dir da bloß nichts anderes einreden.

Als alle Fluggäste den Vogel betreten haben geht unweigerlich das hysterische Sitzplatz-Tetris los. Ilse will lieber am Gang sitzen, der Werner hätte gerne mehr Beinfreiheit. Mysteriöserweise möchte niemand der für die Sitzplatzreservierung und mehr Beinfreiheit vorher bezahlt hat, spontan einen Fensterplatz einnehmen.

Casablanca-Artige Szenen spielen sich ab, weil ein junges und offenbar schwerst-verliebtes Paar keine nebeneinanderliegenden Sitzplätze hat. 4 Stunden nicht Händchen halten können: Eine Zumutung. Trotz harter Verhandlungen möchte auch in diesem Fall niemand Sitzplätze tauschen und vermutlich wird Kevin bei der nächsten Reise die 10 Euro für eine vorherige Sitzplatzreservierung investieren.

Bei der Sicherheitseinweisung höre ich – wie immer – aufmerksam zu. Zum einen ist das eine Frage des Respekts, zum anderen finde ich es rührend, dass sich jemand um mein körperliches Wohl und mein Überleben im Ernstfall sorgt, anders zB als meine Regierung in einer epidemischen Lage. Darüber hinaus las ich mal ein Buch über Notfälle und lebensbedrohliche Situationen, in dem ganz schön beschrieben wurde, wie und weshalb sich das menschliche Gehirn bei akuter Gefahr total verrückt benimmt und wie man etwas dafür tun kann, damit man im Ernstfall überlebt. Eine Maßnahme: Sicherheitseinweisungen aufmerksam verfolgen und erst NACH dem Start den Kopf in den Rosamunde Pilcher Roman stecken.

Und so höre ich, dass sich die Notrutschen im Fall eines Falles automatisch aufblasen. Ungefähr so, wie Angehörige des mittleren Managements in wichtigen Meetings mit Vorstandsbeteiligung.

Auch ist es bezeichnend, dass erklärt werden muss, im unwahrscheinlichen Fall eines Druckverlustes müsse man VOR dem Aufsetzen der Sauerstoffmaske die Mund- Nase-Bedeckung ABZIEHEN. Wäre doch tragisch, wenn man im Flieger erstickt, weil man es nicht geschafft hat, den lebensrettenden und in Hülle und Fülle vorhandenen Sauerstoff durch die FFP2 Maske zu saugen.

Ich schaue mich im Flieger um. Irgendwas ist merkwürdig. Irgendwas fehlt. Es dauert einen Moment bis mir klar wird: Es befindet sich KEIN Kind im Flieger. Das ist eine Premiere. Offenbar hat sich meine jahrelange Nörgelei ausgezahlt. Dafür: Silberne Schöpfe, die – der Silberspülung sei dank- in beinahe jeder Farbe des Regenbogens UND lila schillern. Es ist der ruhigste Flug den ich je hatte. Gut, mein betagter Sitznachbar muss alle 10 Minuten den Lokus aufsuchen, aber das ist alles verkraftbar und mit vereinten Kräften und ohne lästige Hemmungen schaffen wir es jedes Mal, ihn wieder in seinen Sitz zu falten.

Lediglich die heftige Flatulenz eines Herrn in der Vorderreihe trübt die Freude über diesen ansonsten völlig ereignislosen Flug. Spätestens wenn man deine Darmwinde durch eine FFP2 Maske riechen kann solltest du zum Arzt gehen.

Die Mitreisende Freundin fällt nachvollziehbar in Ohnmacht, ob dieser olfaktorischen Herausforderung.

Nach der Landung werden wir gebeten, den Corona-konformen Aussteigevorgang zu beachten: ALLE BLEIBEN SITZEN, jede Reihe steigt einzeln aus und wird aufgerufen. Es passiert das unaussprechliche: ALLE bleiben Sitzen, NIEMAND niftelt „mal eben“ am Gepäckfach rum und lässt anderen schwere Gepäckstücke auf den Kopf fallen. Die Purserin ist den Tränen nahe und lässt sich zu einer Ansage über das Lautsprechersystem hinreißen, dass sie das NOCH NIE erlebt habe. Ob nun die Disziplin der Greisengruppe der Grund war oder die Tatsache, dass die Passagiere nach vierstündigem Sitzen schlicht nicht ohne weiteres aufstehen KONNTEN: Keiner weiß es so genau.

Nach vier Stunden Landung. Corona-Checks, Kofferband. Ein sehr kleines kofferband, auf das mit hoher Geschwindigkeit aus einem Loch Gepäckstücke geschleudert werden, die dann gegen einen Balustrade knallen und mit lautem Gedonner aufs Band. Sind sie unglücklich geformt oder ist das Band voll, fliegen sie über die Balustrade und treffen Menschen. Mehrfach dieselben Menschen. Den Platz in der vordersten Reihe aufgrund der Gefahr aufzugeben: unvorstellbar. Kein Wunder, dass wir mit einer solchen Mannschaft die Pandemie nicht in den Griff bekommen.

Ich hiefe unsere Koffer vom Band. Dass heutzutage kein Mann mehr einer Frau behilflich ist, verdanken wir ja einem recht merkwürdig missverstandenen Feminismus, der durch aggressive, genderfluide Flintenweiber on- und offline lautstark verbreitet wird. Selbst aus Frauensicht verständlich, dass man als Mann keine Tür mehr aufhält oder eben mit dem Koffer behilflich ist, wird das doch ggf. empört als Belästigung oder Sexismus missverstanden. Auch wenn man allerdings nicht hilft, könnte man wenigstens einen Schritt beiseite treten, wenn eine Dame von einem Hochhaus-großen Rimowa- Monstrum der Reise-Freundin mehrere Meter am Band entlang gezogen wird. Beim Heben des Koffers kommen mir Bedenken hinsichtlich der von mir mitgeführten Bekleidung bzw. darüber, dass ich vermutlich nicht genug eingepackt habe. Evtl sollte man doch nicht bis 3 Uhr nachts arbeiten und um 4 Uhr den Koffer in völliger geistiger Umnachtung nur sehr unzureichend packen.

Wir besteigen den Zubringer-Bus. NIEMAND hat mir gesagt, dass diese Insel so groß ist und ich 1 1/2 Stunden BUS fahren muss!!!!

Wir rollen durch eine surreale Landschaft. Ein bisschen so, als hätte man die Highlands mit Agent Orange besprüht. Keine Vegetation, dafür ganz viel Sand und Geröll. Ich frage mich wirklich, weshalb ich für teures Geld und mit unfassbarem Aufwand mit Herrn Bezos auf den Mars fliegen soll, wenn ich stattdessen dieselbe Landschaft auch MIT für meine humanoiden Bedürfnisse passender Atmosphäre haben kann. Ich lese mich kurz in die Historie der Insel ein, also weshalb dieses lustige Eiland dem Spanier gehört, obwohl es geographisch in Afrika liegt, was hier landwirtschaftlich so angebaut wird und – besonders wichtig- was hier kreucht und fleucht. Die Insel scheint – neben dem meinen Vorlieben angepassten Klima- auch zoologisch perfekt zu sein. Viele liebenswerte Tiere, von denen Dich keines potentiell umbringen will. Ziegen, Dromedare, Kanarienvögel, Streifenhörnchen und mein besonderer Freund, der afrikanische Weissbauch-Igel.

Wir erreichen den Club. Zu meiner großen Erleichterung wird keine Hymne gespielt und auch kein Club-Tanz aufgeführt. Dafür gibt es Alkohol. Die kleine illustre Reisegruppe ist endlich vereint.

Tag 6 – Zwischen Feminismus und Thermomix

Nach der beschaulichen Radtour, verbringe ich den Rest des Tages an meinem Stammplatz am Heck. Ich fürchte, zwischenzeitlich in eine unschöne Aperol-Spritz Sucht abgeglitten zu sein. Vermittels dieses Getränkes ist aber sichergestellt, das meine Laune richtig gut ist und bleibt. Ich wimmle meinen panamaischen Gitarristen ab. Er ist ein netter Kerl und leidet darunter, dass er (da privilegierter Musiker und in einer „normalen“ Kabine untergebracht) aufgrund der Corona-Maßnahmen keinen „Kontakt“ mit der Besatzung mehr haben darf. Er flirtet sehr intensiv aber mit ausreichendem Sicherheitsabstand mit Frau Spock. Mir wird einiges klar, unter anderem, weshalb Frau Spock so angespannt ist.

Abends gehe ich in eines der Bezahl-Restaurants (die Hoffnung auf qualitativ besseres Essen stirbt ja zuletzt). Ein „Surf and Turf“ Restaurant, das mit der extrem hohen Qualität der Speisen zu „unglaublichen Preisen“ wirbt, letzteres macht mich natürlich direkt misstrauisch. Das Ambiente ist ansprechend, der Kellner für meinen Geschmack – zunächst- ein wenig ZU unterwürfig. Es gibt Wein aus der Trittenheimer Apotheke, das hebt die Stimmung natürlich direkt. Ich bestelle ein kleines Rumpsteak. Nun läuft der Kellner plötzlich zu antifeministischen Hochtouren auf. Ich solle lieber das Filet bestellen, das würde „mir als Frau“ besser schmecken. Hiervon lässt er sich auch nur schwierig abbringen. Sehe ich aus, als wüsste ich nicht was ich will? Ich meine gut: Fleisch wird fälschlicherweise seit jeher als Männerdomäne erachtet, aber ich glaube et hackt. Ich erläutere ihm den Unterschied in Beschaffenheit und Geschmack zwischen Filet und Rumpsteak und weshalb ich letzteres lieber essen möchte, auch wenn ihn das selbstverständlich eigentlich gar nichts angeht.

Es muss auch hier das fortschreitende Alter sein: Es regt mich zwischenzeitlich grandios schlimm auf, wenn mir Männer (und es sind IMMER Männer) die Welt ungefragt erklären wollen, nicht weil sie es fachlich qua besonderer Expertise besser wissen, sondern weil man zusammen mit einem Penis offenbar auch den Durchblick in allen Lebenslagen vom Schöpfer geliefert bekommt. Die Fähigkeit zu wissen, wann es klüger ist mal nichts zu sagen, muss Mann hingegen offenbar kostenpflichtig freischalten lassen, was die wenigsten tun.

Ich esse mein Rumpsteak (das lecker ist) und die Beilagen (die gar nicht lecker sind). Aus Boshaftigkeit, bekommt der Kellner ein extrem hohes Trinkgeld von mir. Da zeigt die Mutti mal, wer hier die Hosen anhat.

Danach duscht Mutti irre lang und irre heiß und mit SEHR viel Duschgel um die sehr anhängliche Sonnencreme, den Staub italienischer Straßen und nicht zuletzt den nachhaltigen Groll abzuwaschen.

Am nächsten Morgen steht ein geführter Stadtbummel durch Cannes an. Da es um 9:00 Uhr losgeht, stelle ich nochmal einen Wecker (im URLAUB!!!!). Aktivitäten die im Urlaub vor 11 Uhr beginnen sind ja eigentlich per Se eine Zumutung und abzulehnen, wenn man aber das Schiff nunmal nicht allein verlassen DARF, muss man sich eben an die teutonischen Gepflogenheiten anpassen, um ein wenig Auslauf zu bekommen.

Ich schaffe es aufgrund der frühen Stunde in einem der Frühstücks-Restaurants einzukehren. Filterkaffee und Schwarzbrot: Ich bin begeistert. Am Nebentisch bestellt eine Dame: „ein halbes Omelette und einen halben Orangensaft“. Vermutlich ist die Gute gestern zu lange am Pool in der Sonne gelegen und hat sich die Hälfte der noch intakten Hirnzellen wegbruzzeln lassen. Also manchmal fragt man sich wirklich, was in den Leuten vorgeht… An einem anderen Nebentisch sitzt eine Dame mit Figur und Stimme von Ralf Möller. Sie bestellt Averna! 4 Mal nacheinander. Das ist jetzt selbst für Urlaubsverhältnisse sehr früh und SEHR hochprozentig, das Gute ist aber: Man wird hier noch toleranter, als man es zu Hause ist.

Auf dem Weg zur Ausstiegsluke gehe ich am Pool vorbei. Diverse Liegen sind mit Handtüchern „Reserviert“, die Besetzer aber offenbar nochmal ins Bett gegangen. Damit das Handtuch nicht von Bord flattert haben eingefleischte Kreuzfahrer farbige Klammern mitgebracht (ähnlich einer mutierten Wäscheklammer) mit der man die (immer gleichfarbigen Handtücher) an der Liege festklippen kann. Ich klippe circa 20 Stück ab, mische sie munter durch und klippe sie wahllos an verschiedenen Liegen wieder fest. Eine Art völlig kostenfreie Schnitzeljagd. Soll ja keinem langweilig werden.

Heute liegen wir weiter draußen vor Anker, müssen also „tendern“, das heißt mit einem deutlich kleineren Boot an Land gebracht werden. Ich freue mich, liebe ich doch (wirklich) exzessives Geschaukel auf dem Wasser und das damit verbundene Instant-Glücklichsein.

Nach erneuter, mehrfacher Desinfektion, Vorzeigen des Bordpasses, Fiebermessen, etc. etc sitzen wir in dem kleinen Tenderboot. Selbst hier wird – vermutlich zum Zwecke einer späteren Kontaktnachverfolgung- notiert, wer wo sitzt und es ist natürlich strengstens untersagt aufzustehen, AUCH NICHT ZUM FOTOGRAFIEREN INGEBORG!!!!!! Musikalisch untermalt wird das Ganze (kein Scheiss) mit Kuschelrock 11. Ich frage mich spontan was hier los wäre, würde man die Titelmusik von „Titanic“ auflegen, oder die perfekt Welle, oder „Das Boot“ ODER „Wir lagen vor Madagaskar“)

Ich denke an vergangene Speedboat-Fahrten in thailändischen Gewässern bei kritischem Seegang. DORT sagt Dir keiner Du sollst sitzen bleiben, sondern der Kapitän (meist noch ein Jugendlicher) knallt ohne Vorwarnung los und hat eine königliche Freude daran, wenn möglichst viele Falang quer durchs halbe Boot fliegen.

Im Tenderboot haben sich – wie immer auf der Arche- die Pärchen nebeneinander platziert. Offenbar ist es schlicht NICHT zumutbar für 15 Minuten neben einer anderen Person zu sitzen als der, die man seit 30 Jahren anschweigt. Eine Dame ist jetzt schon Seekrank und wird von Minute zu Minute blasser. Wieso geht man auf ein Schiff, wenn man nicht seefest ist?

Für Cannes haben sich alle in ihre mondänsten Outfits geworfen. Die Herren tragen Hemden aus dem Hause Camp David und – zur Feier des Tages – Socken in den Trekking Sandalen oder Crocks. Die Damen tragen Kleider, deren Wirkung leider in 90% der Fälle durch neckische Birkenstocksandalen MIT Glitzerapplikation zerstört wird. Du kannst allen Glimmer der Welt mit der Heissklebepistolen an eine Sandale pappen: Pestmauke bleibt Pestmauke.

An Bord der Bounty herrscht plötzlich hektische Betriebsamkeit. Der Motor will nicht anspringen. Es zeichnet sich ab, dass wir umsteigen müssen auf die andere Schaluppe. Leider stehen wie ein Mann ALLE gleichzeitig auf und drängen zum Ausstieg. Nix mit „Gewichtstrimm“. Die seekranke Dame wird langsam grün. Alle müssen sich nochmal hinsetzen und nun geordnet das Boot verlassen. Weil es die Regeln so wollen und wir zu einer anderen Luke müssen passieren wir wieder (2Mal) den Bordkartenscanner (einchecken ins Schiff, 10 Sekunden später und 20 Meter weiter hinten auschecken aus dem Boot), zwei Desinfektionsstationen und sitzen dann endlich in einem fahrtüchtigen Tenderboot. Angekommen im Hafen zeigt der Franzose und mal wie German Gründlichkeit geht: Vorzeigen des Impfpasses UND Testzertifikates, Ausweis, Temperaturmessung und dann (und auch das denke ich mir NICHT aus) müssen wir uns jeweils in eine Kabine stellen, in der man mit einer Art Desinfektionsmittel-Sprühregen gesäubert wird. Brille putzen, föhnen, schminken: Alles hätte man sich sparen können, ist aber jedenfalls für niemanden mehr ein gesundheitliches Risiko.

Unsere Tour geht los. Vorbei am Yachthafen. Gleich 2 „lustige“ Eigner haben ihre Gefährte „Foie Gras“ genannt. Das hätte ich bei einem Flugzeug verstanden, aber bei einem Boot?

Wir laufen durch die Stadt. Just als der Tourguide schwärmt, dass es hier in Cannes nur so wenige Regentage gibt fängt es an zu plästern. Wir gehen vorbei an den tollsten Bäckereien, Cafés und Markständen. Leider ist auch hier ein Verweilen oder das zu sich nehmen eines Biskuit Teilchens strengstens untersagt. Die Straßen sind verstopft mit verschiedenen Kreuzfahrern (neben uns liegen noch drei weitere, teilweise größere Schiffe hier vor Anker). Vermutlich werden Kreuzfahrt Touristen nun noch mehr gehasst als zuvor, da sie aktuell nicht nur das Stadtbild verschandeln und den Verkehr behindern, sondern zudem nicht einkehren und nichts konsumieren (können).

Wir laufen drei Stunden durch die Stadt zum Filmpalast. Ähnlich wie auf dem „Walk of Fame“ konnten sich zahlreiche Stars hier mit ihren Handabdrücken verewigen. ICH würde mir das als Star zweimal überlegen, ist der Ort an sich doch ziemlich schmucklos und stellenweise mit allerlei Unrat übersäht. In Sylvester Stallons (recht kleinen) Handabdruck erleichtert sich vor einer Shisha-Bar ein flauschiger Schoßhund als wir vorüber laufen.

Ein riesiges Plakat ziert den Film-Palast: Hier findet demnächst eine riesige Thermomix und Kobold Präsentation statt. Mondäner geht es ja nun kaum.

Tag 5 – Ein Schuhplattler vor Madagaskar

Tag 5: ein Schuhplattler vor Madagaskar

Am Ende von Tag 4 die Hiobsbotschaft: Der Hafen La Spezia kann nicht angefahren werden. Es liegt erneut Meuterei in der Luft, wer über einen Camcorder verfügt, wechselt einen frischen Akku ein. Wie es scheint war genau dieser Stopp nicht nur für mich, sondern auch für einige andere der Grund, genau DIESE Reise zu buchen. Laut Durchsage des niederländischen gute Laune Ministers, fahre man nun stattdessen nach „Livorno“ wo es sogar NOCH schöner sei. (So wie damals, als mein Vater behauptete, an der Nordsee sei es viel schöner als an der Costa del Sol…)

Die gebuchten Ausflüge behielten ihre Gültigkeit und die Crew habe sich alle verfügbaren Beine ausgerissen, um schnell umzuplanen. Applaus. Ich Google schnell Livorno. Tja nun… ein Industriehafen und eine recht schmucklose Stadt. Wird wohl nichts mit meiner Bike-Tour durch „ligurische Dörfer“.

Man muss aber auch „neues“ probieren und veränderten Situationen die Chance geben toll zu werden, deswegen laufe ich – anders als einige Mitreisende- nicht mit einer Geschwindigkeit zum Umbuchschalter, als hätte bei Lidl plötzlich Kasse 2 geöffnet. Da werden ja regelmässig auch selbst die Lahmen geheilt. Hätte Jesus damals gar nicht die Hand auflegen, sondern einfach nur rufen müssen „Kasse 3 hat jetzt auch für Sie geöffnet“.

VOR dem Ausflug muss allerdings noch der erste große Massen-Schnelltest durchgeführt werden. Hierzu sind ALLE anwesenden Personen (ALLE!!!!!) aufgefordert, am nächsten Morgen zwischen 6:00 Uhr und 8:00 Uhr mit der Schweigepflicht-Entbindungserklärung in der „Arena“ zu erscheinen. Es kommt wie es kommen muss: Neben den 20 Preussen, die vermutlich um Schlag sechs vorstellig wurden, tapert der Rest der Reisenden um 7:45 Uhr in Richtung Arena. (ICH bin Ultra stolz, stehe ich doch wenigstens schon seit 7:20 Uhr Schlange.) Besagte Schlange steht über zwei Decks (bevor jetzt wieder irgendwer motzt: Outdoor und alle tragen medizinische Maske wegen der Abstände und so).

Hier kann man wieder sehr gut beobachten, weshalb für den Fall einer echten Katastrophe die Anschaffung einer Schrotflinte sicherlich eine gute Idee ist. Die Testaktion ist super durchgeplant. Auf den Zimmern wurde am Vorabend der Zettel, der ausgefüllt und unterschrieben werden muss so hingelegt, dass man ihn nicht übersehen konnte, eine Erklärung lag dabei. Es gab ein Erklärvideo und gefühlt drölfzig lautstarke Durchsagen. Außerdem haben wir seit mittlerweile beinahe 2 Jahren Pandemie, SO fremd ist einem das Ganze also nicht mehr. Trotzdem spielen sich Szenen ab, die dazu führen, dass ich mir wünschte, ich dürfte so manchen Kreuzfahrer würgen oder zumindest mal ordentlich schütteln… ein Drittel hat die Unterlagen gar nicht dabei, ein weiteres Drittel hat sie nicht ausgefüllt (auf dem Zimmer lag ein Stift daneben). Andere (meist Frauen fortgeschrittenen Alters) stürmen an der Schlange vorbei um mitzuteilen, dass sie sich nicht testen lassen müssen, weil sie ja

a) nicht an Land gehen wollen
b) geimpft sind
c) einen Selbsttest gemacht haben.

Edeltraud!!!! Spül Dir die Ohren!!!!! Jeder verf* Mensch auf diesem Boot wird heute fremdgetestet. AUCH DU!!!! Ja!!! Auch der Heinz der noch schläft. Der auch!!!! Und ja!!!!! Du musst TROTZDEM nachher noch zur täglichen Temperatur-Messung. Und jaaaaaaa! Du musst trotzdem in Innenräumen Deine Maske tragen. Es ist wirklich KEIN Wunder, dass wir diese Pandemie nicht in den Griff bekommen.

Egal was die Crew hier an Tranquilizern zu sich nimmt, um derlei Gespräche auch zum 20. Mal mit einem Lächeln zu führen: Ich will das auch!!!! Das würde mir und den Leuten im Büro das Leben sicherlich erleichtern.

Als ich an der Reihe bin, sieht es in der Arena aus, als würde „Outbreak 3“ gedreht. Das volle Schutzmontur-Programm. Unter anderem testet auch „Spock“. Ich bete, dass ich an einen anderen Schalter gehen darf. Ich habe „Glück“ der Bordarzt persönlich nimmt den Abstrich vor. Noch bevor ich – wie sonst üblich – die Begrüßung mit „ich bin Anwalt“ würzen kann, hat er mir das Teststäbchen dermaßen tief und fest in die Nase gerammt, dass ich hinterher erstmal prüfe, ob irgendwo eine neue Öffnung im Schädel tastbar ist. Offenbar nimmt ER keine Beruhigungsmittel.

Auf dem Rückweg singe ich leise „Wir lagen vor Madagaskar“ vor mich hin. Sollen ja schließlich alle gute Laune kriegen.

Ich finde einen Ort, an dem es Filterkaffee gibt (große Liebe) und kann vor der kleinen Biketour noch ein wenig davon zu mir nehmen. Sodann finde ich mich am Treffpunkt ein. Eine bunte Truppe hat sich zusammengefunden. Zwei Anfang 20 Jährige mit Mutter, ein offenbar passionierter Radfahrer in voller Tour de France Montur samt Frau, die den ganzen Trip über nicht einen Piep sprechen wird, ein netter Endfünfziger, ebenfalls im Raddress und ein Pärchen, bei den ich mich nicht entscheiden kann, wen ich auf Anhieb mehr „hasse“. Sie ist der Typ überengagierte Grundschullehrerin und jedes dritte Wort ist ein gequiektes „Schatziiiiiii“, er ist voll tätowiert und ultra schwäbisch. Sie bietet sofort an, die Gruppe „nach hinten abzusichern“.

Ja, mach mal Dörte.

Der Guide ist ein junger Typ der – wie sich hinterher noch herausstellen wird- auch lieber für den Giro d Italia trainieren würde, als mit einer Gruppe Hobbiesportler durch die Gegend zu zockeln. Er gibt uns noch den Hinweis, dass wir uns nicht verunsichern lassen sollen, wenn die Italiener Hupen, das täten sie oftmals nur um „Hallo“ zu sagen oder einem zu zeigen, wie toll sie das finden, was man gerade tut. Joa. So mache ich das im Straßenverkehr auch immer, wenn ein Lastenradfahrer-Christoph mit seiner Brut im Wagen in der Rushour die Straße versperrt…

Endlich zahlt sich der „Fahrrad-Führerschein“ aus, den ich in der Grundschule gemacht habe. Dort musste man üben über schmale Balken zu fahren und dergleichen.

Wir fahren vom Industriehafen in die Stadt. Wenn man in Italien seinem Schöpfer sehr schnell und möglichst final näher kommen möchte, kann man entweder eine der zahlreichen Kirchen und Kathedralen aufsuchen und beten, oder man fährt mit dem Fahrrad im Stadtverkehr. Eine erfrischende Nahtoderfahrung der intensiven Art. Da werden Autotüren einfach aufgerissen, Roller fahren auf Vollkontakt an Dir vorbei und in richtig engen Straßen überholt Dich ein riesen LKW. Ich bin ja häufig ein wenig genervt vom Leben, SO dringend und direkt hier, möchte ich jetzt aber doch nicht aus selbigem scheiden. Es wird permanent gehupt (offenbar freut sich der Italiener also SEHR!), die Luft ist zum schneiden und ich muss feststellen, dass der Sattel verflixt hart ist.

Ich bin froh, dass meine Eltern nicht sehen können, was ich hier treibe. Das hätte vermutlich nicht nur eine Standpauke, sondern auch ein Ausgehverbot zur Folge, Alter hin oder her. So wie damals, als ich im Damensitz in Bangkok Motorradtaxi gefahren bin. Nur habe ich mich dabei SO lebendig gefühlt, dass ich tatsächlich im Moment und es mir ziemlich egal war, was als Nächstes passiert. Motorisiert ist eben IMMER besser.

Ausserdem hatte ich damals wenigstens keinen Helm an, mit dem man völlig beknackt aussieht. Ich vertrete ja die These, dass man im Jenseits genau die Klamotten anhat, in denen man gestorben ist. DESWEGEN würde ich NIE im Jogginganzug fliegen und DESWEGEN möchte ich NICHT unter der Dusche oder beim Frauenarzt sterben, ODER eben mit einem Fahrradhelm auf. Wenn ich da oben Freddie Mercury in die Arme falle: Was soll der denn sonst denken??

Nach 30 Minuten halten wir an einer „Promenade“. Fotostopp. Der blonde Führer kommt zu mir und fragt, weshalb ich als Einzige kein Foto mache. Wie so häufig entfährt mir die Antwort, bevor sie auf soziale Kompatibilität intern geprüft wurde: „Weil es hier halt echt nicht schön ist“. Wie schnell ein professionelles Lächeln dann doch erlischt. Er erläutert mir, wieviel Arbeit es war, diese Alternative Route zu entwickeln. Zwar ist das nicht MEIN Problem, sondern eben SEIN Job, aber da Lob ja immens wichtig ist und ich schließlich durch Führungstätigkeit dazu gelernt habe, sage ich ihm wie toll, agil und meeeeeeega lieb ich das von ihm finde. Die Laune bessert sich. Bis ich dann auf die Frage, meine wievielte Kreuzfahrt dies sei antworte, dass es die erste und definitiv auch die letzte ist. SO knapp.

Wir fahren weiter. Zwischendurch auf dreispurigen Straßen, die mir nicht danach aussehen, als sollte man HIER mit dem Fahrrad fahren. Das alles inklusive Spurwechsel, Gehupe und ziemlichem Gestank und überfahren roter Ampelb. Gut, dass Dörte hinten absichert. Seit der Verkehr zugenommen hat, höre ich sie nur noch ganz selten quieken. Beim ersten Stopp zeichnete sie sich davon abgesehen dadurch aus, dass sie ALLES weiß, im Zweifel besser und überall schonmal war, wo ich bete niemals hin zu müssen.

Als wir aus der Stadt raus sind, fahren wir zwar über zunehmend einsamere Straßen, dies aber gerne mit erheblicher Steigung und über Pisten mit Schotter auf kaputtem Kopfsteinpflaster. Ich steige zwischendurch ab, nachdem das Rad mehrfach bedenklich weggerutscht ist. Ich habe keine Lust auf eine Zahnsanierung und schon zu Schulzeiten Gottlob nie Angst davor gehabt mich zu blamieren wenn man Gefahren aus dem Weg geht. „Lieber plump als tot“ ist die Devise.
Ich wundere mich. Gestern, in der völlig flachen und ungefährlichen Ausgrabungsstätte, konnte man unbeobachtet keinen Schritt gehen, inklusive Klobesuch, unser Führer heute dreht sich nur dann und wann mal flüchtig um. Dörte in allen Ehren, aber was wird die Schifffahrtgeselllschaft sagen, wenn ein Schäfchen nicht mehr oder in Einzelteilen wieder an Bord kommt? Wir halten und der Lance Armstrong fragt nach, ob wir eine „ganz tolle“ Strecke fahren wollen, die wiederum dieses Gepräge hat oder lieber die „langweilige Asphaltierte Strecke“. Ich stelle die Frage in den Raum, ob er auch eine so dicke Lippe riskieren würde, wenn wir die – meiner Meinung nach rechtlich fehlerhafte – Haftungsfreistellungserklärung nicht unterschrieben hätten. Wir werden KEINE Freunde mehr, aber wer sich arschig verhält darf gequält werden. Wir fahren die langweilige Strecke, die bis dahin aber wieder über Schotter führt.

Es kommt wie es kommen muss: Ein Radler stürzt. Statt besorgter Worte, wird ihm eine neuerliche schriftliche Erklärung unter die Nase gehalten, dass er ausdrücklich versichert weiter fahren zu wollen und den Guide hin jeglicher Haftung freistellt. Das müsse er verstehen, der Guide wolle da „raus“ sein. Ich stelle die rechtlichen Erwägungen über einen die freie Willensbildung ausschließenden Zustand nach Schock / Kopfverletzungen mittellaut an. Tja Malte: Guide sein ist eben nicht nur sexy, sondern auch Verantwortung.

Super ist der passionierte Radfahrer im Tour de France dress: er kümmert sich, gibt Tipps, schaut nach Verletzungen. Zwar kommt er aus Schwäbisch Gmünd, ist aber ansonsten ein Pfundskerl. Außerdem stößt er wenn besonders schöne Strecken befahren werden SEHR unvermittelt und SEHR laut Schreie aus, wie ich sie von Schuhplattler Vorstellungen kenne. Lebensfreude: So wichtig. DASS Malte diese Schreie hasst und dies auch lautstark kundtut, macht das Ganze um so schöner.

Nach einer extrem langen Fahrt bergab (mein GOTT ist bremsen anstrengend und mein GOTT sind 30 km/h auf dem Rad SCHNELL!!!) pausieren wir in einer kleinen Bucht. Es gibt kleine Cafés und Restaurant, plötzlich ist Sicherheit dann aber wieder oberstes Gebot: Wir dürfen uns nur soweit vom Führer entfernen, dass er uns noch SEHEN kann und auf GAR keinen Fall einen Cappuccino im Sitzen einnehmen. Höchstens to go!!!!!
Ich spendiere dem „Verletzten“ und dem Radkönig einen Kaffee und wir haben schöne 25 Minuten, DENN: Spaß ist immer was du draus machst.

Tag 4 – Spock hat keine Falten

Gut gelaunt erwache ich an Tag 4. Ich lasse das Frühstück ausfallen und starte einfach direkt mit einem Aperol Spritz. Nicht weil ich nicht hätte frühstücken WOLLEN, sondern weil ich erst nach 10 Uhr startklar bin. DAS ist ja der Luxus im Urlaub, nicht zu bestimmten Uhrzeiten irgendwo sein zu MÜSSEN. Bedauerlicherweise ist es dann nur mit „Frühstück“ eben schwierig. Ich gehe in die Saftbar, stelle fest, dass ein Smoothy natürlich auch extra kostet, erwerbe aber trotzdem einen „red booster“. Dieser wird, recht rabiat, zubereitet von einer russischen Dame. Nachdem sie unglaubliche Mengen widerspenstiger rote Beete in den Mixer bugsiert hat fällt mir auf, dass sie sich – glöööööööckleresk“ und offenbar mit dem Edding- sehr große und sehr eckige Augenbrauen gemalt hat. Auch sie mag ich sofort.

Interessant ist, dass die Mitarbeiter hier nicht nur einen, sondern diverse Jobs wahrnehmen. Tourguide, Frühstückskellner, Reiseberater, Bartender, Croupier. Frau Spock ist offenbar so tüchtig, dass sie nie zu schlafen scheint und egal wann ich wo erscheine: Sie ist schon da. Außerdem hat sie die männlichen, zumeist asiatischen Kollegen extrem gut im Griff, die sofort auseinander laufen und ihre Schwätzchen beenden, wenn der zackige Vulkanier irgendwo auftaucht und auf Russisch Befehle brüllt. Russische Befehle bekommen übrigens in ähnlicher Tonlage und Lautstärke auch die Gäste und – als er mal im Weg steht- der Kapitän.

Nach dem Kraft-Saft möchte ich UNBEDINGT in die „Drogerie“ und mir eine neue Sonnencreme kaufen. Die Auswahl des mitgebrachten Exemplars habe ich – ungewöhnlicherweise- der besseren Hälfte überlassen. Das hat sich natürlich sofort gerächt. Schon beim Eincremen am gestrigen Tage hatte ich mich gewundert, dass die „50+ extra Safe“ Creme partout nicht aus der Tube herauskommen und sich dann nicht auf meiner Haut verteilen lassen wollte. Ebenfalls einem Vulkanier nicht unähnlich, war ich nach mehrminütigem cremen immer noch weiß und mit einem merkwürdigen Schmierfilm bedeckt. Vielleicht hat sich in der Drogerie jemand einen Scherz erlaubt und Deckweiß in die Flasche gefüllt. Minütlich wuchs die Angst, dass sich die undefinierbare Paste beim Trocknen zu einer Art Panzer aushärtet und mich bewegungsunfähig in meiner Kabine verharren lässt, bis der Roomservice mich mit Hammer und Meißel wieder befreien kann.

Offenbar wiederholt sich Geschichte, wird doch überliefert, dass mein Vater mich weiland, als er erstmals mit dem Baby allein gelassen wurde die Hautcreme mit der Windelcreme verwechselte und meine überraschte Mutter nach ihrer Rückkehr ein sehr weißes, von 1cm Spachtelmasse (ÜBERALL!!!) bedecktes, sehr rutschiges und ungehaltenes Kind vorfand. (Der Vater hingegen ist auch heute, 36 Jahre später- noch äußerst zufrieden mit der damals geleisteten Arbeit und behauptet, nur dieser exzessiven Ölung sei zu verdanken, dass ich mit nunmehr „Ende 30“ immer noch so wenig Falten habe.

Schlimmer als das Auftragen war im gestrigen Fall (und vermutlich auch 1984) aber das „Abtragen“ besagter Extrem-Sonnencreme. Die noch am Abend auf der Kabine durchgeführten rituellen Waschungen mit einem halben Spender Duschgel führten erst nach dem 10. Einschäumvorgang zu einer merklichen Besserung, konnten aber nicht das gesamte Produkt entfernen. Dabei hätte ich mir vor lauter glitschiger Seife beinahe den Hals gebrochen. Better safe than sorry scheint die Devise zu sein.

Leider sind der Rhythmus des Schiffes und meiner offenbar ein wenig asynchron. Egal was ich tun möchte: Der Laden / der Service / das Restaurant hat mit Sicherheit geschlossen, wenn ich es aufsuchen möchte. Reisebüro, „Gesundes Bistro“ und nun eben die Shops. An „Landtagen“ ausschließlich zwischen 19.00 und 22:00 Uhr geöffnet. Ein bisschen kommt man sich teilweise vor wie auf einem Geisterschiff.

Da heute aber auch für MICH der erste Landgang ansteht, muss ich mich also zwischen: Verbrennen oder neuerlichem aufwändigem Einbalsamieren und späteren chemischen Reinigen entscheiden. Selbstverständlich entscheide ich mich für Letzteres, weiß ich doch, dass ich ansonsten die nächsten Tage liegend und mit kühlendem Quark oder Ähnlichem auf der Haut wimmernd im Zimmer verbringen muss. Während ich das tippe, sehe ich übrigens kaum die Schrift, da auch das Display voller Sonnencreme ist, die sich selbst durch Seife und Sagrotan-Tücher – zumindest in einem Reinigungsversuch- nicht entfernen lässt.

Auf dem Weg zur „Sammelstelle“ gehe ich am Pool vorbei. Hier scheint sich der durchschnittliche Kreuzfahrer an einem Tag ohne Ausflug aufzuhalten. Der Pool ist gerammelt voll. Man treibt im Kreis. Aufgrund der bunten Badebekleidung erinnert mich das Bild spontan an das Sushi-Band beim Lieblings-Japaner. Das Lachs-Rot der Haut so manches Mitreisenden legt die Vermutung nahe, dass ich nicht die Einzige bin, die ein Problem mit dem Sonnenschutz hat.

Liege reiht sich an Liege und es wird viel gelesen, Karten gespielt und zahlreiche Sudokus gelöst. DAS ist Entspannung und bei all der berechtigten Kritik ist das wirklich schön anzusehen. Es sind irre viele Kinder an Bord, von Pascal mal abgesehen, merkt man sie aber überhaupt nicht. Lediglich ein Kind hat sich jetzt schon in mein Herz geschlichen: Ein blondgelockter Junge, der sich gestern bei Erklingen der Bordhymne die Finger in die Ohren steckte und laut schrie „das“ solle sofort aufhören. Wäre es nicht wegen Corona untersagt, ich hätte ihn umarmt. Die nachfolgenden Generationen, sie sind DOCH noch nicht vollständig verloren.

Von Bord zu kommen, ist noch schwieriger, als an Bord gelassen zu werden. Meinen Bordpass muss ich gefühlte 100 Mal vorzeigen, Maske auf, Maske ab (Abgleich mit dem vor Betreten des Schiffes gefertigten Erkennungsdienstlichen Fahndungsfoto), unzählige Male desinfizieren, rauskrosen der diversen Einreisezertifikate, Impfnachweise, Tests, Assistieren der älteren Mitreisenden, die – verständlicherweise – schon total gestresst sind. Sodann nochmaliges Fieber messen. Ich finde das rational wirklich gut und muss sagen, dass ich Hochachtung vor dieser logistischen Meisterleistung habe. Hier wird der Gesundheitsschutz nicht nur Pro-forma, sondern wirklich ernst genommen. Emotional nervt es trotzdem unfassbar.

An Land und vor Betreten des Busses dasselbe nochmal von vorn, inklusive betreutem Hände-Desinfizieren und Dokumentation, wer wo gesessen hat sowie Abstandskontrolle und der Information, dass man nach Hause fliegen kann, wenn man seine Maske abnimmt. Abfahrtzeit ist 14:04 Uhr. Eine merkwürdige Uhrzeit, aber wir wären nicht auf einer DEUTSCHEN Reise, wenn wir nicht um PUNKT 14:04 Uhr losfahren würden. Nach einer Dreiviertelstunde kommen wir an der römischen Ausgrabungsstätte Ostia Antica an. Ich genieße es sehr etwas besichtigen zu können, das der Gefährte als hochgradig nervtötend langweilig empfinden würde. Dass es sich um „Kultur“ handelt hat zudem den Vorteil, dass wir mit einer kleinen Gruppe von 15 Leuten unterwegs sind. Zwei Guides passen auf uns auf, einer vorne, einer hinten. Ein wenig wie bei einem Klassenausflug der Rütli-Schule.

Auch hier am Eingang der Freiluft-Anlage: Kontrollalarm nach deutscher Machart. Pass, digitales Impfzertifikat, Fiebermessen. Wer „nur“ den internationalen Original-Impfpass dabei hat, muss einen digitalen Greenpass mühselig vor Ort buchen. Die schwäbische Rentnergruppe ist kurz davor eine Revolution zu starten und mit Nordic-Walking Stöcken auch einigermaßen gut bewaffnet. Außerdem haben ALLE Herren Camcorder dabei, die an einem Halsband hängen und bequem auf dem großen Bauch abgelegt werden können. Es wäre also ohne weiteres möglich, Bewegtbilder des teutonischen Aufstandes im Jahre des Herrn 2021 gewinnbringend an Russia Today oder BildLive zu verkaufen.

Es kommt aber dann doch nicht dazu. Schade.

Der Vortrag ist interessant, das Wetter ist gut und ich erhalte ENDLICH den Beweis, dass „Trekking-Sandalen“ nicht nur unfassbar hässlich, sondern auch völlig nutzlos sind. Zwei Teilnehmer dieser kleinen Bildungsreise stoßen sich extrem schmerzhaft die Zehen, an herumliegenden Steinen, bei einem fliest Blut. Ansonsten kann man sagen: Der Römer hatte einen Sinn für die feinen Dinge. Wellnessanlagen, Reisebüro, Fitnesstudio: Alles vorhanden. Den noch erhaltenen Statuen nach zu urteilen waren die Männer äußerst ansprechend trainiert und haben die Toga gerne mal über der Schulter, statt um die Hüften getragen. Allenfalls die Toilettensituation war unbefriedigend. 20 Sitze direkt nebeneinander und ein „Gemeinschaftsschwamm“ zur Reinigung der eigenen Intimzone, das klingt nicht nachahmenswert. Auch die Urinsteuer – so eine Art antikes Sanifair ohne Vogelzwitschern und Erstattungs-Bon: Nicht mein Fall.

Eher mein Fall: Die antike Imbissbude, bei der es – so wird es überliefert- eine Art römischen Döner gab. Leider ist der Wirt zwischenzeitlich ausgeflogen und ich kann den ersehnten Imbiss außerhalb des Schiffes nicht einnehmen.

Alles in allem gleichwohl ein gelungener Ausflug. Zurück an Bord teilt der Unterhaltungsmanager mit Trauerstimme mit, dass beim Auslaufen LEIDER nicht die furchtbare Unheilig-Hymne gespielt werden darf, weil der Italiener das verbietet wegen „zu laut“. Ich empfinde ungeahnte Liebe für den Italiener. Selbstverständlich ist es ihm nicht zu laut (der Italiener hört einfach per se 40 DB schlechter als andere Menschen, deswegen verständigt er sich IMMER schreiend) ist aber offensichtlich zu höflich darauf hinzuweisen, dass er eher freiwillig eine Pizza Hawaii essen würde, als sich diesen Katzenjammer auch nur ein Mal anzuhören. Forza Italia.

Tag 2: Königin Beatrix und die Intimärzte

Bevor ich abends in meine Kabine flüchten kann, lerne ich noch einen der Bord-Musiker kenne, einen sehr netten und sehr talentierten Gitarrenspieler aus Panama. ER ist happy, sich ENDLICH mit jemandem außerhalb der Crew unterhalten zu können (da die wenigsten Gäste Englisch sprechen) und ICH bekomme stattdessen gute Insider Tipps für ruhige Plätzchen auf dem Schiff und die Dos und Do NOTs der Restaurant-Wahl. Wir unterhalten uns sehr gut und ich drohe an, mir jeden Abend „Wonderwall“ als Liedwunsch zu wünschen, wenn seine Tipps nicht SEHR gut waren.

Ich versuche ihn zu bestechen, dass er das Audio-Tape des unseligen „Unheilig“ Songs vernichtet, er weigert sich aber, weil das eine „very important German Band“ sei. Ich kläre ihn auf. Geht ja gar nicht die Latinos so zu veräppeln.

Ich gehe ins Bett. Das Schiff hat abgelegt, wenn ich meine Balkontür offen lade höre ich das Rauschen der „Wellen“, es ist wundervoll. Ich schlafe wie ein Stein, bis ich im drei aufwache weil ich vor lauter Rauscherei Pippi muss. Ich fürchte fast, dass es dieses unsägliche Alter ist, dass man ohne Vollrausch nicht mehr vernünftig durchschlafen kann. Ich stelle mir den Wecker auf 7:30 Uhr im entwas zu tun, das ich zu Hause nie kann und das mir in normalen Arbeitswochen so erstrebenswert vorkommt: In RUHE und mit einer Tasse Kaffee das Morgenmagazin schauen. Nun ja: Nichts gegen Dunja Hayali und ihre Freunde: Das ist offenbar nur dann irre informativ und erstrebenswert, wenn man halb bewusstlos auf der Bettkante sitzt und versucht den Arbeitsbeginn im Büro künstlich hinaus zu schieben. Ich will ausschalten und mich wieder umdrehen, drücke aber den falschen Knopf und zappe in die „Bordshow“ des Vize-Kapitäns (?!) Unterhaltungs-Chefs oder was auch immer er für einen Posten bekleidet hinein.

Sagen wir so: Wer so eine schöne Phantasie-Uniform trägt, den sollte man nicht dazu zwingen ein solches Format zu moderieren. Ich versuche darauf zu achten, ob er versucht ein „Seit 783 Tagen Gefangener der TUI Cruises“-Schild in die Kamera zu halten oder versteckte Botschaften zu senden. Ungefähr so als wenn ich noch vor zwei Wochen in einem Telefonat gesagt hätte „Übrigens: Ich habe eine Kreuzfahrt gebucht“. Da hätten die Leute, die mich gut kennen sofort aufgelegt und das Geiselbefreiungskommando geschickt.

Im weiteren Verlauf des Tages lerne ich den fleißigen Alleinunterhalter (so eine Art männliche Sylvie Mais) noch besser kennen als mir lieb ist. Ständig gibt es Bord-Durchsagen. Übers Wetter, über die Landausflüge, über Abend-Shows sowie Aufforderungen, dass die 168 Passagiere, die sich noch nicht zur täglichen Temperaturmessung eingefunden haben, dies bitte bis 12 Uhr tun mögen. Weshalb man diese Durchsage ab 9:00 Uhr jede viertel Stunde in ohrenbetäubender Lautstärke machen muss, obwohl die „Frist“ erst um 12 Uhr abläuft: Niemand weiß es. Da er klingt wie Hape Kerkeling, wenn er Königin Beatrix imitiert, habe ich ihn trotzdem direkt lieb.

Ich starte zum Frühstück. Wie in einem ordentlichen Altenheim gibt es Frühstück an den meisten Orten nur bis 10 Uhr. Ich tapere also ins deutlich länger geöffnete Buffet-Restaurant. Buffet ist ja ein Akronym für „Besonders Ungesunde Fettige Fressalien Engagiert Tunen“.

Aufgrund der Corona-Lage, darf man sich nicht selbst Essen auftun, sondern die zahlreichen engagierten Kellner tun das für einen. Ich sehe offenbar aus, als wäre ich kalorientechnisch unterversorgt, denn von allem wird mir locker die dreifache Menge Von dem auf den Teller gelebt, das ich mir genommen hätte.

Es gibt Schwarzbrot und ich weiß wieder, weshalb es nicht nur schlecht ist’s auf einem DEUTSCHEN Schiff zu urlauben. Davon abgesehen erinnert mich das Frühstück eher an alte Mensazeiten. Speck, der so hart ist, dass ich ihn stehen lassen muss, Rührei, das aus dem Ei aus dem Tetra-Pack hergestellt wurde (meine Hühner wären empört) aber: Ich WILL mich heute nicht beschweren. Stattdessen esse ich mein Schwarbrot (mit Margarine und Blutwurst) und schaue aufs Meer. Manchmal habe ich Angst, dass der absolvierte Achtsamkeitskurs mich ZU milde hat werden lassen.

An der angeschlossenen Bar bestellen die ersten Gäste „Radler“ bekommen aber aufgrund offensichtlich undeutlicher Artikulation mehrere Runden hintereinander „Grappa“ serviert. Sie trinken ihn nicht nur klaglos, sondern bei bester Laune und da soll nochmal einer sagen, der Deutsche sei nicht anpassungsfähig.

Die vielen Kellner und Köche kommen aus aller Herren Länder und freuen sich, wenn man ein paar Worte auf Englisch mit ihnen wechselt. Ich schmelze vor Freude, als ein thailändischer Kellner auf die Frage, ob es Erdbeermarmelade gebe „no haaaaaaave no haaaaaaave“ antwortet, eine Floskel, in die ich mich in Bangkok unsterblich verliebt habe. Neben „Never try never know“.

Ich habe jedenfalls beste Laune trotz des Gefühls, dass diese Reise ein wenig einem luxuriösen offenen Vollzug ähnelt. Vom Schiff alleine runtergehen: Njet. Ins Spa gehen: Njet. Tanzlustbarkeiten: Njet.

Dafür kann man beim Zimmerservice ausschließlich Alkohol aufs Zimmer bestellen, das gleicht dann vermutlich Vieles wieder aus.

Da ich natürlich wieder wesentliche Drogerie-Artikel zu Hause vergessen habe, besuche ich erstmals die Shopping-Passage. Nach kurzer Durchsicht stelle ich fest, dass sich die Angebotspalette dem Publikum angepasst hat (Klar: Der Markt regelt, trotzdem hätte die „unsichtbare Hand“ für meinen Geschmack ein bisschen weniger Glitzer und ein paar weniger Steppoutfits auswählen können). Ausserdem gibt es Ballerinas in allen Formen und Farben und „Schlüsselbänder“ an denen mal seine Bordkarte befestigen kann. Die einfachste Ausführung kostet stolze 6 Euro und trägt das Logo des Unternehmens. Ich kaufe ein solches Band äußerst widerwillig. Da man jedoch alle fünf Minuten seine Scheckkarten-große Karte ansonsten aus dem Portmonee friemeln muss; sei es drum.

Ich bin jedenfalls froh, dass mein Koffer angekommen ist und ich mich nicht, wie der Daheimgebliebene lapidar meinte ansonsten „ohne weiteres in der Bord Boutique hätte neu einkleiden können“. Dieses Unterfangen wäre nicht nur extrem teuer gewesen, sondern hätte mich ohne meinen Willen in ein Inge Meysel Lookalike verwandelt.

Gottlob blieb uns allen das erspart. Ich kaufe die vergessenen Drogerieprodukte und stelle verwundert fest, dass es fünf verschiedene Sorten Kondome zur Auswahl gibt. Vermutlich waren Pascals Eltern mit der Frucht ihrer Lenden irgendwann mal hier im Shop und danach wurde das Sortiment aufgestockt. Apropos Sex: Völlig unbekannt ist einem als Mensch der einer täglichen Erwerbstätigkeit nachgeht auch, was für absonderliche Sendungen vormittags bei den Privatsendern laufen. Ich zappe versehentlich in die „Intimfachärzte“, offenbar eine scripted reality Sendung, in der engagierte Laiendarsteller statt Polizisten und Durchschnitts-Asis Ärzte und Patienten mit exotischen Geschlechtskrankheiten mimen. O Tempora o Mores…. Ich schalte schnell um, weil ich gar nicht in die Verlegenheit kommen will doch neugierig zu werden, welche mysteriösen Veränderungen sich an Ronnys Schnippi vollzogen haben und weshalb.

Ich ziehe mich stattdessen mit meiner Karl Lagerfeld Biographie an die eher ruhige Bar im Heck zurück und lese himmlische drei Stunden lang. Die Tatsache, wie sehr Karl diese Umgebung verabscheut hätte, macht das Ganze noch reizender. Vielleicht sind es auch die vielen Aperol Spritz, wer weiß das schon so genau.

Tag 1 – Wo ist der Wendler, wenn man ihn braucht?

Hätte mir jemand erzählt, dass ich mal freiwillig einen Fuß auf ein Kreuzfahrtschiff setze, ich hätte ihm einen Vogel gezeigt. Eher würde der Teufel in der zugefrorenen Hölle, Welt (oder Unter-Welt?) Meister im Eiskunstlauf. Ich auf einem Kreuzfahrtschiff, das ist, als würde ein Pinguin in der Sahara urlauben oder ein Chamäleon in der Arktis. Oft genug habe ich betont, dass neben Birkenstock, Musical und – Achtung das wird später noch wichtig – der “Band” Unheilig Kreuzfahrten ganz oben auf meiner ewigen Liste der Verachtung stehen.

Doch ungewöhnliche Umstände fordern manchmal noch ungewöhnlichere Maßnahmen. Der obligatorische August-Urlaub auf der schönsten Insel der Welt: Abgesagt. Weil das Jahr 2021 neben andauernder weltweiter Pandemie, Flut, Wetter des Grauens, einer Arbeitsbelastung aus der Hölle (noch im feurigen Zustand) auch noch mit einer Großbaustelle um unser häusliches Domizil aufwartet. Deren Hauptunternehmer eifert offenbar den Erbauern des Kölner Doms ODER dem Projektleiter des Flughafens BER nach, wird nämlich einfach nicht fertig und treibt alle Bewohner inklusive des Hundes täglich zur Verzweiflung. Es sieht seit sechs Monaten rund um das Haus aus wie in Mordor, überall ist Dreck, jeden Tag sind Leute vor Ort die sich ausschließlich schreiend unterhalten können, Chaos stiften und Geld kosten. Von “Auferstanden aus Ruinen” ist aber trotz vollmundiger Beteuerungen immer noch nichts zu sehen. Das Einzige, das rasend schnell fertig ist sind Rechnungen. Und die Zahl der Katastrophen inklusive umgefallenem Riesen-Bagger, Ditsche in Hauswand weil “irgendjemandem” der Bagger durchgegangen ist, Zisterne eingebrochen weil Bagger zu schwer (“Uppsi!”).

Sei es wie es sei: Aus all diesen Gründen UND wegen meiner immer bedenklicher zunehmenden Dünnhäutigkeit war klar, dass ich “WEG” muss. Raus. Das Oberstübchen lüften. Die Gedanken Gassi führen. Da der große Mitreisende heldenhaft daheim zu bleiben entschied und sich die komplizierte Internet-Recherche nach bezahlbaren Orten, an denen man bei gutem Wetter in der Natur abschalten kann und die NICHT eingerichtet sind, wie eine Gefängniszelle fehlschlug, wurden wiederum zur Entscheidungsfindung alle Kriterien gelistet:

  • Sonne und Wärme
  • Sich um NICHTS kümmern müssen
  • Viel Zeit zum lesen
  • Angesichts der Pandemie eine Destination in Europa

Insbesondere angesichts Punkt zwei wurde es dann – nach tatkräftiger Beratung durch die beste Reise-Fee der Welt – UND weil man sich immer mal wieder auf Neues einlassen und die eigenen Vorurteile überprüfen MUSS diese Kreuzfahrt.
Geimpft, mehrfach getestet und entwurmt stehe ich also am Flughafen und die Reise kann beginnen. Ich bin ein “wenig” nervös, beruhige mich aber damit, dass ich notfalls die 10 Tage auf dem Mittelmeer ausschließlich auf meinem Balkon, im Bett oder im Fitnessstudio verbringen kann. Betrachte ich die Schlange der Wartenden, schwant mir nicht viel Gutes. Gut erkennbar an dem leuchtend roten Schnipsel, den man – in Origami-mäßiger Heimarbeit – als Teilnehmer dieser Seefahrt am Koffer befestigen muss, erkennt man die künftigen Mitpassagiere. Teilweise rüstig, teilweise weniger rüstig. Abwarten, denke ich mir.
Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht mich, als ich nicht – wie sonst IMMER- bei der Sicherheitskontrolle meine Schuhe ausziehen muss. Auch wird ein anderer armer Tropf, jedenfalls aber nicht ICH, der Sprengstoff-Kontrolle unterzogen. Das kam noch nie vor.

Auch stelle ich nach dem Boarding fest, dass kein einziges auf Krawall gebürstetes Baby oder Kleinkind in meiner Nähe sitzt. Sollte dieser Fluch Evtl gar nicht an MIR kleben, sondern an dem üblicherweise Mitreisenden? Trotz Destination Palma befindet sich – so denke ich – auch kein Kegelclub oder Junggesellenabschied an Bord. Alle sind sehr nett, ich (ICH!!!) unterhalte mich zufällig mit drei verschiedenen Leuten, hier stimmt doch irgendwas nicht. Ich bin beruhigt, als plötzlich eine komplette Reihe an sich recht distinguiert wirkender Herren goldene Helme mit Asterix-Flügeln aufsetzt, unisono eine Dose Bier öffnet und zu singen beginnt. Der gesamte Flug wird für diese und die umliegenden Reihen feucht, aber nur für eine Reihe besonders fröhlich. Es ist wundervoll zu beobachten, wie der Deutsche sich verhält, wenn sich ANDERE Deutsche so fürchterlich undeutsch, nämlich ausgelassen und fröhlich verhalten.

Mir bleibt zum Beobachten allerdings wenig Zeit, werde ich doch von dem neben mir sitzenden (zugegebenermaßen sehr gutaussehenden) Schweden besprochen. Fröhlich plaudert er auf Englisch mit diesem charmanten schwedischen Akzent drauf los. Beruf, Hobbies, aktuelle Lektüre, Göteborg in Zeiten der Pandemie, Holzverarbeitung (!?) und Philosophie in der Biologie (??) weshalb er das Meer nicht mag, obwohl er auf einer Insel aufgewachsen ist. Ich fühle mich unweigerlich an zu Hause erinnert, denn bisher kenne ich nur einen Mann, der so charmant und ohne Pausen und mit einem so bunten Potpourri an Themen drauflosplaudert. Als ich lange genug das schöne Gesicht und die tollen Augen bewundert habe beschließe ich, mich durch vorgetäuschten Schlaf dem weiteren Monolog zu entziehen. Das klappt zwar zu Hause nicht, ich vermute aber, das mir dieser fröhliche Geselle nicht einfach so lange in die Seite piekt, bis ich wieder “wach” bin – schließlich kennen wir uns SO gut ja dann auch nicht. Der Plan scheitert, täuscht der freundliche Nordmann doch seinerseits vor sich erleichtern zu müssen, was mich zum Aufstehen zwingt und ihn gesellschaftskonform berechtigt mich zu wecken. Verdammt.

Wir landen dennoch sicher, mein Gepäck ist schnell da und ich muss auf dem Halbmarathon durch den Flughafen von Palma lediglich 300 Mal mein digitales Einreiseformular einem völlig gelangweilten Mitarbeiter vorzeigen, der es sich nicht richtig anguckt. DAS ist Teamarbeit aus der Hölle: Große Manpower aber keiner arbeitet RICHTIG.

Ich steige in einen Bus der Schifffahrtsgesellschaft und gebe nicht nur meinen Koffer, sondern wie es scheint ab jetzt auch jegliche Verantwortung ab. Ein merkwürdiges Gefühl fûr einen Kontroll-Freak. Die Ansagen im Bus erinnern eher an Klassenfahrt. Hinsetzen, Mund Schutz auf, SITZENBLEIBEN, NICHT essen und trinken und dann wird durchgezählt. Wir fahren durch Palma. Irgendwo hier röhrt vermutlich Jürgen Milski mit Melanie Müller um die Wette, also per se ein magischer Ort.

Um mich herum mehrere Familien aus Sachsen. Die Kids sind total auf Endorphinen. Eins ruft noch auf dem – wirklich SEHR hässlichen – Parkplatz des Flughafens, sie habe noch nie einen so schönen Ort gesehen!!! DAS ist Begeisterung, die Dir KEIN teurer Tschakka-Coach beibringen kann. Ich streiche Sachsen endgültig von meiner “Muss man mal gesehen haben”-Liste. Zugleich versuche ich mir nicht vorzustellen, was hier los sein wird, wenn nicht nur Endorphine, sondern später auch noch diverse raffinierte Zucker in Gestalt von Speiseeis ihre Wirkung in den lieben Kleinen freisetzen.

Das Einschiffen verläuft recht unspektakulär, meine übliche Panik irgendeine Unterlage nicht dabei zu haben, war also – wieder – unnötig, ist aber bei mir nunmal Tradition. Das Sicherheitskonzept scheint gut durchdacht. Man kommt nur mit doppeltem Test an Bord, es wird täglich (Gottlob visuell, ein HOCH auf den technischen Fortschritt) Fieber gemessen, auf dem Schiff herrscht indoor Maskenpflicht und hinter jeder Ecke lauert einem jemand mit Desinfektionsmittel auf. Selbstverständlich wird auch zwischendurch getestet und man darf – was ich allerdings wirklich schade finde – das Schiff nicht verlassen, nimmt man nicht an einem organisierten Ausflug teil. Wer sich von seiner Gruppe entfernt muss abreisen.

Ich beziehe meine Kabine, falle weinend meiner Tasche in die Arme (auch so eine Horrorvorstellung, dass wie in Afrika die Tasche nicht ankommt), räume aus und nehme einen Kaffee auf meinem Balkon ein. Life is good.

Später gehe ich in eines der zahlreichen Restaurants. Der Kellner ist ernsthaft entsetzt, dass ich alleine hier bin. “BUT WHY!!!!” Entfährt es ihm mehrfach. Weshalb ich denn keinen Mann und keine Kinder hätte!!!!! Ich beruhige ihn, dass zumindest ein Mann und ein sehr haariges, canides-Kind zu Hause auf mich warten. Er kann es gleichwohl nicht fassen, muss sich sodann aber um einen marodierenden Dreijährigen kümmern, der Tischdecken von Tischen zieht, eine riesige Vase umschmeißt und das Restaurant offenbar für einen sehr schlecht gestalteten Indoor-Spielplatz hält. Die Eltern widmen sich lieber mit Hingabe ihrem Hummer-Süppchen. Ist doch prima, wenn sich Leute, die eigentlich für etwas ganz anderes bezahlt werden mit den Zicken des eigenen Nachwuchses herumschlagen und man selbst nur alle paar Minuten aus erheblicher Entfernung “Nein Pascal!!!!” ruft. Ich zeige auf Pascal und erkläre wortlos, weshalb ICH kein Kind habe.

Ortswechsel. Die Sonne ist untergegangen, Die Passagiere haben sich an Deck versammelt: Wir legen ab. Ein “Lied” ertönt und ich bereite mich vor, angemessen ergriffen zu sein. Entsetzt stelle ich fest, dass die Hymne des Schiffes ein Song der Band Unheilig ist!!! Ich dachte mit dem Rückzug des “Grafen” aus der Öffentlichkeit sei jedwedes Liedgut dieses Teufels-Ensembles ebenfalls in der Bedeutungslosigkeit versunken, aber NEIN! Hier wird es in ohrenbetäubendere Lautstärke und mit “Lightshow” untermalt völlig schamlos gespielt. Ich gehe umgehend auf mein Zimmer und hätte mir NIE träumen lassen, dass ich mir jemals den Wendler herbeiwünschen würde.

Folgt NICHT der Sandale!!!

Immer wenn du denkst, in Deutschland kann es schlimmer nicht werden, wirst du eines besseren belehrt. Neben Rassismus, „Bauchfrei“ und dem Sodastream hat nun auch die Birkenstock-Sandale ihr Revival.

Dieser Inbegriff von Pragmatismus, Spießigkeit und der Gewissheit, dass JEDER der dieses Fusskleid trägt auf ewig von der Liste derer gestrichen wird, die für Koitus (theoretisch) in Frage kommen können. Wer diese Schlappe trägt, weil sie so „bequem“ und vermeintlich „gesund“ ist, kommt auch mit Kittelschürzen-Romantik bestens klar und trägt privat vermutlich mit Vorliebe Jack Wolfskin Jacken (gerne in poppigen Farben UND im Partnerlook), die sich übrigens recht scheußlich mit der Pest-Pantoffel kombinieren lassen.

Ungeachtet dessen, war dieser „Schuh“ bereits ab dem Zeitpunkt untragbar, als Heidi Klum Markenbotschafterin wurde. Selbst Heidi, die für ein paar Kröten vermutlich sogar Werbung für Napalm machen würde, scheint allerdings aufgeschienen zu sein, dass die Grenze des guten Geschmackes spätestens mit diesem Job überschritten war.

Egal wie viel Glitzer, Glimmer oder Fellapplikationen aus ersticktem Hamster man mit der Heissklebepistole an diese Schluffe klebt: es wird nicht akzeptabler. Apothekenumschau-Charme bleibt Apothekenumschau-Charme. Egal was sich die instagrammerinnen erzählen, denn – aufmerkt – die werden dafür bezahlt, dass sie diesen Mist auf ihren Fotos tragen, würden sich aber privat NIE darin blicken lassen.

Obiges gilt übrigens auch für Badelatschen mit Fellapplikation. (Siehe den Markenstreit Puma ./. Dolce & Gabbana vor dem OLG München)

Eure Männer / Freunde, die behaupten Hobbit-Füße in stylischer Gesundheits-Tretern seien ok oder sogar „sexy“: Sie lügen. DASS sie lügen, erzählen sie MIR. Und Nein: Auch die foxy „Flip-Flop Variante“ in Gold macht es NICHT besser und ist auch KEIN „Hippie-Ibiza-Style“. Auf Ibiza kannst du nur mit einem String aus Serrano Schinken bekleidet in den tollsten Club am Platze marschieren, ohne dass Dich irgendwer komisch anschaut. Tauchst Du da in Saurons-Sandale auf, fällt selbst dem eingefleischtesten Hippie vor Schreck der Joint aus den Mund.

Auch der Besitz von Kindern ist keine Entschuldigung. Nur weil man selbst Kinder hat werden ja andere Menschen nicht plötzlich blind.

„Mach deine Füße glücklich“ lautet der Slogan von Birkenstock. Gratis Lebensweisheit: Glückliche Füße machen nicht mehr glücklich, wenn das Sozialleben qua scheußlicher Schuhwahl tot ist. Daher:

Entfolgt der Sandale!!!!